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Die esoterisch Verwirrten

Veröffentlicht in theo 3/2009

»Wer suchet, der findet«, verspricht die heilige Schrift und ermutigt den Menschen, sich eigenständig auf den Weg zur Wahrheit zu machen. Ob die Schreiber wussten, auf was für eine Reise sie den Suchenden mit diesem Hinweis schicken?

Wer den Kleinanzeigenteil eines Stadtmagazins aufschlägt und bei »Lebenshilfe« hängen bleibt, ahnt, wie viele Türen den Gang zur Erleuchtung heute versprechen – das notwendige Eintrittsgeld – vorausgesetzt. Verwunderlich ist das nicht: Schließlich haben wir in den letzten Jahren gelernt, dass alles konsumierbar ist. Oder zumindest mit Hilfe von Profis optimierbar. Und da die großen Geschichten der Politik, Kirche, Wirtschaft und Kultur für viele von uns an Glaubhaftigkeit eingebüßt haben, macht sich das Gros der Menschen selbst auf den Weg. Und der beginnt gern mit »Einsteigerseminaren« am Wochenende beim frischgebackenen Yogalehrer. Oder der Neohexe. Dem Stadtschamanen. Oder dem Engelmedium um die Ecke. Wer Antworten sucht, der wird sie finden. Zumindest phasenweise. Bis auch die neue Antwort fade schmeckt und die Suche weitergeht. Weil du plötzlich merkst, dass der Yogalehrer seine Kinder anbrüllt. Oder die Neohexe sich bei Burger King vollstopft. Oder der Stadtschamane sich von Trommelgeräuschen aus dem CD-Player in Trance befördern lässt und nicht von heulenden Wölfen unterm Vollmondhimmel. Dann wird aus dem scheinbar faszinierend Heiligen das erschreckend Profane. Aus der Lehre von der reichhaltigen Leere eine schmerzvolle innere Leere und aus der gefühlten Omnipotenz eine real erlebte Impotenz. Aufkommende Zweifel überdecken anfangs noch Bücher, Plakate und Accessoires. Genug zu kaufen gibt es ja, um das unfassbar Leere vollzustellen. Was gestern Klangschalen waren, sind heute Traumfänger und Rosenquarzkristalle. Aber auch diese Dinge ereilt das Schicksal der Staubfänger, wenn die Bedeutung ins Vergessen gerät und die Mahnungen trotzdem ins Haus flattern – trotz Glückspfennig in der Reichstumsecke.

Wer suchet, der findet. Das ist wahr. Aber wer sucht, muss irgendwas vermissen, damit er überhaupt losgeht und seinen gewohnten Standpunkt aufgibt. Und wer seinen eigenen Weg geht, wird sich vielleicht auch verirren und verwirrt nach seinem Zuhause, seinem Standpunkt, umschauen. Das ist normal. Vor allem in Zeiten wie diesen. Und dann wird er stehenbleiben, um sich für etwas zu entscheiden. Es zu leben. Sich seiner eigenen Wahrheit hinzugeben. Dann wird er sich lichten, der Räucherstäbchenvorhang, und das Profane wird wieder zum Heiligen. In diesem Augenblick mag zwar der Weg des Herrn unergründlich bleiben, nicht aber der aktuell erlebte Standpunkt. Der hat ab sofort ein Fundament aus Fels.