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Sternenwege

Theo. Unabhängiges katholishes Magazin

Reisen ist keine gute Idee in Zeiten der Pandemie. Selbst das so geliebte Pilgerwandern ist nur eingeschränkt erlaubt. Doch auch wenn der König der Pilgerwege, der Jakobsweg in Spanien, in diesem Jahr weit entfernt scheint, kann die Wanderung vor der eigenen Haustür beginnen. Die mittelalterlichen Sternenwege quer durch Europa weisen den Weg. Und halten so manche Überraschungen und Einsichten parat. theo-Redakteur Sven Schlebes ist schon mal losgegangen. Mitten im Leben. Mitten in der Stadt Berlin.

Manchmal werden alte Wege zu neuen. Nicht die ausgelatschten und breitgetretenen. Sondern die unter vielen Schichten vergessenen und in ihrer Ursprünglichkeit selten begangenen. Weil sie im Laufe der Zeit aufgegangen sind in anderen Wegen und vordergründig aus unterschiedlicheren Motiven genutzt werden. Mit anderen Zielen.

Der Weg zu den Sternen führt über das Herz

Es war noch in der Frühphase der Viruspandemie, als ich mir mit meiner Familie die Fahrräder schnappte und über die fast menschenleere Straße des 17. Junis in Berlin bis zum Brandenburger Tor fuhr. Vorbei an den Russenpanzern, der rufenden Mutter. Bis zur Quadriga: „Das, liebe Kinder, ist eines der vielen Herzen unserer Stadt.“ Unter uns: die Pflaster des ehemaligen Grenzstreifens. Berlins Mauerweg. An normalen Tagen Trampelpfad tausender Touristen. Heute: Niemandsland. Mal wieder.

Nur ein Wanderer saß am Straßenrand. Den Rucksack abgestellt. Trinkflasche am Mund. Eine Jakobsmuschel baumelte am Seitenfach. Er bewegte die Lippen wie im stillen Gebet und verschwand dann im angrenzenden Tiergarten.

Pilgern: Mitten am Tag. Mitten im Leben

Pilger waren mir schon lange nicht mehr begegnet. Also die mit spirituellen Motivationen. Nicht die vor den Einkaufläden. Vor fast zehn Jahren war ich einmal mit dem Jesuitenpriester Christian Herwartz vom Kottbusser Tor zu einer Tagesreise durch die Stadt aufgebrochen. Straßenexerzitien nannte er das Pilgerangebot. Mitten am Tag, mitten durch den Verkehr, mitten durch die Stadt. Bis Gott erscheint in einem brennenden Dornbusch. Oder einem quietschenden Grillhähnchenwender.

Damals zog mich eine ausgelassene Sinti-Hochzeit in ihrem Bann. Unter strömenden Regen. „Heirate das Leben“, war damals die Wege-Botschaft. Soul-Explosion.

Ein Blick ins Smartphone verriet: Der Mauerweg, diese noch immer schmerzende Nahtstelle deutsch-deutscher Geschichte, folgt an einigen Stellen dem Verlauf einer alten Reiseroute, die im Mittelalter unter dem Namen „Via Imperii“ (Reichsstraße) zu den wichtigsten Fernhandelswege Europas gehörte. Als Nord-Süd-Achse verband sie die Städte Stettin und Rom. Bei Leipzig stieß sie auf die andere wichtige Fernhandelsmagistrale, die „Via Regia“, die Moskau und Santiago de Compostela miteinanderverband und so das Wegerückgrat eines sich entwickelnden Europas bildete.

Via Regia: Das alte Straßennetz Europas und Rückgrat der Sternenwege

Auf den Straßen reisten Händler und Diplomaten, Huren, Künstler und Wanderarbeiter, Ärzte, Soldaten, Gaukler. Manchmal Könige, Fürsten und Kaiser, Wanderprediger und immer wieder auch Pilger auf der Suche nach Wunderorten, Heilserscheinungen und Sündenablässen. Manchmal war Rom ihr Ziel, lokale Kirchen wie die Wunderblutkirche im heute brandenburgischen Bad Wilsnack. Oder auch das Grabmal eines von Jesus Erstberufenen Jüngern: Jakobs der Ältere im spanischen Santiago de Compostela. Eine Legende nach soll er im frühen ersten Jahrhundert auf der iberischen Halbinsel missioniert und sich so zu einer der zentralen Identifikationsfigur für die neuen, christlichen Gemeinschaften Westeuropas entwickelt haben.

Im Hochmittelalter entwickelte sich sein Grabmal neben Rom und Jerusalem zu einem der zentralen Ziele von christlichen Gläubigen auf der Suche nach Heil, Vergebung und Lebensumkehr. Der Camino des Santiago als Weg zu einem versöhnenden und erlösenden Christus unter Fürsprache des Heiligen Jakobus.

Wir wollten eigentlich nur den Pariser Platz besuchen und dann irgendwo im Schatten ein Eis essen. Aber jetzt hatte die Jakobsmuschel mich gepackt.

Im Mittelalter machten sich Hilfesuchende aus allen Teilen Europas zu Fuß auf den Weg nach Spanien. Sie nutzten vorhandene Wege und stießen in den Pyrenäen auf den eigentlichen, heute als Jakobsweg bekannten Pilgerpfad: Ein heute auch als Sternenweg beschriebenes, spirituelles Wegenetz entstand. Und die Via Imperii, tief unter uns im märkischen Sand zwischen Weltkriegschutt und Alltagsabfall verborgen, war ein Teil davon.

„Lust auf eine Spontanpilgerschaft?“, fragte ich meine Familie, die sich unter Linden im Schatten aufhielten. „Wenn er nach Hause führt dein Weg“, entgegnete meine Frau, „gern.“

Der Jakobsweg. Europas erster europäischer Kulturweg und Teil der europäischen Sternenwege

Als die Pilgeridee mit der Reformation und den Säkularisierungsbewegungen in der Neuzeit einschlief, geriet auch der ursprüngliche Jakobsweg und das europäische Wegenetz (die sogenannten „Wege der Jakobspilger“) in Vergessenheit. Bis der heilige Jakobus im 20 Jahrhundert als Schutzpatron eines wiederstarkenden Nationalstaates Spanien seine Wiederkehr erlebte und der Europa 1987 den spanischen Camino de Santiago zum ersten europäischen Kulturweg ernannte.

Der Jakobsweg und seine Geschwister als Lebensadern eines spätmodernen Europas: Die jährlich steigenden Pilgerzahlen scheinen die These vom lebendigen Kultur-, Wirtschafts- und Spiritualitätsorganismus EUROPA zu belegen. Knapp 350.000 Suchende und Wandernde haben zumindest die letzten 100 Kilometer wandernd im Jahr vor der Coronakrise begangen.

Ob mit oder ohne Erleuchtung: Am Ende wartete die Kathedrale mit ihrem riesigen, in der Luft schwebenden Weihrauchgefäß in der 12 Uhr Messe.

Bis nach Santiago wollten wir nicht aufbrechen an diesem sonnigen Märztag. Uns reichte die südliche Stadtgrenze Berlins mit ihrem Teltowkanal, die Aussicht auf eine Berliner Weisse mit Schuss. Und vielleicht das Aufblitzen von etwas Hoffnung in diesen doch merkwürdig beklemmenden Zeiten.

Die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund: Noch fehlt sie auf weiten Strecken des Berliner Weges der Jakobpilger, der im Norden durch den Stadtteil Buch das Stadtgebiet betritt und im südlichen Marienfelde wieder verlässt. Doch der Verlauf der Via Imperii und ihre GPS-Daten sind von Jakobsgesellschaften und Wandervereinen gut dokumentiert und bereitgestellt.

Geballte Geschichte. Geballte Sonne.

Es war Mittag, als wir das Brandenburger Tor in Sonnenrichtung verließen. Mit einem Auge auf das Smartphone und dem anderen auf himmlische Zeichen am Wegesrand. Doch Gott schien auf den ersten Kilometern erstmal Mittagsschlaf zu halten und den steinernen Zeugnissen unserer menschlichen Geschichte die Bühne zu überlassen: Amerikanische Botschaft, Mahnmal für die ermordeten Juden, der Potsdamer Platz mit seiner ersten Verkehrsampel und Mauerresten. Der neu umgebaute Gleisparkdreieck. Vorsichtig versuchten wir unseren Kindern vom alten Berlin an der Spree zu erzählen und der Geschichte der Nationalstaaten, den Kriegen, der Sehnsucht nach Größe, Freiheit, Macht, Selbstbestimmtheit und immer wieder nach dem Neuen. „Und jetzt? Sind wir jetzt endlich am Ziel angekommen mit allem. Also: Fertig?“ Geballte Geschichte. Geballte Gebäude. Hübsch-hässlich-schön-scheusslich. Alles in allem. Schnell gewinnen wir Fahrt auf dem neuen Fahrrad-Highway entlang der S-Bahnstrecke in Richtung Süden. Wir entdecken Fussballplätze auf Baumarktdächern, Tantrazentren, Computerläden, 68er-Ausstellungen und umgestürzte Elektorroller. Die Artefakte des 21. Jahrhunderts. Unrenovierte Altbau an der einen Ecke, mit dem Auto befahrbare Penthousewohnungen an der anderen Ecke.

Im Grünstreifen zwischen Südstern und Priesterweg machen wir endlich Pause.
Hier und da liegen Menschen mit Gesichtsmasken auf Picknickdecken. In den anliegen Kleingärten werden Fahnen gehisst. Tibetische Gebetsfahnen, Norwegerflaggen und Hertha BSC. Mitten drin: eine kleine Kirche. Meine Tochter und ich machen uns auf den Weg. Schließlich befinden wir uns ja irgendwie auch auf dem heiligen Jakobsweg. Doch die Kirche entpuppte sich als umgebaute Friedhofshalle, umgeben von einem Grünstreifen mit verfallenden Gräbern. Dass die Begräbniskultur derzeit eine große Veränderung durchläuft, wusste ich. Dass sie quasi zerfällt: nicht. Leicht enttäuscht streifen wir durch die Parzellen. Hinter einer Hecke finden wir noch einen Grabstein mit verwitterter Inschrift: „Mutti“ steht links. „Vati“ rechts. Mehr nicht. Wie es wohl unseren Eltern in der heimischen Quarantäne ergehen mochte?

Wie Pilger auf großer Fahrt fühlten wir uns nicht. Eher ein wenig verloren. Hier zwischen den Schrebergärtchen und den verwitternden Steinengel. Gerade zwei Stunden waren wir unterwegs, und doch übermannte uns Spontanreisenden die Orientierungslosigkeit. Ob Via Imperii, Jakobsweg oder Fahrrad-Highway in den bürgerlichen Berliner Süden. Die Coronamaßnahmen setzten uns zu. Die Zukunft: Ungewiss. Die Vergangenheit: Hinabgesunken ins Erdreich und überlagert von zweckmäßigeren Routen. Unterwegs wie Schlafende im Hyperraum. Von hier nach dort. Ohne wirkliche Verbindung zur Umwelt.

Die innere Reise der Sternenwege folgt dem Impuls

Diese Reise, unsere Reise, sie folgte einem Impuls. Keinem rationalen Plan. Innerlich hörte ich sie alle lachen. Die, die immer und überall für alles einen Plan haben. Leben. Partnerschaft. Karriere. Zinsen. Rente. Vielleicht lachen sie zurecht. Und spotten jetzt. Oder meckern. „Was willst du? Für immer Reisen? Niemals ankommen?“

Vor uns liegt Marienfelde. Die Familie meiner Mutter war hier nach dem Zweiten Weltkrieg gelandet. Flüchtlingslager für die „aus dem Osten“. Mein Opa, eigentlich heimisch an der Neisse, ist am Niederrhein nie wirklich angekommen. Der Weg zurück war im versperrt. Und so ging er am Lebensende auf große Kreuzfahrt um die Welt. Einige seiner Briefe und Postkarten liegen noch gut verpackt in meiner Wohnung. Das Eindrucksvollste: Filmaufnahmen über Ozeanwellen. Minutenlang.

„Wohin wollen wir heute eigentlich noch?“, fragte meine Tochter, als wir am Teltowkanal anhielten und über den weiteren Verlauf unserer Spontanpilgerschaft debattierten. Hier endet Berlin. Dahinten beginnt Brandenburg. Keine Mauer mehr weit und breit. Und trotzdem: Neuland. Im Altland Europa. Jungfäulich vergessen mit all‘ seinen Schätzen. Begraben unter Krisenängsten, digitalen Transformationswellen und touristischen Hochglanzprodukten. Schöne Hülle, versunkene Substanz, ungewisse Zukunft. Bis nach Santiago de Compostela wären es fast 3.500 Wanderkilometer. Fünf Monate wäre man unterwegs, haben Pilgerprofis ausgerechnet. Einmal quer durch Europa. Ob diesen Weg jemals in seiner Gänze wirklich gegangen ist? „Kommt darauf an, ob wir bis zum Grabmal des Jakobus wollen“, antwortete ich.

„Gräber haben wir genug gesehen“, erwiderte meine Tochter. „Panzer auch. Grenzmauern. Niemandsland. Wie wäre es, wenn wir zuhause auf dem Balkon Grillen, in der Abendsonne abhängen und ich dann noch mit meinen Freundinnen skypen kann?“

Guter Vorschlag.Verträumt blickte meine Tochter auf das glitzernde Wasser: „Kann man eigentlich von hier bis nach Spanien auch Segeln?“ Das kam überraschend. „Klar. Kann man machen. Wäre dann eine etwas andere „Sternenroute“.“

Ein Boot kreuzte unsere Brücke. Ein schönes. Aus Holz. Mit Segeln in Weiß.
„Müssen wir aber erst lernen. Das Segeln.“
„Ach Papi, machen wir zusammen. Und dann mit dem Abi. Fahren wir los, oder?“

Alte Wege. Gemeinsam lernen und entdecken. Ferne Ziele.
Ein neuer Anfang.
Ein guter Plan.

Einen Namen für unser zukünftiges Schiff jedenfalls haben wir auch schon: Eclat. Das Leuchten der Himmelkörper.


Info:
Deutsche St. Jakobus-Gesellschaft e.V.
Tempelhofer Straße 21
52068 Aachen
Tel.: +49 241 510 00 62
Fax: +49 241 510 00 63
E-Mail: info@deutsche-jakobus-gesellschaft.de
https://deutsche-jakobus-gesellschaft.de

Eine Übersicht deutscher Jakobswege (inklusive GPS-Daten zum Herunterladen) finden Sie unter:
http://www.deutsche-jakobswege.de

Detaillierte Wanderkarte für den Jakobsweg durch Berlin:
https://camino-europe.eu/de/eu/de/jakobswege/via-imperii/via-imperii-berlin-teltow/

Eine Übersicht über die Sternenwege in Europa:
http://www.sternenweg.net

Der Text ist abgedruckt in: theo. Das unabhängige katholische Magazin, 03/2020, S. 42 – 46.

http://www.theo-magazin.de