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Die Liebe ist größer als wir

theo. Das unabhängige katholische Magazin. Cover 2021-02

Nur wenige Zeitgenossen wählen die Hingabe als ihren persönlichen Lebensweg. Das Schriftsteller-Paar Elke Naters (58) und Sven Lager (56) hat es getan und folgt seit Jahrzehnten dem inneren Sehnen nach dem, was die Welt im Inneren zusammenhält, und einer zeitgemäßen Antwort darauf im täglichen Tun. theo-Redakteur Sven Schlebes hat das Paar in Berlin getroffen und sich anstecken lassen von der Faszination echter Lebenskostbarkeit.

Vor vielen Jahren betraten sie die Weltbühne als sogenannte Popliteraten, waren als Jungschriftsteller erfolgreich. Irgendwann kam die Leere, die sie einmal so beschrieben: „Wir lebten, wir liebten, wir atmeten jeden Tag 20.000 Mal ein und aus. Aber wozu? Wohin? Warum? Wir waren auf der Suche nach einer Heimat im Leben und im Herzen.“ In Südafrika fand das Paar zum christlichen Glauben. Unzählige Bücher und Medienproduktionen, innovative Wohn- und Lebenskonzepte, Wanderjahre als betende Heiler und Coaches für ein Leben in Gemeinschaft, Selbstakzeptanz, Frieden und Liebe sind das Ergebnis ihrer bisherigen Lebensreise. Ihr jüngstes Projekt: Die „School of Love“ in Berlin. Liebe sei lernbar, eine Kraft, die größer sei als der Mensch, mit dieser Erkenntnis, mit Seminarstunden und Coaching-Angeboten verhilft das Paar Beziehungsmüden und solchen, die es werden könnten, zu einem besseren Leben zu zweit.

Am Anfang stand die Kunst. Ihre Mutter, Herr Lager, war Kunstlehrerin aus Schweden. Ihr Vater war Maler. Sie, Frau Naters, studierten Kunst und Fotografie. Ihr Leben in der Retrospektive gleicht, um mit Beuys zu sprechen, einer sozialen Plastik: Kunst sein. Kunst schaffen. Kunst leben. Was ist das, Kunst? Und was bedeutet sie für Ihr Leben?

Kunst ist die Freiheit, das Leben neu zu denken und zu erfinden, so wie es für uns passt. Alles grundsätzlich erstmal zu hinterfragen, eine eigene Handschrift zu entwickeln und damit einen Eindruck im Leben hinterlassen. Zu feiern, dass wir so wunderbar und einzigartig erschaffen wurden. Vom Creator als Creators.

Um zu verstehen, brauchen wir Menschen Schubladen. Das Feuilleton zählte Sie zu den Popliteraten. Fühlten Sie sich hier zuhause?

Das ist schon so lange her. Der Begriff war schon immer doof, aber er hat uns bekannt gemacht. Ausgesucht haben wir ihn uns nicht. Setzt sich ja keiner hin und sagt: Jetzt schreibe ich Popliteratur.

Ziel der Popliteratur war immer die Verwischung von Genregrenzen. Ein neues Gefühl wurde gesucht. Oft blieb ein bitterer Nachgeschmack. Haben Sie damals im Schreiben gefunden, was Sie suchten?

Ich, Elke, habe ja Kunst und Fotografie studiert und Fotografie war bis dahin mein künstlerisches Medium. Durch Zufall bin ich auf das Schreiben kommen, das mich schon immer begleitet hat, und habe mit großer Überraschung festgestellt, dass es das viel geeignetere Medium für mich war. Ich habe das Schreiben nicht als Literatin begonnen, sondern als Künstlerin. Was wir gefunden haben, war eine ganz eigene Stimme, und das fühlte sich sehr gut und richtig an.

Als die Mauer fiel, gründeten Sie beide den virtuellen Salon ampool.de. Ganz Deutschland war in Euphorie. Die Epoche des „Anything goes“ begann. Was geschah am Pool? Und warum ließen Sie irgendwann das Wasser ab?

Das war ja noch lange bevor es Blogs gab, am Anfang des Internets. Damals lebten wir in Bangkok und suchten auch nach Wegen, mit unseren Freunden in Kontakt zu bleiben. Am Pool haben wir nach einer Form gesucht, wie wir dieses damals noch neue Internet literarisch und künstlerisch als Plattform nutzen können.
Das erforderte eine spezielle Sprache und Form. Eine Mischung aus unterhaltsamen, literarischen Alltagstexten, die in Kommunikation miteinander traten. Wir haben befreundete Künstler und Autoren dazu eingeladen. Parallel entstand dazu das loop, eine Seite, die wir für die Öffentlichkeit als Kommentarseite eingerichtet hatten, die ihre ganz eigene Form als Antwort darauf fand. Ein sehr spannendes und innovatives Projekt, das viel Aufmerksamkeit, viele Freunde und Feinde gefunden hat. Irgendwann war die Luft raus. Das, was uns daran interessierte, war eine neue Form des Schreibens zu finden. Als sie gefunden war, wurde es langweilig. Dann haben wir es in eine Buchform gebracht.

Der Einsturz der Türme des World Trade Centers beendete die Unbekümmertheit der 90er, die Zeit, als Sie mit Ihrer Familie nach Bangkok zogen. Was haben Sie gesucht? Und was gefunden?

Wir wollten woanders leben, solange die Kinder noch klein waren und nicht zur Schule mussten. Es war ein gutes Leben, ein anderes Lebensgefühl, eine andere Freiheit. Aber gleichzeitig auch eine fremde Kultur, in der wir immer fremd sein würden. Allein durch unsere Körpergröße. Wir sind Riesen.

Als die ersten Krisen der Spätmoderne ihre Risse zeigten, schlugen Sie Ihre Zelte wieder in Berlin auf. Das Leben mit Kindern stand im Fokus. Ein Segen?

Erst war es wunderbar, im Frühling wieder nach Berlin zu kommen. Wir wohnten in einer großen Wohnung in der Friedrichstraße, im Haus hatten Freunde einen Club eröffnet. Wieder alle Freunde zu sehen, der Sommer in Berlin, das war Euphorie. Die hielt aber nur bis November, dann zog die große Depression ein und es wurde uns klar, wir müssen hier wieder weg. In ein Land mit viel Sonnenschein, freundlichem Klima, freundlichen Menschen, Schönheit und englischsprachig sollte es sein. Dass es dann Südafrika wurde, hätten wir uns zu diesem Zeitpunkt nicht träumen lassen. Das wäre uns nie in den Sinn gekommen.

Südafrika war eine Zäsur: Mit dem Buch „Was wir von Liebe verstehen“ nahmen Sie ihre eigene Beziehung unter die Lupe. Was haben Sie entdeckt? Und tut das einer Beziehung gut, so ein Eintauchen?

Das Buch war hart. Wir dachten bis dahin, wir haben das alles so gut hinbekommen, jetzt erzählen wir der Welt mal, wie das geht mit der Liebe und mussten feststellen, dass sich Abgründe auftaten. Wir haben gar nichts kapiert und so viel falsch gemacht. Das haben wir dann erzählt und deshalb ist es ein richtig gutes Buch geworden. Es hat uns sehr auf uns zurückgeworfen, was erst ein Schock war, aber dann sehr gut und sehr viel Verständnis und Einsicht gebracht hat.

Radioformate entstanden. Bekannt wurde vor allem die „Wurfsendung“: Minihörspiele von maximal 50 Sekunden Länge. Eine wunderschöne Idee. Aus dem Trott-Reißer-Formate. Was ist ihre Lieblingsfolge? Und würde so ein Format in einer Multikanalwelt überhaupt noch funktionieren?

Keine Ahnung. Daran kann ich mich kaum mehr erinnern. Doch, meine Lieblingsserie ist die der absurden Benimmregeln, die die Regisseure von Leuten auf der Straße vorlesen ließen.

Mit „Niemandsland“ nahmen Sie die bei uns Deutschen so beliebten „Auswandererdokus“ aufs Korn. Welche Rolle spielt für die der Humor?

Gaaanz, gaanz wichtig! Ohne Humor kommt man nicht weit.

Südafrika war ebenfalls die Geburtsstätte der Sharehäuser, Gemeinschaftshäuser, die in Südafrika und Kreuzberg entstanden. In Neukölln gründeten Sie dann sogar noch das Projekt Sharehaus Refugio mit und für die Berliner Stadtmission. Was war der Anlass für diese Idee?

Ursprünglich wollten wir Kirche leben und für alle Menschen zugänglich machen.

Gott sollen Sie, glaubt man den Interviews, auch am anderen Ende der Welt gefunden haben. Wie ist das, wenn aus dem Suchen ein Finden wird? Und: Wer ist er/sie/es?

Gott haben wir durch die Menschen gefunden, in denen er lebte. Das hat überzeugt.

In Berlin haben Sie neben den Sharehäusern die School of Love gegründet. Auf Ihrer Webseite zählen Sie eine Reihe von „Lehrern“ auf, die Sie inspiriert haben. Wissen Sie was? Wir haben dieselbe Schule besucht. Mit dem Unterschied: Sie haben verstanden. Mir entfleucht die Liebe immer wieder. Was ist sie, die Liebe? Und wie kann man sie heute leben?

Die Liebe ist eine Kraft, die stärker ist als wir. Solange wir unsere Herzen groß und weich machen, bereit sind zu wachsen, zu lernen, uns zu verändern, kann auch die Liebe wachsen. Großzügigkeit, Mut, Offenheit, Veränderung sind ihr Nährboden und viel Humor. Vor allem über sich selbst muss man viel lachen können.

Schaut man sich Ihr Leben an, so ahnt man: Das kann noch nicht alles sein. Was kommt nach der School of Love?

Das weiß nur Gott. Wir sind gespannt! Wir lassen uns gerne überraschen.
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www.sharehaus.net
www.schooloflove.berlin

Der Text ist abgedruckt in:

theo. Das unabhängige katholische Magazin, 2020/02, S. 26 – 28.

http://www.theo-magazin.de