Loading...

Und nun? Wie geht es weiter im Leben?

theo. Das unabhängige katholische Magazin. Cover 2021-02

Manouchehr Shamsrizi: er ist nicht nur einer von Deutschlands gefragtesten Stimmen der jungen Generation (Washington Post). Der Dozent für politische Philosophie und Zukunftstechnologien ist bekennender Optimist, Mitstreiter des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus und Teilnehmer des von Papst Franziskus initiierten Wirtschaftsforums „Ecologia del Francesco“. theo-Redakteur Sven Schlebes sprach mit ihm über die aktuellen Herausforderungen unserer Zeit.

Ostern 2021 – Deutschland befindet sich immer noch im Lockdown. Nur vorsichtig werden die Türen und Fenster für das Leben wieder geöffnet: „Was, zur Hölle, ist das, was wir seit über einem Jahr erleben?“

Gute Frage, ambige Antwort: Eine faszinierende Gleichzeitig von Demut auf der einen und Mut auf der anderen Seite. Demut, weil wir merken, wie wenig wir eigentlich wirklich kontrollieren können. Wie ausgeprägt unsere Kontrollillusionen und Modelle gegenüber komplexen Realitäten sind und immer waren. Und Mut, weil wir dann dennoch ziemlich viel in ziemlich kurzer Zeit kontrollieren konnten: Wir haben verstanden, wie SARS-CoV-2 funktioniert und COVID-19 verläuft, konnten Therapeutika und Impfstoffe entwickeln. Ärgerlich ist für mich, dass wir uns in meiner Wahrnehmung noch immer nicht ausreichend mit Prävention beschäftigen – dabei ist die immer, nicht nur bei Zoonosen, in jeder Hinsicht klüger.

Die Ohnmacht scheint gerade des Deutschen Lieblingsgefühl zu sein. Vieles ist verdächtig geworden. Endgültig. Erschreckenderweise viele Dinge, in denen wir zuhause sind. Unser Körper. Unsere Art zu leben, zu lernen, zu arbeiten. Geld zu verdienen. Selbst die Sprache wird neu gemacht. Hat der Totalabriss unseres „Way of life“ begonnen?

Ich verstehe, dass man diesen Eindruck gewinnen kann. Aber: Es wäre ein anthropologisches Novum, wenn wir keine Abrissbirne erleben würden. Ich wüsste nicht einen Moment, in dem wir Menschen nicht legitimerweise das Gefühl eines totalen Wandels hätten beschreiben können. Es ist vielmehr die Erwartungshaltung, dass alles so weitergeht, die unrealistisch ist, und vielleicht nicht einmal utopisch. Wer den Wandel fürchtet, tut dies wohl oft aus der Situation heraus, einen erhaltenswerten Status nicht verlieren zu wollen – eine sehr privilegierte Ausgangslage. Für sehr viele Menschen auf der Welt ist der status quo aber weit entfernt von einem guten Leben und Wandel daher sehr begrüßenswert. Es lohnt sich auch hier, Veränderungen auch aus den Perspektiven aller Beteiligten zu bewerten. Im Übrigen: Ist nicht die katholische Kirche selbst als ein herausragendes Beispiel für gelingende Transformation beschreibbar, die es schließlich geschafft hat, über mehr als 2.000 Jahre hinweg zu bestehen? Daraus kann doch kein Gefühl der Ohnmacht erwachsen. Vertrauen wir doch darauf, dass Veränderungen keine Nullsummenspiele sind.

Vertrauen ist ein wunderbares Stichwort: Ich selbst habe jetzt viele Jahre in sogenannten „Transformationsprozessen“ verbracht und Menschen erzählt, dass sie aufbrechen sollen. Haben wir mit unseren ganzen Modellen und Grafiken und Denkschablonen wirklich mit den Menschen gesprochen oder eben doch nur „zu“ den Menschen?

Ich meine: Wir haben oft nicht miteinander, sondern nur zueinander gesprochen. Ich kenne kein gesellschaftliches System, in dem schon und stets auf Augenhöhe miteinander gesprochen wird. Das ist nicht verwunderlich. Denn viele dieser Systeme sind noch immer eher vom monologischen Medium Buch als dem – idealerweise – dialogischen Medium Internet geprägt. Dieser Gedanke wird nachvollziehbarer in der Medienarchäologie des Soziologen Dirk Baecker, nach der jede Gesellschaft ein Leitmedium hat, das diese eben über reine Kommunikation hinaus prägt und organisiert. Der Kulturtechnik Buchdruck, einschließlich Tageszeitung, ist ein niedrigschwelliger und partizipativer Dialog nicht einfach so gegeben. Das kommt erst jetzt, in dem was Baecker, aber auch Peter Drucker die „Nächste Gesellschaft“ nennen, in der das Digitale das neue Leitmedium ist. Schauen wir auf die Bildung: Gegenwärtig über- oder unterfordert ein standardisiertes Lehrbuch. Ignoriert die individuelle Bildungsbiographie. Das Digitale erlaubt uns, auf eine große Anzahl von Lernenden individuell einzugehen. Das Medium kann interagieren, weiterentwickeln und antworten. Bücher sind demgegenüber „Einbahnkomunikationen“. Was jetzt kommen kann, ist Austausch auf Augenhöhe. Das trägt viel Potential in sich. Und ich bin und bleibe optimistisch. Auch, weil doch bisher jedes neue Leitmedium zu besseren Gesellschaften und Leben geführt hat – gebildeter, gesünder, demokratischer, inklusiver, gerechter.

Dennoch scheint dieser Wandel bei vielen zu einer Art gefühlten Heimatlosigkeit zu führen: Innerlich und äußerlich. Fremdheitsgefühle legen sich wie schwarze Wolken um die Menschen. Wie lassen wir die Sonne wieder scheinen?

Ha! Das fragen Sie mich! Wo doch Kirche und Christentum zu den Traditionen gehören, die sich mit Hoffnung auskennen. Vielleicht beginnt es ja tatsächlich damit sich zu erinnern, dass es die Sonne noch immer gibt? Einem meiner Lieblingsphilosophen, Karl Popper, wird ein passendes Postulat zugeschrieben: „Optimism is a moral duty.“ Ich ziehe meinen Optimismus ganz nüchtern aus der Feststellung, dass es doch, in langen Zeiträumen betrachtet, eigentlich immer bergauf ging. Ich sehe keinen Grund, diese Haltung nun zu ändern – denn ich sehe keine Probleme, die unlösbar wären.

Mir scheint, dass die eigentliche Krise der Gläubigen nicht die Systemkrise der Kirche ist, sondern die Wirksamkeitskrise des christlichen Glaubens: Es funktioniert nicht.

Unabhängig von dieser These: Welche Wirksamkeitskrise soll das sein? Heißt es nicht in der Bibel „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“? Dann ist es doch recht einfach: Wirksamkeit in der Welt, wie es Lessing schon 1779 in seinem “Nathan der Weise“ vorgeschlagen hat. Es mag den Gläubigen an wirksamen Gottesbeweisen mangeln – aber Wirksamkeit durch Taten herbeiführen können sie doch! Heilen, den Hunger lindern, für das „gemeinsame Haus“ sorgen. Was hindert uns daran? Und es gibt doch einige inspirierende Ansätze, die sich daraus speisen. Nehmen wir unser „Economy of Francesco“ (Anmerkung der Redaktion: Ein „vatikanisches Davos“ in Assisi auf Initiative von Papst Franziskus, 2020): Mich fasziniert dieser asynchrone Dialog mit hunderten jungen Menschen aus aller Welt, allen sozialen Milieus, allen Glaubenstraditionen, mit dem wir auf Einladung der Franziskaner nun schon seit Monaten auf Augenhöhe – Nächste Gesellschaft! – über ein Wirtschaftsmodell für die Zukunft nachdenken. Meine eigene Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit den Zusammenhängen der Social Development Goals (SDG) der UN und den Ideen des heiligen Franz von Assisi. Zwischenfazit: Christentum und Zukunftswirksamkeit sind sich so verwandt wie selten in der Geschichte. An ihren Taten sollst Du sie erkennen. Tue es selbst. Wenn Du aber nichts tust, gibt es vielleicht auch nichts zu erkennen. Dann kannst Du an der Wirksamkeit zweifeln. Aber es ist dann Deine eigene Wirkungslosigkeit.

Sie haben schon Recht: Es sprießt und blüht überall. Und zugleich gibt es viele autoritäre Gegenbewegungen. Der Ruf nach einer starken Führung wird laut.

Stimmt. Aber hinter diesem Ruf versteckt sich ein großes Missverständnis davon, was Führung meiner Meinung nach heute und in der Zukunft nur sein kann: Postheroisch. Ein unveränderter Führungsstil, der in allen Phasen einer Organisation zu allen Fragen aus Selbstbezug Antworten hat – das ist eine Illusion. Ich glaube nicht, dass es eine Planstelle oder eine Person gibt, die das in einer komplexen Realität tun könnte. Vielleicht müssten sich Organisationen eher fragen: An wem ist es gerade jetzt, zu führen – und wie? Ich misstraue zutiefst solchen Führungstheorien wie der „Great Man Theory“, die hinter dem Ruf, den Sie beschreiben, stehen: Führung durch Menschen, die dafür geboren sind. Das ist doch gefährlicher Unfug und mittlerweile vielfach widerlegt. Leben ist situativ. Führung ist situativ.

Brauchen wir dafür eine Vision? Und kennen Sie gute Visionen?

Visionen helfen. Je konkreter, desto wirksamer. Ich teile gerne zwei Visionen, die für mich motivierend sind: Die Vision des bengalischen Wirtschaftswissenschaftlers und Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus, dass zukünftige Generationen Armut nur noch aus Museen kennen sollten. Und: Die Umsetzung der 17 Social Development Goals der UN, auf die sich die Regierungen der Welt geeinigt haben. Bonus-Vision für Sie als Christ: Lesen Sie die päpstliche Enzyklika „Laudato si’“. Ein wirklich spektakuläres Dokument! Wir haben als Menschen nicht das Recht, die Welt kaputt zu machen, ihre Biodiversität zu vernichten. Ganz einfach.

Sehen wir diesen Frühling als „Stunde Null“ an. Was sollten wir neu aufbauen?

Ich betreibe zwar Philosophie, halte aber eine in Stein gemeißelte Utopie für unmöglich. Mit John Rawls möchte ich mir erlauben, als Antwort die Frage etwas umzuformulieren: Was sollten wir wohl wie neu aufbauen, wenn wir nicht wüssten, welche Position und welches Leben in dieser neuen Welt unsere sein wird? Was für eine neue Gesellschaft wünschen wir uns in dem Nichtwissen darüber, ob wir reich oder arm sein werden, Kind oder Greis, gesund oder krank, in der Stadt oder auf dem Land, oder welches Geschlecht wir haben? Man könnte das noch erweitern, und muss es teilweise auch, beispielsweise um die Unterscheidung „Mensch oder nichtmenschliche Person?“ und zukünftig vielleicht „Mensch oder Künstliche Intelligenz“. Welche Gesellschaft würde ich gestalten wollen, wenn ich nicht wüsste, welche Karten mir für das Spiel des Lebens (gott)gegeben sind? So nähern wir uns einer klugen Stunde Null. Für mich persönlich bedeutet das in diesem pandemischen Frühling übrigens ganz konkret auch: Sich für eine Ehe zu entscheiden. Für meine Verlobte. Für die Liebe, die Partnerschaft, und unsere Familie – auch und gerade in unsicheren Zeiten. Das ist im April unsere „Stunde Null“.

Dann wünschen wir Ihnen „Gottes Segen“ und „Alles Gute“ für Ihre, unsere „neue Welt“. Danke für das Gespräch. //

Manouchehr Shamsrizi forscht an der Humboldt-Universität, an deren Exzellenzcluster er das gamelab.berlin mitgegründet hat, und lehrt zu „Zukunftstechnologien und ihr Impact auf die Gesellschaft“ u. a. an der Leuphana Universität Lüneburg. Er war als Global Justice Fellow an der Yale University, als Ariane de Rothschild Fellow an der University of Cambridge und wurde als Fellow of the Royal Society of Art und Global Shaper des World Economic Forum ausgewählt. Er engagiert sich u. a. als Vorsitzender des Fachbeirats des Malteser Campus St. Maximilian Kolbe und in dem Projekt anstanddigital der Katholischen Akademie in Berlin.

Der Text ist abgedruckt in:

theo. Das unabhängige katholische Magazin, 2020/02, S. 36 – 38.

http://www.theo-magazin.de