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Alles auf Null

theo. das unabhängige katholische Magazin. Cover 2021-03

Aus Geschichten wissen wir: Magier können allein mit der Kraft des Wortes neue Welten erschaffen. Zauberspruch sei Dank. Nimmt man unsere eigene Religion Ernst, war jedoch nicht Gandalf der Weise aus der Mittelerde-Trilogie „Herr der Ringe“ der Mächtigste seiner Zunft, sondern der Jesus Christus des neuen Testamentes: Wasser zu Wein. Brot zu Fleisch. Und der Moses des Alten Testamentes konnte sogar mit Hilfe des Herrn ein ganzes Meer teilen und hindurchschreiten. Theo Redakteur Sven Schlebes hat sich auf die Suche nach dem magischen Kern der jüdisch-christlichen Schriftreligionen gemacht. Im Kabbalah-Zentrum in Berlin-Schöneberg fand er den überzeugten Kabbalisten David Wende und das große „Ur-Alphabet unseres Kosmos“.

Sehr geehrter Herr Wende. Kabbalah – für viele von uns ist das spiritueller Hokuspokus und Celebrity-Schnickschnack à la Hollywood. Madonna lässt grüßen. Mit einem roten Armbändchen gegen das Unheil dieser Welt. Und Kursen für Reichtum und Macht. Kabbalah: Alles Mumpitz?

So froh wir über die Celebrity-Geschichten anfangs auch waren. Sie hat die aus unserer Sicht so wertvollen Inhalte der Kabbalah vielen Menschen näher bringen können. Aktuell belastet sie unsere Botschaft ein wenig: „Gott ist eins. Gott ist in allem. Und er ist größer als alles zusammen.“ Das ist doch eine schöne Botschaft. Schauen Sie in diesen Tagen der aufbrechenden Auseinandersetzungen im nahen Osten doch bitte nach Berlin. Die Initiative „House of One“ will ein Haus errichten, in der Viele zusammenkommen können, um sich gemeinsam der Quelle nähern. Ich bin gespannt, wie das funktionieren wird. Es soll in der Stadt ja über 300 verschiedene spirituelle Richtungen geben. Es ist der Reality-Check für das, war wir alle als „wahr“ bezeichnen.

Das Kabbala-Zentrum wurde Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA gegründet und hat eigentlich damit ein Sakrileg begangen: Inhalte, die nur mündlich und wenigen zur Verfügung gestellt werden sollten, einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das kommt darauf an, wie man die Kabbalah versteht. Für uns es ist die Seele des Judentums, jedoch keine „geheime Lehre“, sondern vielmehr eine „Lehre des Geheimen“, das sich im Alltäglichen zeigt. Und das ganz konkret und praktisch. Wir alle sehnen uns nach Liebe und Anerkennung, Sicherheit und Freiheit. Wir glauben: Gott, der in allem ist, ist der Schlüssel dazu. Wer versucht sich im zu nähern, wird seine Gesetzesmäßigkeiten, abgebildet im Baum des Lebens, entdecken und verstehen, wie das Leben und damit auch er sich selbst entfaltet. Das Beste dabei: Der Schüler wird entdecken, dass die Weisheit aus seinem eigenen Herzen entspringt. Wir entdecken nichts Unbekanntes. Wir erinnern uns lediglich.

Ein Kabbalist glaubt, dass Gott das Universum mit Hilfe des hebräischen Alphabets erschaffen hat: 22 Buchstaben, 22 Bewusstseinszustände kosmischer Energie. Mit welchem Wort hat alles begonnen?

 Es hat mit dem Wort Beresheet angefangen. Der Zohar erklärt es jedoch noch genauer: alles fängt mit dem ersten Buchstaben an, der der Samen ist für alles, was danach folgt. Der erste Buchstabe war Bet ב.

Den hebräischen Buchstaben sind zugleich auch Zahlenwerte zugeordnet. Laut dem Prinzip der Gematria haben Worte, deren Buchstaben die gleiche Zahlensumme aufweisen, eine innere Beziehung. Zahlen und Worte – eine Einheit?


Ja, im Hebräischen ist es eine Einheit und hilft, wie Sie schon sagen, Verbindungen herzustellen zwischen Worten die den gleichen Wert haben. Zum Beispiel haben die Worte Liebe und Einheit beide den Numerischen Wert von 13. Das zeigt Liebe heißt „in Einheit“ zu sein.  

Entscheidend für die Materialisierung ist laut Lehre der Kabbala die Macht des Klanges, des Tones. Gottes Namen richtig ausgesprochen soll unglaubliche Auswirkungen haben.

Der Klang des Wortes hat eine grosse Wirkung, aber das Bewusstsein dahinter ist noch wichtiger. Ein Beispiel: wenn ein enger Freund ihren Namen sagt oder eine Person, der Sie nicht nahestehen, oder mit der es sogar einen Konflikt gibt, dann ist es zwar das gleiche „Wort“, Ihr Name, bringt jedoch ganz andere Gefühle in Ihnen hoch.

Spielen auch Farben bei der Schöpfung durch das Wort eine Rolle?

Auch Farben stellen etwas dar und bestimmte Farben sind mit bestimmten Energien verbunden.  

Im Islam kennt man die 99 Namen Gottes: Im Christentum werden diese Namen häufig als Meditationsprinzipien angesehen. Folgt man der Lehre der Kabbala, haben die Namen und der Aussprache manifestierenden Charakter. Kennt die Kabbala die 99 Namen G’ttes?

In der Lehre der Kabbalah gibt es mehrere Namen, die auf verschiedene Bewusstseinsstufen hinweisen. In Kabbalah werden oft die 72 Namen Gottes angewendet, die die verschiedenen Aspekte des Lebens repräsentieren und uns in diesen Zusammenhängen unterstützen können, z.B. durch Meditation.

Im Vajrayana, einer esoterischen Strömung des Mahayana-Buddhismus gibt es ebenfalls die Praxis, Buchstaben zu visualisieren und sich auf ihre Essenz zu konzentrieren. Gibt es doch mehrere „Ur-Alphabete“?

Auch das hebräische Alphabet gehört zu den „Ur-Alphabeten“. Lt. der kabbalistischen Lehre ist es sogar der Samen, aus dem alles entstanden ist. Der eigentlich Ursprung liegt jedoch im Bewusstsein und im Licht.

Was ist, im kabbalistischen Sinne, ein Gebet?

Ein Gebet ist eine Verbindung zur spirituellen Welt (im Gegensatz zur realen Welt). Wir verbinden uns mit einer höheren Kraft, um ein proaktiverer Mensch zu werden.

Wird die künstliche Intelligenz das göttliche Alphabet einmal so beherrschen, dass es manifestierend nutzbar gemacht werden kann?

In der Kabbalah ist es wichtig zwischen den physischen Realitäten und den spirituellen Werkzeugen zu unterscheiden. Das physische Alphabet ist nicht die Essenz, die wahre Essenz liegt im Bewusstsein. Nur die Seele kann mit Energien arbeiten und sie weiterleiten. Künstliche Intelligenz wird diese Fähigkeit nie haben, da sie eben künstlich ist und programmiert.  

Was ist mit der Kraft der Gefühle?

Wie überall ist auch hier die Wurzel das Bewusstsein. In der Kabbalah unterscheiden wir zwischen reaktivem und proaktivem Bewusstsein. Je nachdem auf welcher Ebene wir uns befinden, werden dadurch auch unsere Gefühle gesteuert. Es ist das Bewusstsein, aus dem alles entspringt. Die Gefühle erwecken es zum Leben.

Werden in Zukunft Computer und Künstliche Intelligenzen nicht viel besser als wir das Ur-Alphabet beherrschen und mit dem, was wir Gott nennen, sprechen?
Computer und Künstliche Intelligenzen sind von uns Menschen gemacht. Ihnen fehlt das, was wir Spontanität nennen. Ich weiß. Die Forschung will auch uns Menschen dieses freiheitliche Momentum absprechen. Aber bislang enden alle Forschungen an einem schwarzen Urgrund, der für uns der Anfang ist. Schauen Sie Ihrem Gegenüber in die Augen. Sie sehen das Schwarze. Und erahnen. Hier wohnt die Seele. Der Anfang. Das Ende. Alles. Und genau das haben Maschinen nicht.

Vielen Dank für das Interview.

Informationen:
https://kabbalah.com
Kabbalah Centre Germany e.V.
Hauptstraße 27, Aufgang E, 3. OG, 10827 Berlin

Der Text ist abgedruckt in:
theo. Das unabhängige katholische Magazin, 2020/03, S. 40 – 42.

http://www.theo-magazin.de