Wo ist die Mitte Berlins?
Veröffentlicht in theo 4/2009
Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist bei Gott möglich (Jahreslosung 2009)
Auf der Suche nach seiner Mitte hat Berlin den Palast der Republik abgerissen. Aus gesundheitlichen Gründen. Zum Vorschein kamen die Grundmauern des ehemaligen Stadtschlosses. Symbolischer Integrationspunkt eines alten und nun auch zukünftigen Deutschlands. Etwas abseits im Süden drangen Archäologen tiefer ins Erdreich der Geschichte ein, legten neben Gräbern die Grundmauern eines Dominikanerklosters frei und öffneten damit den Blick für eine etwas andere Debatte um eine Berliner Ursprungs-Geschichte.
Theo-Autor Sven Schlebes ist hinabgestiegen zu den ehemaligen Fundamenten im Sand an der Spree auf der Suche nach dem Fels für kommende Tage.
Als Jesus diese Welt verließ, senkte sich Dunkelheit über den Grabhügel und es wurde still. Für mich war dies früher im Kindergottesdienst immer der Zeitpunkt, an dem die frohe Botschaft erstarrte und eine Eiskälte in mein Herz einzog. Da konnte er nachher noch so pompös in den Himmel auffahren: Für mich war die Geschichte hier zu Ende. Vielleicht auch, weil im Kirchenschiff der Gekreuzigte als letztes sichtbar-konkretes Zeichen zu sehen ist. Er da – ich hier. Und dann war er weg. Dieses Gefühl von frierender Einsamkeit ist nie wieder ganz weggegangen. Gerade in Tagen wie diesen, an denen die Dunkelheit schier übermächtig wird und sich das Leben, die Menschen und ihre Systeme insgesamt im Übergang und Wandel befinden, ist es besonders stark. Und körperlich spürbar wird es an dem Ort, von dem Archäologen zur Zeit behaupten, er sei möglicherweise der Ursprung Berlins: die Furt über die Spree zwischen dem Nikolaiviertel und dem ehemaligen Stadtschloss. Dort, wo einst Deutschlands Kaiser Hof hielten und Erich Honnecker ein Licht aufging, erstreckt sich heute eine ein Hektar große Rollrasenfläche und einige abgezäunte Ausgrabungsflächen. Eben nichts. Außer Rasen. Angeblich nur bis 2010. Dann soll hier mit dem Aufbau des Humboldtforums begonnen werden und einer visuellen Wiederauferstehung des ehemaligen Stadtschlosses. Doch in diesem Winter 2009 scheint die Stadt und ihre Geschichte in eine Lücke einzutreten, einen Wendepunkt zwischen Ein- und Ausatmen. In die Stille. Eigentlich hatte ich mich mit einem der Wissenschaftler verabredet, die die Ausgrabungen um das Fundament des Dominikanerklosters leiten. Doch auf halber Strecke über den freien Platz fuhr sie in mich – diese schreckliche Freiheit des Ortes. Und sie hinderte mich am Weitergehen. Ich konnte nicht anders als mich hinzusetzen und tief durchzuatmen. Es war eine eigenartige Mischung aus Kälte, Einsamkeit, Dunkelheit und Stille, die mich lähmte. Nie hätte ich gedacht, dass die Abwesenheit von etwas mächtiger sein kann als ein in Beton gegossener Warheitsanspruch.
Dort drüben, auf der anderen Spreeseite, sind von hinten wenigstens noch die Apologeten eines alten Systems zu sehen: Marx und Engels. Doch hier auf dem Grünen im Dunklen steht noch nichts.
„Stell dir vor, du kannst deine eigene Welt aufbauen“ lautete ein Aufsatzthema aus meiner Schulzeit. Damals war das Thema der Schlüssel zu einem Land voller Träume und Lebendigkeit. Würde man sie mir jetzt stellen, diese Aufgabe, ich glaube, ich würde versagen. Zunächst mal müsste ich nachdenken, was ich denn wollte. Denn die Ergebnisse meiner Wünsche sind hier in Berlin live und in Farbe zu sehen. Aber was davon taugt wirklich als Ausgangspunkt für ein gelingendes Leben? Was ist wirklich Basis und verkommt nicht im Laufe der Zeit zum Gefängnis? Was verleiht Flügel, lässt Wachsen und schenkt Freude? Der Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich meine Verabredung mittlerweile schon über eine halbe Stunde habe warten lassen. Zeit, die mir heute Abend für das Schreiben des Artikels fehlen wird. Wie schrecklich, dieses Nichts. Der Druck wächst.
Aber zum Glück ist ja bereits entschieden, was an die Stelle der Leere kommen wird. Eine Haus der Lehre im Gewand des alten Stadtschlosses. Wie sich wohl die Dominikaner gefühlt haben müssen, als sie den Grundstein für ihr Kloster an dieser Stelle gelegt haben? Vielleicht wie im Paradies, denn als ursprüngliche Wanderprediger und Verkündiger des Namens des Herren brauchten sie die Beschauung der inneren Leere, um des wahren Lebens voll zu werden (Thomas von Aquin).
Manchmal nimmt das Leben seltsame Wege. Sei es das eines einzelnen Menschen oder einer Gemeinschaft. Ohne den Palastabriss wäre wohl keine Gelegenheit gewesen, die Grundmauern des Dominikanerklosters wiederzuentdecken. Und die angespannte finanzielle Situation von Bund und Stadt sorgt dafür, dass aus der provisorischen Leere auf grünem Rasen ein Freiraum deutlich wird für die Entdeckung des ursprünglichen Lebens.
Wir – mich eingeschlossen – haben nur verlernt, mit dem Ursprung Kontakt aufzunehmen. Und der Angst das Feld überlassen vor der Dunkelheit und der Einsamkeit.
Zum Glück verschwindet in diesem Moment auch das letzte Tageslicht, so dass Mond und Abendstern am Nachthimmel klar erscheinen können und die Rasenfläche sanft bescheinen. Die Ausgrabungsstelle ist vergessen, meine Arbeit und mit ihr meine Sorgen.
Eine Frage bleibt zum Schluss: Was wäre, wenn alles mögliche wäre?
Anmerkung: In Berlin haben sich Menschen in über 60 Ordenskongerationen zusammengefunden, um das innere Licht in und das Leben an sich zu entdecken. Wege zu den Ordenkongregationen finden Sie auf: www.erzbistumberlin.de
