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Vorhang auf

theo. Das unabhängige katholische Magazin. Wandel. Ausgabe 04/2020.

Ein zweites Leben, eine neue Chance am Ende eines alten Kapitels: Wer wünscht sich das nicht?

Wenn der Vorhang fällt im großen Theater und das Licht angeht, die Geschichten erzählt und der Applaus erschöpfend gegeben wurden. Dann gehen die einen erheitert in eine neue aufregende Nacht. Und die anderen räumen auf. Schieben beiseite. Legen zusammen.

Kulissen, Kostüme, Kosmetikschachteln. Manchmal sortieren sie auch aus. Schön, aber gut gewesen.

Im Märchen kommen an dieser Stelle die Schrottsammler, die Altes mitnehmen, liebevoll reparieren und ein neues Zuhause finden. In der Offenbarung übernimmt diesen Job das Lamm Gottes mit samt seinen Engeln der Apokalypse: „Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.“ (Offb 21,1)

Einen neuen Himmel kann die Designerin und Künstlerin Alexandra Hartmann den alten Stoffen, die sie in Pariser Hotels einsammelt, nicht versprechen. Aber sie rettet die oft mehr als hundert Jahre alten Vorhänge, Bettüberwürfe und Kissenbezüge vor dem Flammentod in einer modernen Müllverbrennungsanlage. Ausgeblichen liegen sie dann oft wochenlang im Privatatlier der jungen Dänin, verstecken verschämt ihre Zigrattenbrandlöcher und schweigen stille über das Gesehene und Miterlebte: Affären, Verbrechen philosophische Diskussionen und Frühstücksgelage im Bett. Manche von ihnen haben Frankreichs letzten Kaiser erlebt, viele den Geruch von durchschwitzen Soldanteuniformen eingesogen vermischt mit schwer-süßen Blumenbuquetschwaden.

Oft handgemacht, erzählen sie mit ihren schwungvollen Mustern von Zeiten, in denen Leben eine Kunst war, dessen Mark genossen und ausgesogen werden wollte. Intensiv. In vollen Zügen. In allen Facetten. Kein Stoff ist fehlerfrei, alle haben sich vom Mantel der Geschichte streifen lassen. Jetzt müssen sie gehen. Der Brandschutz und das ästhetische Empfinden moderner Inneneinrichter sagen „Auf Wiedersehen.“ Bis sie dank Alexandra Hartmann quasi als Ironie der Geschichte als One-of-a-Kind Designerjacken an lebens- und liebeshunrigen Pariserinnen ein glamouröses Comeback in den frisch renovierten Hotelräumen feiern. Verbargen sie gestern noch als Vorhang den Sonnenschein, umschmeicheln sie heute gerade erst zum Leben erwachte Amazonenkurven und verheißen die Wiederkehr eines neuen Frühlings.

Sicher: Die geschneiderten Kunstwerke kosten ein kleines Vermögen und widersetzen sich der modernen Massenkonsumlogik.

Doch die Aufgabe von Kunst war es noch nie, das Leben der Nützlichkeit zu unterwerfen, sondern es zu feiern und damit die Angst vor dem Tod zu besiegen.

Das klingt pathetisch und ist vielleicht für das 2017 gegründete Bekleidunglabel Hôtel Vetements auch eine Umdrehung zu apokalyptisch. Schließlich will Hartmann einfach nur schöne Jacken machen.

Aber die sind immerhin zu schön für den (Recycling)-Tod und verheißen einen neuen Frühling.

Vorhang auf für ein neues Kapitel im Theater des Lebes.

Info: www.hotelvetements.com

Der Artikel ist abgedruckt im Magazin Theo. Katholisches Magazin, 04/2020.
Info: www.theo-magazin.de