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Eine Frage der Entschiedenheit

Die christliche Religion ist im Wandel und damit auch wir Menschen. theo-Autor Sven Schlebes sprach mit der Theologin Anja Middelbeck-Varwick über die Herausforderungen einer neuen Zeit.


// Selbsterkenntnis steht hoch im Kurs bei uns Menschen und fällt uns doch so schwer. Vielleicht weil uns das Spiegelbild mit all seinen Facetten nicht so gefällt? Wir sind Christen. Behaupten wir zumindest. Mitten im 21. Jahrhundert. Was sehen wir im Spiegel und was oder wer sind wir?
Es wird schwierig sein, einen Spiegel für das globale Christentum im 21. Jahrhundert zu finden, der ein einheitliches Bild zeigt; vermutlich wären tatsächlich Facettenaugen von Nöten, um es in seiner Diversität betrachten zu können. Sichtbar würde vielleicht eine multikonfessionelle und multikulturelle Schatzkiste, in der einiges lagert, was verrottet ist, aussortiert gehört. Anderes könnte wiederentdeckt oder neu poliert werden müssen. Sicherlich aber fände sich sehr, sehr vieles, was es zu bewahren und zu tradieren lohnte. Hinsichtlich notwendiger Kritik und Erkenntnisprozesse sind entsprechend höchst gegenläufige Prozesse im Gange, vieles ereignet sich zudem ungleichzeitig, es gibt massive Verschiebungen innerhalb der Christentümer weltweit. Zum Beispiel greift das Schema der „Säkularisierungsprozesse im globalen Norden“ versus „aufblühende, lebendige Christentümer im globalen Süden“ viel zu kurz. Was es bedeutet, heute Christin oder Christ zu sein, ist daher – schon innerhalb Deutschlands – hoch kontextuell. Eine brasilianische Katholikin würde die Frage nach der Bedeutung des Christseins völlig anders beantworten als ein bulgarischer Orthodoxer oder eine koreanische Lutheranerin.

//Was ist das Christentum, das uns formte und das wir leben?
Christsein ist seit jeher dynamisch und über sich hinausweisend, es ist seit jeher kulturgebunden, wandelbar und durchlässig. Seine Tradierung bedurfte stets vielfältiger Übersetzungen, Aneignungen und Transformationen. Grundsätzlich existiert keine Religion als Fixum, keine Religion ist statisch oder wie in einer Box verfügbar. Auch das Christentum besteht immer nur dadurch, dass Menschen ihm angehören und es zu leben versuchen.
Zu den Kennzeichnungen der christlichen Kirche gehören die vier so genannten „notae ecclesiae“, wie sie im Glaubensbekenntnis genannt sind: die Einheit, die Heiligkeit, die Katholizität und die Apostolizität. Katholizität ist hierbei nicht als Konfessionsbezeichnung zu verstehen, sondern katholisch meint zunächst nur „allumfassend“. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, dass es „das Katholische“ historisch jemals gegeben hat, auch die Frage der Einheit der Christinnen und Christen ist von Beginn an eher Ideal als Faktum. Die bereits angedeutete Vielfalt wirft eher die Frage auf, was bleibt das Verbindende, Tragende, Antreibende? Die tiefe Krise der Katholischen Kirche in Deutschland vermittelt ohne Zweifel eher ein Gefühl der Stagnation und Resignation, denn des Wandels. Dies ist sehr traurig, da es noch immer sehr viel Potential für neue Aufbrüche gäbe.

//Das Christentum fühlt sich oft an wie ein steinerner Monolith. Und doch gleicht es eher einer unendlichen Vielzahl von Lebensformen in einem großen Biotop. Können wir als Christen Vielfalt? Ist Diversität erlaubt, Inklusion möglich und „Belonging Alltag“, oder ist das große Wir doch eher der Trümmerhaufen Babels?
Christliche Diversität ist nicht nur erlaubt, sondern schlicht immer schon gegeben, wie sich schon anhand der frühchristlichen Gemeinden unschwer zeigen ließe. Inklusion und Offenheit gehören seit jeher zur Programmatik und die individuelle Freiheit ist sogar die notwendige Voraussetzung für den christlichen Glauben. Wenn sich das Christentum wie ein steinerner Monolith anfühlt, dann läuft etwas gehörig schief. Die Botschaft Jesu setzt frei und das Vertrauen auf das Evangelium befähigt zum Guten, es richtet sich an alle Menschen, unabhängig von Status, Herkunft oder Geschlecht und ergreift in besonderer Weise Partei für die Marginalisierten

//Gibt es aktuell Weiterentwicklungen zu beobachten ?
Jede Menge! Mit Blick auf die Kirchen weltweit ist die Entwicklung der so genannten Pfingstkirchen und zahlreicher Megachurches vielleicht am signifikantesten. Innerhalb der römisch-katholischen Kirche haben wir derzeit mit massiven kirchenpolitischen Polarisierungen zu tun, die nicht nur in Deutschland zu hohen Austrittszahlen, sondern in vielen Ländern Europas und Nordamerikas zu großen Kontroversen und auch zur Abkehr vom „römischen“ Kurs führen. Das Pontifikat von Franziskus vermag es – anders als von vielen erhofft – hier nicht für Ausgleich zu sorgen. Daneben gibt es auch ganz andere problematische Entwicklungen, die Situation der Christinnen und Christen im Nahen Osten oder in China z.B., die Konflikte innerhalb der Orthodoxie oder das verstärkte Aufkommen von Bibelfundamentalismus in zahlreichen Ländern – über alle diese Entwicklungen wäre viel zu sagen.

//Sind wir an manchen Stellen gemeinsam falsch abgebogen? Was haben wir richtig gut gemacht?
Das Christentum hat in der Geschichte oft versagt und die eigene Botschaft gewaltvoll pervertiert; hierzu müssen nicht Kreuzzüge, Inquisition, Judenvertreibungen, Hexenverbrennungen oder die Ausschweifungen der Renaissance-Päpste bemüht werden. Auch in jüngster Zeit gab und gibt es vielfältigen Missbrauch, gab und gibt es Macht – und Besitzstandswahrung, sexuelle Gewalt, vermeintlich „religiös“ motivierte Kriege, strukturelle Diskriminierung von Frauen oder Ausgrenzung von Homosexuellen. Richtig gut gelingt die Nachfolge Jesu seit jeher und auch heute dort, wo Menschen einander helfen, für Frieden und Gerechtigkeit kämpfen und das Gute tun. Das klingt banal, ist aber sowohl im Alltag als auch in großen politischen Zusammenhängen bleibende Herausforderung. Sich als gute Christin zu erweisen, es lässt sich nicht an Caritas International, den Jesuiten- Flüchtlingsdienst oder den Sozialdienst Katholischer Frauen delegieren, sondern jede alltägliche Begegnung erfordert eine Haltung der Nächstenliebe, die Gottes Nähe erfahrbar macht. Dies einzuüben ist zweifelsohne eine lebenslange Aufgabe, die nicht immer gelingen kann. Aber das Christentum wirklich zu leben, ist eben eine Frage der Entschiedenheit und verlangt Engagement.

//Wenn Gott vor allem auch immer wieder das grundsätzlich Andere, das Fremde ist – wie kann ich ihn mir vorstellen?
Vor aller Zeit und in Ewigkeit ist Gott. Hierauf vertrauen zu können, ist vermutlich ein Geschenk. Gott ist nicht dazu da, Wünsche zu erfüllen, aber ganz sicher ist Gott – für mich als Glaubende – in der Entzogenheit präsent, in der Verlorenheit nahekommend, im Dunkel Licht, in der Haltlosigkeit Anker. Gottes Bild entzieht sich und prägt und formt mich doch – auch in Ferne und Andersheit bleibt der Gott Israels, der Vater Jesu, der, der sich uns zugesagt hat, am Sinai und am Kreuz. Die biblischen Erzählungen, die Psalmen und die Evangelien geben viele Antworten, vor allem aber kennen sie alle menschliche Not und Verlassenheit. Sie versuchen, die Gottsuche und die Erfahrungen, die Menschen mit Gott gemacht haben, festzuhalten. Neben den biblischen Texten halte ich es mit Teresa von Avila, die immer einen Zettel bei sich trug, auf dem stand: „Nada te turbe, solo Dios basta!“ (nichts möge Dich beunruhigen, Gott allein genügt). Einen Zettel mit diesem Satz habe ich im Portemonnaie – eine sehr alltagswirksame Maßnahme, mit Veränderungen, Herausforderungen und allem, was bedrohlich scheint, umzugehen.

//Wie können wir den uns umgebenden und uns durchfließenden christlichen Raum als Ausprägung des christlichen Geistes strukturell, spirituell und kulturell weiterentwickeln und damit uns selbst?
Der uns umgebende Raum ist christlich? Nun, das ist eine Frage der Zuschreibung, der Deutung, der Weltanschauung. Ich halte wenig von der Vereinnahmung von Räumen. Wenn es darum geht, die Welt im poltisch-gesellschaftlichen Sinn zu gestalten, gibt es keine christlichen Sonderräume.
Vielmehr ist ein verantwortliches Zusammenwirken aller Menschen guten Willens notwendig. Christinnen und Christen sollten und könnten weit mehr aus ihren Ressourcen schöpfen, wenn es darum geht, friedens- und sinnstiftend zu wirken. Spirituelle Weiterentwicklungen als individuelle Übungen halte ich nur bedingt für erstrebenswert, aber das mag an meiner praktischen Orientierung liegen. Das Wesentliche des Christentums ist ebenso herausfordernd wie banal: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.“ ( Joh 15,12) Für andere da zu sein und die Last der anderen mitzutragen – das halte ich für zeitlos innovativ und zugleich für eine grundlegende ethische wie politische Programmatik: Auf dem Weg zu einer solidarischen Gesellschaft bzw. Weltgemeinschaft ist noch viel Luft nach oben! Aber auch dies Bedarf der Übung vor Ort und beginnt damit, auch den eigenen Egoismus und das eigene Konkurrenzdenken immer wieder zu durchbrechen. Vielleicht werden Räume dadurch christlicher, sicher aber werden sie menschenfreundlicher.

//Es heißt oft: Wir geben dem Leben eine Antwort. Was fordert das Leben von uns und dem Christentum gerade?
Angesichts der Corona-Pandemie zum Beispiel verlangt es m. E. die Übernahme von Verantwortung für Schwächere. Von der Maske beim Busfahren, dem Anruf bei Einsamen oder Depressiven, das Organisieren von Notebooks für Kinder, deren Eltern diese nicht finanzieren können, bis hin zur Unterstützung von weltweiten Hilfsorganisationen, die in Regionen aktiv werden, die weitaus gravierender unter den Folgen der Krise leiden. Mit dem Leben als Christin zu antworten, meint aber keinesfalls nur das explizite Aktivwerden, sondern vielmehr das Leben aus einer menschenfreundlichen Haltung heraus. Jemanden die Tür aufhalten, in Social-Media-Kommentaren respektvoll und höflich zu sein, nach einem Streit das Gespräch wieder zu beginnen, bedeutet für mich mehr als „gutes Benehmen“ und ist kein antiquiertes Verhalten: Ich meine, hier zeigt sich gelebte und sehr alltägliche Frömmigkeit.

//Gibt es so etwas wie ein christliches Charisma, das uns mit anderen Religionen und spirituellen Strömungen verbindet und uns von ihnen zugleich absetzt/trennt?
„Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist.“ (1 Kor 12,4) Im Islam – in Koran und Sunna – gilt Jesus, der Sohn der Maria (arab. Isa ibn Maryam) als besonders friedliebend – vielleicht hilft das?

//Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. phil. habil. theol. Anja Middelbeck-Varwick, geb 1974, lehrt Religionstheologie und Religionswissenschaft am Fachbereich Katholische Theologie der Goethe Universität Frankfurt am Main. Zuvor war sie Professorin für Katholische Theologie an der Europa-Universität Flensburg und Juniorprofessorin für Systematische Theologie am Seminar für Katholische Theologie der Freien Universität Berlin. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder.

Der Artikel ist abgedruckt im Magazin Theo. Katholisches Magazin, 04/2020.
Info: www.theo-magazin.de