Das Kreuz mit der Meditation
Veröffentlich in theo 1/2007Frei zu sein von den Verstrickungen des Alltags: das ist das Ziel von Meditation, unabhängig von Religion und Glaube. Und so begibt der Suchende sich in die Versenkung, in die absolute Aufmerksamkeit, auf die Suche nach seinem göttlichen Funken. Frei zu werden von den Verstrickungen des »göttlichen Selbst« könnte ein Ziel des meditierenden Christen sein. Gebunden an das Kreuz der Materie und mitten im Leben.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name
Wer meditiert, geht auf die Suche: nach sich selbst, der Wahrheit hinter den Dingen und der geistigen Führung. Und die hoffen sehr viele Suchende im Innern zu finden, in ihrem eigenen Himmel. Deswegen verschließen sie die Augen vor der Welt, um zur Ruhe zu kommen. Wen interessiert da schon, was um ihn herum geschieht? Kontemplation nennen das die christlichen Mönche: eine symbolfreie Versenkung in die Stille. Diese Art der inneren Konzentration ist uralt – und religionsunabhängig. Ihr Ziel: das Verstummen des eigenen Geistes und das Hören von Gottes Wort. Denn schließlich soll Gott, so ein geflügeltes Wort von christlichen Meditationslehrern, ja ein höflicher Zeitgenosse sein und nur dann reden, wenn alles schweigt. Was aber auch dem Meditierenden das sorgenvolle Fragen erspart über die Richtigkeit der vorgetragenen Gebete. Gott antwortet, wann er will und in der von ihm gewählten Sprache. Wichtig ist, wenn es dunkel wird um das alltägliche Gewusel, bloß der Adressat und sein Name: Gott. Oder Jesus Christus. Alles andere stört. Aber Achtung: Es kann passieren, dass der Meditierende und so wortlos Fragende keine Antwort findet. Weil er noch taub und blind ist dafür. Und tatsächlich allein im Dunkeln tappt und sich vollkommen verlassen fühlt – wie Jesus Christus am Kreuz.
dein Reich komme
Dabei verspricht der meditative Rückzug aus dem alltäglichen Leben das große Ziel: die Erkenntnis der Illusion und der eigenen Unsterblichkeit. Doch das Licht des neuen Morgens wird aus der Nacht geboren, und so kommt nach der Gedankenruhe während der Meditation erstmal das unbeschreibliche Nichts. Aber wer freut sich schon wirklich auf die Auflösung der Gedanken, auf die Aussicht auf Vergänglichkeit und Zerfall? Vielleicht ist das der Grund, warum Asketen, Flagellanten und spirituelle Krieger zusätzlich zur inneren Einkehr noch die meditative Konfrontation mit dem eigenen Körper suchen: immer in Verbindung mit der Erde und in stillem Eingeständnis an die eigene Endlichkeit und Begrenztheit innerhalb von Raum und Zeit. Jedoch zeigt sich, dass das Natürlichste der Welt, nämlich das Sterben – und sei es nur bildhaft – nicht zugleich das Einfachste ist. Denn wer loslässt und ins Ungewisse springt, will letztlich doch eines: Gewissheit auf ein Leben nach dem Tod. Aber was bleibt, wenn selbst das Bild sich für die innere Betrachtung (lat. meditatio) auflöst? Nur der Glaube, dass es da etwas gibt. Auch nach dem Nichts.
dein Wille geschehe
Wie erleichternd ist der Moment, in dem der Meditierende nach dem dunklen Nichts, sich wieder seiner Wesenhaftigkeit bewusst wird: in Gestalt seines Körpers. Und dann wird selbst das Zwicken der Kniescheiben oder das Kribbeln eingeschlafener Beine zur Freude: »Ich bin. Weil du es willst. Und ich kann sie wahrnehmen, deine Welt. Meine Umwelt. Und sie ist in meine Hände gelegt, damit ich sie weiterführe – deine Schöpfung.« Wen wundert es da, dass aus der Erkenntnis der Verbundenheit mit Gott, durch den Tod hindurch, das Leben von Mystikern als ewige Feier empfunden wird? Und dass Ekstatiker eher die körperliche Meditation im Tanz oder Gesang suchen als in der stillen Einkehr? »Alles, was ich habe, alles, was ich bin, bin ich durch Gott. Und das ist so wunderbar und kraftvoll. Und schenkt Hoffnung.« Aber auch bei dieser Form der Mediation kommen sie wieder, die drängenden Sorgen: »Werde ich der göttlichen Abstammung gerecht durch die ewige Feier? Und was ist mit dem Schmerz und der eigenen Verletzlichkeit?« Also doch lieber wieder zurück in die Versenkung und die ewige Glückseligkeit wie die kontemplativen Mönche?
wie im Himmel, so auf Erden.
Wer aufbricht, um seine eigene Mitte zu finden, auf dem Weg der Meditation, kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er sich entscheiden muss: dauerhaft zu entrücken oder auf der Erde zu bleiben. Im Alltagsleben. Dann dämmert jedem eifrig Meditierenden, dass er seine eigene Mitte niemals verlassen und immer schon aus ihr heraus gehandelt hat. Auch hier auf Erden. Seinem Zuhause. Nur seine Zweifel haben ihm ständig die Sicht auf das Wesentliche versperrt und den Mut genommen zu vertrauen: Darauf, dass seine Existenz einen Sinn hat, der zwar im Innersten dunkel bleibt und verborgen, aber im äußeren Leben, in all seinen Facetten, entdeckt werden kann. Wir müssen nur richtig hinschauen und sehen lernen: Und das tut man bekanntlich nur mit dem Herzen gut. Denn was gibt es Schöneres auf der Welt als »verrückt« zu sein aus Liebe? Und die fordert vor allem eines: mit ganzem Herzen dabei zu sein. Entschieden.