Liebeslied

 

VIJNANABHAIRAVA TANTRA

ÜBERSETZT UND WEITERGEGEBEN VON DANIEL ODIER

Bhairava und Bhairavi, liebend in derselbenErkenntnis vereint, entstiegen dem Un-, Unterschiedenen auf dass ihr Zwiegespräch die Menschen erleuchte.

1. Bhairavi, die Shakti Bhairavas sagt:
O Gott, der du das Universum manifestierst und mit dieser Manifestation dein Spiel treibst, du bist kein anderer als mein Selbst. Ich habe die Unterweisung des Trika erhalten, die Quintessenz aller heiligen Schriften. Doch habe ich noch einige Zweifel.

2. – 4. O Gott, welche ist, vom Standpunkt der absoluten Wirklichkeit aus gesehen, die essentielle Natur Bhairavas? Besteht sie aus der Energie, die mit den Lauten verbunden ist? Aus der Verwirklichung der wesentlichen, mit Bhairava verbundenen Natur? Aus einem besonderen Mantra? Aus den drei Shakti? Aus der Gegenwart des in jedem Wort lebendigen Mantras? Aus der Kraft des in jedem Teilchen des Universums gegenwärtigen Mantras? Besteht sie aus den Chakras? Aus dem Laut „HA“? Oder ist es etwa einzig die Shakti?

5. – 6. Ist das Zusammengesetzte der immanenten und transzendenten Energie entsprossen, oder tritt es nur aus der immanenten Energie hervor? Wenn das Zusammengesetzte nur aus der transzendenten Energie hervortritt, hätte die Transzendenz dann selbst also kein Objekt mehr. Die Transzendenz kann nicht in Töne und Teilchen unterschieden werden, denn ihre ungeteilte Natur erlaubt es ihr nicht, sich im Vielfachen zu befinden.

7. – 10. O Herr, möge deine Gnade meine Zweifel zerstören!
Tadellos, tadellos! Deine Fragen, Innigstgeliebte, bilden die Quintessenz des Tantra. Ich werde dir ein geheimes Wissen offenbaren: Alles, was als zusammengesetzte Form Bhairavas wahrgenommen wird, muss als Fantasiegebilde betrachtet werden, als magische Illusion, eine am Himmel hängende Geisterstadt. Eine solche Beschreibung hat nur zum Ziel, die in Illusion und weltlichen Aktivitäten Verstrickten dazu zu bringen, sich der Kontemplation zuzuwenden. Solche Unterweisungen gelten denen, die sich für Riten und äußerliche Übungen interessieren und dem dualistischen Denken unterworfen sind.

11. – 13. Vom absoluten Standpunkt her gesehen ist Bhairava weder mit den Buchstaben noch mit den Lauten, noch mit den drei Shakti verbunden; weder mit der Öffnung der Chakras noch mit anderen Glaubenssätzen; die Shakti macht nicht seine Essenz aus. All die in den Schriften dargelegten Konzepte sind für die bestimmt, deren Geist noch zu unreif ist, um die höchste Wirklichkeit zu erfassen. Das sind nur Naschereien, um die Jünger zu ethischem Verhalten und spiritueller Praxis zu bewegen, damit sie eines Tages verstehen, dass die höchste Natur Bhairavas nicht von ihrem eigenen Selbst getrennt ist.

14. – 17. Die mystische Ekstase ist dem dualen Denken nicht unterworfen, sie ist völlig frei von Orts-, Zeit- und Raumvorstellungen. Diese Wahrheit kann nur von der Erfahrung berührt werden. Man kann sie nur erreichen, wenn man sich völlig von der Dualität und dem Ego befreit und wenn man fest in der Fülle des Bewusstseins des Selbst gegründet ist. Dieser Zustand Bhairavas ist mit der reinen Glückseligkeit der Nicht-Unterscheidung von Tantrika und Universum getränkt, er allein ist die Shakti. Ist man dergestalt in der Wirklichkeit seiner eigenen Natur wieder erkannt und enthält man das ganze Universum, kommt man mit der höchsten Sphäre in Berührung. Wer könnte da noch verehrt werden? Wem könnte da die Verehrung noch Erfüllung bringen? Einzig diese Verfassung Bhairavas ist – als die höchste anerkannt – die Große Göttin.

18. – 19. Nachdem kein Unterschied zwischen der Shakti und ihrem Besitzer mehr besteht und auch nicht zwischen Substanz und Objekt, ist die Shakti mit dem Selbst identisch. Die Energie der Flammen ist nichts anderes als das Feuer. Alle Unterscheidung ist nur ein Vorspiel zum Weg der wahren Erkenntnis.

20. – 21. Wer den Zugang zur Shakti hat, erfasst die Nicht-Unterscheidung zwischen Shiva und Shakti und überschreitet die Eingangspforte zum Göttlichen. So, wie man den Raum erkennt, weil er durch die Sonnenstrahlen erhellt wird, so erkennt man Shiva Dank der Shakti, die die Essenz des Selbst ist.

22. – 23. O höchster Gott! Du, der du einen Dreizack und eine Schädelkette trägst, wie soll man die absolute Fülle der Shakti erreichen, die jede Vorstellung, jede Beschreibung transzendiert und die Zeit und Raum aufhebt? Wie soll man diese Nicht-Dualität mit dem Universum verwirklichen? In welchem Sinn heißt es, die höchste Shakti sei die Geheimtür zum Zustand Bhairavas? Kannst du in gewöhnlicherSprache auf diese absoluten Fragen antworten?

24. Die höchste Shakti offenbart sich, wenn Einatmen und Ausatmen an den beiden oben und unten liegenden Punkten auf- und absteigen. So mache zwischen zwei Atemzügen die Erfahrung des unendlichen Raums.

25. Infolge der Bewegung des Atems und seines Stillstands zwischen Ein- und Ausatmen, wenn er an den beiden äußeren Punkten innehält, werden dir äußeres und inneres Herz, zwei leere Räume offenbart: Bhairava und Bhairavi.

26. Wenn der Körper im Moment des Aus- und Einatmens entspannt ist, nimm in der Auflösung des dualen Denkens das Herz, das Energiezentrum wahr, in das sich die absolute Essenz des Bhairava-Zustands ergießt.

27. Hast du vollständig ein- oder ausgeatmet und hört die Bewegung von allein auf, verschwindet in dieser allumfassenden und friedlichen Atempause die Vorstellung des „Ich“ und die Shakti offenbart sich.

28. Betrachte die Shakti wie ein helles, immer subtiler werdendes Strahlen, sie wird von der Atemenergie von Zentrum zu Zentrum getragen, von unten nach oben, durch den Lotusstängel hindurch. Wenn sie im obersten Zentrum zur Ruhe kommt, erwacht Bhairava.

29. Das Herz öffnet sich, und von Zentrum zu Zentrum steigt wie ein Blitz die Kundalini auf. So offenbartsich Bhairavas Pracht.

30. Meditiere auf die zwölf Energiezentren, die zwölf damit verbundenen Buchstaben und befreie dichvom Stofflichen, um zu Shivas höchster Subtilität zu gelangen.

31. Konzentriere die Aufmerksamkeit zwischen den beiden Augenbrauen, halte deinen Geist frei von jedem dualisierenden Gedanken, lass deine Gestalt sich bis zum Scheitel mit der Essenz der Atmung füllen und bade dort in der lichten Räumlichkeit.

32. Stelle dir die fünf farbigen Kreise einer Pfauenfeder als die fünf in den unbegrenzten Raum ausgestreuten Sinne vor und verweile in der Räumlichkeit deines eigenen Herzens.

33. Leere, Mauer, welches auch der Gegenstand deiner Betrachtung sein mag, er ist die Matrix der Räumlichkeit deines eigenen Geistes.deinem

34. Schließe die Augen, schaue den ganzen Raum, als sei er von deinem eigenen Kopf aufgenommen, richte den Blick nach innen und sehe dort die Räumlichkeit deiner eigenen Natur.

35. Der mittlere Kanal ist die Göttin, wie der Stängel eines Lotus, innen rot, außen blau. Er geht durch deinen Körper. Wenn du über seine innere Leerheit meditierst, gelangst du zur göttlichen Räumlichkeit.

36. Verschließe die sieben Öffnungen des Kopfes mit deinen Händen und gehe im Bindu, dem unendlichen Raum zwischen den Augenbrauen, auf.

37. Meditierst du im Herzen, im oberen Zentrum oder im Raum zwischen beiden Augen, so entsteht der Funke, der das diskursive Denken auflöst, so wie man die Lider zart mit den Fingern berührt. Du wirst dann im höchsten Bewusstsein aufgehen.

38. Gehe in das Zentrum des spontanen, von selbst vibrierenden Klangs hinein, wie in den fortwährenden Klang eines Wasserfalls, oder halte dir die Ohren zu, höre den Klang der Klänge und gelange zu Brahman, der Unermesslichkeit.

39. O Bhairavi, singe bewusst und langsam „OM“, das Mantra der liebenden Vereinigung von Shiva und Shakti. Geh in den Klang hinein, und wenn er erlischt, gleite in die Freiheit des Seins.

40. Konzentriere dich auf das Auftauchen und das Verschwinden eines Klangs, erreiche dann die unaussprechliche Fülle der Leere.

41. Des Gesangs, der Musik völlig gewahr, tritt ein in die Räumlichkeit mit jedem Ton, der darin aufsteigt und sich darin wieder auflöst.

42. Visualisiere einen Buchstaben, lass dich von seiner Helligkeit erfüllen. Mit offenem Bewusstsein begib dich in seine Klangfülle und dann in ein immer feiner werdendes Gefühl. Wenn sich der Buchstabe im Raum auflöst, sei frei.

43. Wenn du die leuchtende Räumlichkeit deines eigenen, in alle Richtungen ausstrahlenden Körpers begreifst, befreist du dich von der Dualität und fügst dich ein in den Raum.

44. Wenn du gleichzeitig die Räumlichkeit des Ober- und des Unterkörpers betrachtest, trägt dich die Energie außerhalb des Körpers über das dualisierende Denken hinaus.

45. Verharre gleichzeitig in der Räumlichkeit des Unterkörpers, des Herzens sowie des Scheitels. So breitet sich durch die Abwesenheit des dualisierenden Denkens das göttliche Bewusstsein aus.

46. Nimm in einer Sekunde die Nicht-Dualität an einer Stelle des Körpers wahr, durchdringe diesen unendlichen Raum und erlange die von der Dualität befreite Essenz.

47. O Frau mit den Gazellenaugen, lass den Äther deinen Körper durchdringen, gehe in der unsagbaren Räumlichkeit deines eigenen Geistes auf.

48. Nimm an, dein Körper sei durch die Haut zusammengehaltene, reine lichte Räumlichkeit und erlange das Grenzenlose.

49. O Schönheit! Mit den im Raum des Herzens ausgebreiteten Sinnen erfasse die Wesenheit der Shakti wie ein Goldpuder von unsagbarer Feinheit, der in deinem Herzen schimmert und sich von dort in den Raum ergießt. So wirst du höchste Glückseligkeit erlangen.

50. Wenn dein ganzer Körper von Bewusstsein durchdrungen ist, löst sich der einsgerichtete Geist im Herzen auf, und du dringst also ein in die Wirklichkeit.

51. Richte deinen Geist auf das Herz aus, wenn du dich weltlichen Aktivitäten hingibst; auf diese Weise wird die Ruhelosigkeit verschwinden, und in wenigen Tagen wirst du das Unbeschreibliche erfahren.

52. Konzentriere dich auf ein immer heftigeres Feuer, das von deinen Füßen emporsteigt und dich gänzlich verzehrt. Wenn vom Wind nur noch verstreute Asche übrig bleibt, erfahre die Ruhe des Raums, der zum Raum zurückkehrt.

53. Sieh, wie die ganze Welt in ein riesiges Flammenmeer verwandelt wird. Dann, wenn alles nur noch Asche ist, gehe ein in die Glückseligkeit.

54. Wenn die immer subtileren Tattvas von ihrem eigenen Ursprung absorbiert werden, wird dir die höchste Göttin offenbart.

55. Komm zu einer kaum wahrnehmbaren, zwischen den beiden Augen konzentrierten Atmung; dann, wenn das Licht aufgeht, lass die Shakti bis ins Herz hinabsteigen und erlange dort, in der leuchtenden Gegenwart, im Moment des Einschlafens die Herrschaft über die Träume und kenne das Mysterium des Todes selbst.

56. Betrachte das gesamte Universum, als ob es sich in immer subtilere Formen auflösen würde, bis zu seiner Verschmelzung im reinen Bewusstsein.

57. Wenn du auf das Shiva-Tattva, die Quintessenz des ganzen Universums, meditierst, wirst du – ohne Begrenzungen im Raum zu erfahren – die höchste Ekstase kennen.

58. O große Göttin! Erkenne die Räumlichkeit des Universums und werde zum Krug, der es in sich aufnimmt.

59. Betrachte eine Schale oder ein Gefäß, ohne seine Ränder oder die Materie zu sehen. Binnen kurzer Zeit werde du dir des Raums bewusst.

60. Verweile an einem unendlich weiträumigen Ort, ohne Bäume, ohne Hügel, ohne Behausungen; lass deinen Blick in diesem unberührten Raum umherschweifen, von dort kommt die Entspannung des Geistes.

61. Im leeren Raum, der zwei bewusste Augenblicke voneinander trennt, offenbart sich die leuchtende Räumlichkeit.

62. Genau dann, wenn du den Impuls hast, etwas zu tun, halt ein. Wenn du dann weder im vorausgehenden noch im nachfolgenden Augenblick bist, entfaltet sich die Verwirklichung besonders intensiv.

63. Betrachte die ungeteilten Formen deines eigenen Körpers und die des gesamten Universums als ein und dieselbe Natur. Auf diese Weise ruhen dein allgegenwärtiges Wesen und deine eigene Form in der Einheit, und du erlangst die Natur des Bewusstseins.

64. Konzentriere dich bei jeglicher Aktivität auf den Raum, der das Einatmen vom Ausatmen trennt. Gelange so zur Glückseligkeit.

65. Spüre deine Substanz: Knochen, Fleisch, Blut durchtränkt von kosmischer Essenz und erfahre die höchste Glückseligkeit.

66. O Schöne mit den Gazellenaugen, betrachte die Winde wie deinen eigenen Körper der Glückseligkeit. Im Moment des Erschauerns gelange zum leuchtenden Gewahrsein.

67. Wenn deine Sinne erschauern und dein Denken reglos geworden ist, begib dich in die Atemenergie, und in dem Augenblick, in dem du ein Kribbeln spürst, erfahre die höchste Freude.

68. Wenn du das sexuelle Ritual praktizierst, möge das Denken im Erschauern der Sinne verweilen wie der Wind in den Blättern. So erreiche die räumliche Glückseligkeit der liebenden Ekstase.

69. Sei zu Beginn der Vereinigung im Feuer der Energien, die durch die innige Freude befreit werden. Gehe in der göttlichen Shakti auf und brenne weiterhin im Raum, ohne am Ende die Asche zu kennen. Diese Wonnen sind in Wirklichkeit diejenigen des Selbst.
Spannung mit dem Blick auf, dann wirst du die wundervolle Beständigkeit Bhairavas

70. O Göttin! Die Freude der inneren, aus der Vereinigung geborenen Glückseligkeit kann sich in jedem Moment durch die leuchtende Gegenwart des Geistes wiederholen, der sich intensiv diese Freude vergegenwärtigt.

71. Wenn du einen geliebten Menschen wieder triffst, sei vollständig in dieser Glückseligkeit und durchdringe den leuchtenden Raum.

72. Wenn du überschwängliche Freude und Ausdehnung beim Genuss von köstlichen Speisen und Getränken erfährst, sei ganz mit diesem Genießen und koste dadurch die höchste Glückseligkeit.

73. Geh auf in der durch den Genuss von Musik oder anderen Beglückungen der Sinne verursachten Freude. Wenn du nur noch diese Freude bist, erlangst du das Göttliche.

74. Dort, wo du Befriedigung findest, wird dir die Essenz der höchsten Glückseligkeit offenbart, wenn du an diesem Ort ohne mentale Schwankung verweilst.

75. Im Moment des Einschlafens, wenn der Schlaf noch nicht gekommen ist und der Wachzustand verschwindet: erkenne in genau diesem Augenblick die höchste Göttin.

76. Wenn im Sommer dein Blick sich im unendlich klaren Himmel verliert, dringe in diese Klarheit, die Essenz deines eigenen Geistes, ein.

77. Der Eintritt in die Räumlichkeit deines eigenen Geistes erfolgt in dem Moment, in dem die Intuition sich befreit durch den festen Blick, das ununterbrochene Saugen an der Liebe, durch die heftigen Gefühle, den Todeskampf oder den Tod.

78. Sitze bequem, Hände und Füße im Leeren und gehe ein in den Raum der unsagbaren Fülle.

79. In bequemer Haltung, die Hände auf Schulterhöhe geöffnet, wird sich allmählich ein Ring von leuchtender Räumlichkeit zwischen deinen Achselhöhlen ausbreiten. Er entzückt dein Herz und verursacht einen tiefen Frieden.

80. Richte deinen Blick ohne Lidschlag auf einen Kieselstein, ein Holzstück oder jeden anderen gewöhnlichen Gegenstand. Dann verliert das Denken allen Halt und gelangt schnell zu Shiva/Shakti.

81. Platziere mit offenem Mund deinen Geist in deine Zunge im Zentrum der Mundhöhle. Beim Ausatmen gebe den Laut „HA“ von dir und erfahre das friedliche Gewahrsein der Welt.

82. Wenn du liegst, sieh deinen Körper, als habe er keine Stütze. Lass dein Denken sich im Raum auflösen, so wird sich der Inhalt des tiefsten Bewusstseins auch auflösen, und du erfährst die reine, vom Traum befreite Gegenwart.

83. O Göttin, freue dich an der äußerst langsamen Bewegung deines Körpers, eines Reittiers, eines Fahrzeugs, und mit friedlichem Geist schlüpfe in den göttlichen Raum hinein.

84. Ist dein Blick ohne Lidschlag auf einen ganz klaren Himmel gerichtet, löst sich die erreichen.

85. Dringe in die lichte, in deinem eigenen Kopf ausgebreitete Räumlichkeit Bhairavas ein. Gehe heraus aus Raum und Zeit, sei Bhairava.

86. Gelangst du zu Bhairava, indem du die Dualität im Wachzustand auflöst, möge diese räumliche Gegenwart im Traum weitergehen, und du mögest die Nacht des Tiefschlafs durchgehen wie Bhairavas Gestalt selbst, dann erfahre die unendliche Pracht des erwachten Bewusstseins.

87. Schaue während einer schwarzen Neumondnacht in die Finsternis, lass dabei dein ganzes Sein in dieser Dunkelheit aufgehen und erlange die Gestalt Bhairavas.

88. Löse dich mit geschlossenen Augen in der Dunkelheit auf, öffne dann die Augen und identifiziere dich mit der schrecklichen Gestalt Bhairavas.

89. Wenn sich ein Hindernis der Befriedigung eines Sinns entgegenstellt, dann ergreife den Moment der räumlichen Leerheit, diese ist die Essenz der Meditation.

90. Sprich aus vollem Herzen ein Wort aus, das mit „AH“ endet; lass dich in diesem „H“ vom hervorquellenden Weisheitsstrom mitreißen.

91. Wenn man seinen von jeglicher Struktur befreiten Geist auf den Endklang eines Buchstabens ausrichtet, offenbart sich die Unermesslichkeit.

92. Wenn das Bewusstsein beim Gehen, Schlafen und im Träumen alle Stützen aufgegeben hat, dann erkenne dich als leuchtende und räumliche Gegenwart.

93. Stich in eine Stelle deines Körpers hinein und gelange durch diesen einzigen Punkt in das leuchtende Reich Bhairavas.

94. Wenn sich durch Kontemplation die Leerheit des Egos, des handelnden Intellekts und des Geistes offenbart, wird alle Form zu einem unbegrenzten Raum, und die eigentliche Wurzel der Dualität löst sich auf.

95. Die Illusion verwirrt, die fünf Panzer versperren die Sicht, die vom dualisierenden Denken auferlegten Trennungen sind künstlich.

96. Wenn du dir eines Verlangens bewusst wirst, beachte es während der Dauer eines Fingerschnalzens, dann lass es plötzlich fahren. So kehrt es in den Raum zurück, aus dem es gerade emporgestiegen ist.

97. Bevor du danach verlangst, bevor du weißt: „Wer bin ich, wo bin ich?“ besteht schon die wahre Natur des „Ich“. Von dieser Art ist die tiefe Räumlichkeit der Wirklichkeit beschaffen.

98. Wenn Verlangen und Wissen sich gezeigt haben, vergiss den Gegenstand dieses Verlangens oder Wissens. Richte deinen Geist auf das von jedem Gegenstand befreite Verlangen und Wissen als das Selbst. So wirst du die tiefe Wirklichkeit erreichen.

99. Jede besondere Erkenntnis ist trügerisch. Wenn sich Wissensdurst zeigt, bemerke unverzüglich die Räumlichkeit des Wissens selbst und sei Shiva/Shakti.

100. Das Bewusstsein ist überall. Es gibt überhaupt keine Unterscheidung. Verinnerliche dieses zutiefst und triumphiere so über die Zeit.

101. Im Zustand extremer Begierde, im Zorn, bei Habsucht, Verwirrung, Stolz oder Neid, dringe in dein eigenes Herz ein und entdecke die unter der Oberfläche dieser Zustände liegende Ruhe.

102. Falls du das gesamte Universum als Fantasiegebilde begreifst, steigt eine unsagbare Freude in dir auf.

103. O Bhairavi! Verweile weder im Vergnügen noch im Leiden, aber sei ständig in der unsagbaren und räumlichen Wirklichkeit, die beide verbindet.

104. Sobald du bemerkst, dass du in allem enthalten bist, löst sich die Anhaftung an den Körper auf, Freude und Glückseligkeit steigen auf.

105. Das Begehren existiert in dir wie in allen Dingen. Werde dir bewusst, dass es sich ebenso in den Gegenständen befindet, wie in allem, was der Geist erfassen kann. Wenn du also die Allgegenwart des Begehrens entdeckst, dringe in seinen leuchtenden Raum ein.

106. Jedes Lebewesen nimmt Subjekt und Objekt wahr, aber der Tantrika verweilt in ihrer Einheit.

107. Empfinde das Bewusstsein jedes Wesens als dein eigenes.

108. Befreie den Geist von allen Stützen und erlange die Nicht-Dualität. So wird, Frau mit den Gazellenaugen, das begrenzte Selbst zum absoluten Selbst.

109. Shiva ist allgegenwärtig, allmächtig und allwissend. Da du die Eigenschaften Shivas besitzt, bist du ihm gleich. Erkenne das Göttliche in dir.

110. Die Wellen entstehen im Ozean und verlieren sich wieder, die Flammen steigen auf und erlöschen, die Sonne geht auf und wieder unter. So findet alles seine Quelle in der Räumlichkeit des Geistes und kehrt wieder dorthin zurück.

111. Ganz spontan irre umher oder tanze bis zur Erschöpfung. Dann lass dich plötzlich zu Boden fallen und sei in diesem Sturz ganz da. Also offenbart sich die absolute Essenz.

112. Nimm an, du würdest allmählich Deiner Energie und deines Wissens beraubt: Im Moment der Auflösung wird dir dein wahres Wesen offenbart.

113. O Göttin, vernimm die höchste mystische Unterweisung: Um in die Räumlichkeit deines eigenen Geistes zu gelangen, genügt es, den Blick ohne Lidschlag auf den Raum zu richten.

114. Bringe die Wahrnehmung des Tons zum Stillstand, indem du dir die Ohren zuhältst. Indem du auch den Anus verschließt, lass den inneren Ton nachklingen und berühre, was weder Raum noch Zeit unterworfen ist.

115. Unbeweglich am Rand eines Brunnens sitzend, lote seine Tiefe bis zum Entzücken aus und gehe im Raum auf.

116. Schweift dein Geist außen oder innen umher, so befindet sich genau da der shivaitische Zustand. Wohin könnte das Denken sich flüchten, um diesen Zustand nicht mehr auszukosten?

117. Der Geist ist in dir und um dich herum. Wenn alles reines räumliches Bewusstsein ist, erlange das Wesen der Fülle.

118. In Betäubung oder Angst, mitten in der Erfahrung extremer Gefühle, wenn du über einem Abgrund hängst, ob du den Kampf fliehst, ob du Hunger oder Schrecken erlebst, oder sogar, wenn du niest, kann das Wesen der Räumlichkeit deines eigenen Geistes erfasst werden.

119. Wenn der Anblick eines bestimmten Orts Gefühle emporsteigen lässt, lass in deinem Denken diese Momente wieder aufleben, dann, wenn sich die Erinnerungen erschöpfen, erfahre – einen Schritt weiter – die Allgegenwart.

120. Schau auf einen Gegenstand, dann wende langsam deinen Blick ab und werde zum Gefäß der unsagbaren Fülle.

121. Die intuitive Einsicht, die aus der Intensität leidenschaftlicher Verehrung erwächst, ergießt sich in den Raum, sie befreit und verschafft den Zugang zum Bereich von Shiva/Shakti.

122. Richtet man die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Gegenstand, durchdringt man alle Gegenstände. So soll man sich in die räumliche Fülle seines eigenen Selbst entspannen.

123. Die von unwissenden Mönchen verherrlichte Reinheit erscheint dem Tantrika als unrein. Mach dich vom dualen Gedanken frei, und erkenne nichts als rein oder unrein an.

124. Begreife, dass die räumliche Wirklichkeit Bhairavas in jedem Ding, in jedem Wesen gegenwärtig ist, und sei diese Wirklichkeit.

125. Das Glück beruht auf der Gleichwertigkeit der extremen Gefühle. Verweile in deinem eigenen Herzen und erlange die Fülle.

126. Befreie dich von Hass wie von Anhaftung. Wenn du also weder Abscheu noch Anhänglichkeit kennst, gleite hinein ins Göttliche deines eigenen Herzens.

127. Du, mit offenen und sanften Herzen: meditiere auf das, was nicht erfahren, nicht begriffen werden kann. Nachdem alle Dualität außer Reichweite ist, wo könnte sich das Bewusstsein festhalten, um der Ekstase zu entgehen?

128. Meditiere auf den leeren Raum, erlange die Nicht-Wahrnehmung, die Nicht-Unterscheidung, das Unbegreifbare jenseits von Sein und Nicht-Sein: Berühre den Nicht-Raum.

129. Wenn das Denken sich auf einen Gegenstand richtet, benutze diese Energie. Umfasse den Gegenstand ganz und hefte dann deinen Gedanken auf diesen leeren und leuchtenden Raum.

130. Bhairava ist eins mit deinem leuchtenden Bewusstsein. Indem du den Namen Bhairavas singst, wirst du zu Shiva.

131. Wenn du behauptest: „Ich existiere“, „ich denke dies oder das“, „diese Sache gehört mir“, gelange zum Fundamentlosen und erfahre jenseits solcher Behauptungen das Grenzenlose und finde Frieden.

132. „Ewige, Allwissende, ohne Halt, Göttin alles Offenbarten …“ Sei jene und erlange Shiva/Shakti.

133. Das, was du das Universum nennst, ist eine Illusion, eine magische Erscheinung. Damit du glücklich bist, betrachte es so.

134. Wodurch könnte das Bewusstsein ohne das dualisierende Denken eigentlich begrenzt sein?

135. In Wirklichkeit existieren Anbindung und Befreiung nur für diejenigen, die sich von der Welt in Schrecken versetzen lassen und die ihre ureigene Natur verkennen. Das Universum spiegelt sich im Geist, wie die Sonne in den Gewässern.

136. In dem Augenblick, wo deine Achtsamkeit mit Hilfe der Sinnesorgane erwacht, dringe in die Räumlichkeit deines eigenen Herzens ein.

137. Wenn Erkenntnis und Erkanntes von ein und derselben Essenz sind, strahlt das Selbst.

138. O Geliebte, wenn Geist, Intellekt, Energie sowie das begrenzte Selbst verschwinden, dann steigt plötzlich der wundervolle Bhairava empor!

139. O Göttin, ich habe dir jetzt einhundertzwölf Dharanas dargelegt. Wer sie kennt, entgeht dem dualen Denken und erreicht die vollkommene Erkenntnis.

140. Wer auch nur eines dieser Dharana verwirklicht, wird zu Bhairava selbst. Sein Wort erfüllt sich in der Handlung, und er erhält die Befugnis, die Shakti zu übertragen oder nicht.

141. – 144. O Göttin, der Mensch, der auch nur eine dieser Praktiken beherrscht, befreit sich von Alter und Tod. Er erhält übernatürliche Kräfte. Die Yoginis und die Yogis lieben diesen Menschen zärtlich, er steht ihren geheimen Zusammenkünften vor. Sogar inmitten von Tätigkeit und Realität ist er erlöst, er ist frei.
Die Göttin spricht:
O Herr, man möge dieser Wirklichkeit, dem Wesen der höchsten Shakti folgen. Wem gilt eigentlich die Verehrung? Wer ist der Verehrer? Wer beginnt zu meditieren? Wem gilt die Meditation? Wem wird das Blutopfer dargebracht und wer opfert? Wem gilt das Opfer und was ist das Opfer?
O Frau mit den Gazellenaugen, diese Praktiken sind äußerlich und entsprechen groben Bestrebungen.

145. Nur die Kontemplation der höchsten Wirklichkeit ist die Praxis des Tantrika. Der spontane, innere Klang ist die mystische Formel.

146. Ein unerschütterlicher Geist, frei von Besonderheiten – das ist die wahre Kontemplation. Die bildhaften Visualisierungen von Gottheiten sind nur Kunstgriffe.

147. Die Verehrung besteht nicht in Opfergaben, sondern im Begreifen, dass das Herz das höchste Bewusstsein ist, frei vom dualisierendem Denken. In der vollkommenen Inbrunst lösen sich Shiva/Shakti im Selbst auf.

148. Wenn man auch nur eines von diesen hier beschriebenen Yogas durchdringt, erfährt man eine Fülle, die von Tag zu Tag mehr wird bis zur höchsten Vollkommenheit.

149. Wirft man in das Feuer der höchsten Wirklichkeit die fünf Elemente, die Sinne und ihre Gegenstände, den dualen Geist und die Leerheit selbst, dann hat man den Göttern eine wirkliche Opfergabe dargebracht.

150. – 151. O höchste Göttin, hier ist das Opfer nichts anderes als die durch Glückseligkeit gekennzeichnete spirituelle Befriedigung. Der wahre Pilgerort, o Parvati, ist das Aufgehen in der Shakti, die jeden Makel zerstört und die Menschen beschützt. Wie könnte es also eine weitere Verehrung geben und wer nähme sie entgegen?

152. Die Essenz des Selbst ist allumfassend. Sie ist Autonomie, Glückseligkeit und Bewusstsein. Das Eintauchen in diese Essenz ist das rituelle Bad.

153. Die Opfergaben, der Anbetende, die höchste Shakti sind eins. Darin besteht die tiefe Anbetung.

154. Der Atem geht nach außen, der Atem geht nach innen, ganz von alleine, in Windungen. In vollkommener Übereinstimmung mit dem Atem richtet sich Kundalini, die große Göttin auf. Transzendent und immanent ist sie der höchste Ort der Pilgerreise.

155. Ist der Yogi also tief im Ritus der großen Glückseligkeit gegründet, dem Aufsteigen der göttlichen Energie völlig gewahr, wird er Dank der Göttin den höchsten Bhairava erlangen.

155.a – 156. Die Luft wird mit dem Ton „SA“ ausgeatmet, dann mit dem Ton „HAM“ eingeatmet. Auf die Weise ist die Rezitation des Mantras „HAMSA“ beständig. Die Atmung ist das Mantra. Einundzwanzigtausend Mal wiederholt, bei Tag und bei Nacht, ist es das Mantra der höchsten Göttin.

157. – 160. O Göttin, ich habe dir gerade die höchsten unübertroffenen mystischen Unterweisungen darlegt. Sie sollen nur großzügigen Menschen weitergegeben werden, denen, die die Linie der Meister verehren, den von kognitiven Schwankungen und Zweifel befreiten intuitiven Intelligenzen und denen, die die Unterweisungen in die Praxis umsetzen. Denn ohne Praxis verwässert die Übertragung und diejenigen, die die wunderbare Gelegenheit gehabt haben, diese Unterweisungen zu erhalten, kehren zu Leid und Illusion zurück, dabei hielten sie doch ein ewiges Kleinod in den Händen.
O Gott, ich habe nun das Herz der Unterweisungen und die Quintessenz des Tantra erfasst.
Man wird dieses Leben verlassen müssen, aber warum soll man auf das Herz der Shakti verzichten? So wie man den Raum erkennt, der durch die Sonnenstrahlen erhellt wird, so erkennt man Shiva Dank der Energie der Shakti, die die Essenz des Selbst ist.

So vereinigten sich Shiva und Shakti, strahlend vor Glückseligkeit erneut im Un-Unterschiedenen.

Foto (c): http://blog.sina.com.cn/ssamsara,  http://www.patheos.com/blogs/karenspearszacharias/tag/jesus/

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