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Die glücklichen Kinder

Das Traumschiff habe ich als Kind geliebt. Die schönsten Strände, die schönsten Menschen, die großartigsten Uniformen. Und das tolle Kapitänsdinner zum Schluss. Sicher, es gab familiäre Konflikte. Manchmal war sogar ein Dieb dabei, Kunstfälscher. Hochstapelei. Egal. Der Teppich war rot, die Gangway steil, der Ausblick genial.

Im Studium bekam ich dafür die Verachtung der Intellektuellen zu spüren, ihren Hass auf die Oberflächlichkeit, die Langeweile beim immer gleichen Plot, ihre aufklärerische Wut gegenüber sämtlichen Stereotypen dieser westlichen 80er Jahre-Welt. Anspruch hatte, was unbequem daherkam, laut war und zerstörerisch. Ein guter Mensch lebt ernst. Oder so. Und so ließ ich das Traumschiff untergehen.

Jahrzehnte machte ich mir das Lied der Besserwisser zu eigen. Leidend, entsagend, aber in der Gewissheit der Richtigkeit. Jahrelang suchte ich für unsere Kinder pädagogisch besonders wertvolle Bücher aus. Natürlich handgezeichnet. Holzspielzeug mit gutem Gewissen. Alles – weil es richtig war. Spaß hat es meinen Kindern nicht gemacht.

Als Corona uns zu Amazon Prime-Kunden machte, entdeckten wir den ZDF Select-Kanal. Sozusagen das Gebrauchtwarenlager des braven BRD-Spießersenders. Mit samt seinen Seriensünden: Schwarzwaldklinik. Und Traumschiff. Wir erwischten die Folge mit Sascha Hehn. Als Victor Burger beerbt er den Alten, Jacob Paulsen, und sticht in See. Vom Schulmädchenreport und Halbgott in Weiß hatten meine Kinder bis dato keine Ahnung. Australien fanden sie faszinierend, litten beim Paarstreit und freuten sich über den Reelingskuß. Spätestens beim Kapitänsdinner sprangen beide auf: Klatschmarsch. Nur kurz grummelte mein Magen. So glücklich habe ich meine Kinder schon lange nicht mehr gesehen. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein intellektuelles, ökologisches und kulturelles Unding wie das Traumschiff die dunklen Wolken unserer Virusdepression durchdringt.

Seitdem weiß ich, wie wichtig die richtige Verpackung von Botschaften ist, um das Menschenherz zu erreichen und zu neuen Ufern aufzubrechen. Ein Königreich für eine gute Geschichte. Und ein Leben für gute Unterhaltung. Meckie Messers Moritate kann ab sofort jemand anderes singen. Ich nehme James Last und schwitz’ unter der Käpitänsmütze.

Der Artikel ist abgedruckt im Magazin Theo. Katholisches Magazin, 04/2020.
Info: www.theo-magazin.de