Im Schatten des Granatapfelbaums
Auszugsweiser Vorabdruck eines Artikels aus theo. Katholisches Magazin. 1/2010
Oder: Die Hoffnung fällt nicht weit vom Stamm
Die Liebe hat zwei Schwestern: Glaube heißt die Ältere und ist an ihrem fest entschlossenem
Gesichtsausdruck zu erkennen. Die jüngere wird Hoffnung genannt und erstrahlt in elfenhafter
Schönheit: zerbrechlich, unnahbar und diffus betörend wie ein Sommermorgen. 2010 soll ihr Jahr
werden – eine ganze Woche lang treffen sich Christen im Mai in München, um ihrem Charme auf
dem 2. ökumenischen Kirchtag zu erliegen. Theo-Autor Sven Schlebes hat sie bereits im Winter
ihre Zuneigung entgegengebracht und deutlich gezeigt, dass dem wahre Hoffnung zu teil wird, der
alle Hoffnung fahren lässt. Ein Tatsachenbericht voller Hoffnung.
Von Sven Schlebes
Der Tag begann mit Kälte, ein wenig Wind und Schnee in Massen. Das war der Tag, an dem die
Bremsen meines Fahrrads einfroren, ein roter Granatapfel im Strassenrandschnee leuchtete und die
Chefredaktion von theo beschloss: „Schlebes, du schreibst über die Hoffnung.“ Dieser Tag war ein
merkwürdiger Tag. Die eingefrorenen Bremsen zwangen mich zu Laufen, so fand ich den
Granatapfel, verpasste aber die Abgabe eines wichtigen Projektexposés. Der Job war futsch und mit
ihm die Hoffnung auf drei Jahre kontinuierlichen Geldflusses. Warum in aller Welt soll gerade ich
zum jetzigen Zeitpunkt der herzallerliebsten Hoffnung durch Worte zur Wiederauferstehung
verhelfen? Damit sie mich erneut verführt, antreibt und sich dann kurz vorm Höhepunkt wie eine
keusche Jungfrau mit einem Lächeln aus dem Staub macht?
Eine Woche vor diesem Granatapfeltag hatte mir meine Geschäftspartnerin eröffnet, dass sie erneut
„guter Hoffnung sei“. Ich gebe zu: In diesem Moment sind meine Hoffnungen auf ein tatkräftiges
Jahr im Team zerstoben. Von einer Sekunde auf die nächste war von meiner leuchtenden
„Hoffnung“ nicht mehr viel übrig. Wieder einmal. Wie oft hatte die sogenannte „Hoffnung“ in den
letzten Jahren nicht nur ihrem Namen alle Ehre (mittelniederdeutsch für: Hüpfen, unruhig springen)
sondern sogar als trügerisch erwiesen? Was in einem Moment noch eine Zukunft ohne Sorgen
versprach, zeigte sich kaum eine Woche später als wahrer Horrortrip. Da waren die unzähligen
„Businessmeetings“ mit „wichtigen Menschen“. Anwesend waren jedoch nur Hungerleider wie
meiner einer. Ohne Job, geschweige denn Geld; Die zahlreichen Workshops, in denen Menschen
ihre Lebensideen vortrugen, nur um festzustellen, dass diese sich nicht mit den Plänen der anderen
vertragen und und sich dann schmollend verzogen. Und die Mitarbeit an zahlreichen Castingshows,
in denen sogenannte „Menschen ohne Hoffnung“ über Nacht zum hoffnungsvollen Star von
Morgen avancierten. Und dann im günstigsten Fall der Vergessenheit anheim fielen – und im
schlimmsten der Lächerlichkeit.
Was strahlst du mich so an, Hoffnung, mit deinem roten Mund und deiner saftigen Haut?
Soll ich dir etwa dankbar sein für deine erneute Erwählung?
Ich hätte sie liegen lassen sollen, deine Frucht.
Außen versprichst du das Leben.
Aber schmecken tust du bitter.
Wenn nicht gar der Wurm in dir haust.
Ach, mögest du restlos verschwinden.
Lass mich doch einfach in Ruh.
[...]