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Liebe mal sechs: 02 – Die Selbstliebe

Abgedruckt in: Theo 5/2018. Goldene Zeiten
Foto: Alex Iby. Quelle: unsplash.com. Rechte: CC 0.0

Als ich heute morgen aufwachte, war es kalt. Zu früh für die Heizung. Die springt immer erst um 6 Uhr an. Mein Schlafanzug klebte am rechten Bein. Kalte Feuchtigkeit. Sicher Angstschweiss. Vielleicht ein Alptraum? Die Linde vor unserer Wohnung hat schon vor Wochen ihre Blätter verloren. Jetzt steht sie da mit ihren schwarzen, grün-modrigen Ästen und tanzt ein wenig im Grau. Nackt. Zittrig. Gespenstisch.

Im Badezimmer mache ich heute mal wieder nicht das Licht an. Für die Umwelt, denke ich mir. In Wahrheit ist mir der Spiegel zu groß und das Licht zu hell. Zu viel Ich an so einem Morgen. Vor allem, wenn die Kleidung fällt. Stöckerarme, hat mein Ausbilder bei der Bundeswehr früher immer gesagt. Astig, knotig, mäßig in der Muskulatur. Draußen tanzt die Linde.

Schnell, denke ich mir. Gleich kommen die Kinder. Meine Tochter braucht gerade viel Liebe. Zu viel für so Stöcker-Arm-Tage. Da ist alles, was ich geben kann, lauwarm. Ein bisschen Zuversicht durchtränkt von Zweifel. Zu wenig für die kalten Temperaturen. Graupenschleim auf Sparflamme.

An Tagen wie diesen brauche ich selbst viel Liebe. Dann werde ich selbst zu einem schwarzen Loch, das saugt und saugt und niemals genug bekommt. Endlos ist die Dunkelheit. Bodenlos das Loch im Bauch. Das sind die Tage, an denen Menschen vor mir selbst zurückweichen, weil sie selbst hungrig bleiben oder fürchten, verschluckt zu werden.

Ich habe lange gebraucht um zu verstehen, dass eine schwache Beziehung zu mir selbst die Beziehung zu anderen schwächt. Wenn ich mich nicht anschauen mag, weil mir nicht gefällt, was ich sehe, bringe ich das Wenige, was ich an mir mag, auch nur in die Beziehung zu anderen ein. Innere Bettler haben nichts zu geben, innere Aggressoren zerstören. Das Wenige, was sie selbst an sich mögen und das Bisschen, was sie mit anderen verbindet.

„Liebe den anderen wie dich selbst“, hatte Jesus formuliert. Verstanden habe ich es nie. Selbstliebe, das waren für mich immer die Menschen, die von sich selbst nie genug bekommen konnten. Von jedem Foto grinsten. Immer alles wussten. Vor allem besser. Die am liebsten ein Team von Klonen um sich herum gehabt hätten, um alles richtig zu machen. Nämlich so, wie sie selbst. Menschen, deren Selbstwirksamkeit das Heilmittel für die ganze Welt darstellt und die doch zugleich immer wieder auf Abgrenzung drängen: „Also, hier ziehe ich mich jetzt zurück. Das bin ich mir schließlich wert.“

Selbstliebe war für mich gleichbedeutend mit totaler Selbstüberhöhung, Selbstüberschätzung, Selbstbeweihräucherung.

Das Selbst konnte in Seminaren gefunden und optimiert werden. Es war kauf- und trainierbar. Es war überall. Nur nicht bei mir.

Das war ich nicht. Das wollte ich nicht sein.
Aber mein eigenes „Selbst“, das wollte ich auch nicht sein.
Totaler Unfrieden. Totale Enttäuschung. Totale Wut.
Dabei lebte ich mit meiner Selbstherabsetzung und Selbstverdammnis die Kehrseite der von mir so inbrünstig abgelehnten Medaille.

Irgendwann wurde ich müde von dem Spiel und der ewigen Suche nach der richtigen Liebe und dem wahren Selbst. Ich saß am Küchentisch, meine Kinder waren krank. Nebel zog durch die Lindenäste.

„Ich mache mir jetzt einen warmen Kakao. Wer will auch?“ Beide hoben mit einem Lachen ihre Arme. Wärme zog ein. „Erzählst du uns auch noch eine Geschichte? Das kannst du doch so gut. Bitte.“ Ein Lächeln huschte über meine Lippen. Das fühlte sich gut an.

Mein Selbst habe ich in diesem Moment vergessen, besser gesagt meine ewige Suche nach dem richtigen Selbst und der richtigen Beziehung dazu. Aber in dem Moment, wo ich mich sein ließ, wie ich bin und dazu entschied, mir selbst etwas Gutes zu tun, war das Gute da. Für mich und die Anderen. Genug. Und es wurde immer mehr. In ihrer Freude gaben Sie mir die Chance, mich selbst ein Stück weit zu entdecken. In aller irdischen Begrenztheit. Am Du zum Ich werden, hatte das Martin Buber einmal genannt.

Natürlich ist das mit der Liebe und dem Selbst und den Anderen so eine wackelige Angelegenheit. Dieses „Bei-sich-sein“ ist mal mehr da und manchmal weniger. Diese Selbstliebe mal stärker und mal schwächer.

Vor allem, wenn das Licht diffuser wird. Das Tageslicht, die Flamme der Erkenntnis und das spirituelle Feuer. Dann ist Gott eben doch nur eine Idee, der Kopf voll mit Gedanken und Konstruktionen, die Welt ein banaler und mühseeliger Ort. Und ich selbst eine armseelige und verlorene Kreatur. Zu Asche. Zu Staub.

Das sind die Momente, in denen die Bäume besonders kahl und nackt erscheinen. Der Spiegel zu groß ist. Die Kälte in alte Knochen kriecht.

An Tagen wie diesen holen wir aber auch die Lichterketten heraus und lassen die Bäume im Strahlenmeer versinken.

Weil es uns selbst erfreut und andere.

Und weil wir es lieben.

Einfach so.

 

Schreiben Sie es auf und finden Sie heraus, wie es um Sie steht mit der Liebe zu sich selbst.

  • In welchen Momenten sind Sie ganz „Sie selbst“?
  • Was erfreut andere Menschen an Ihnen?
  • Was mögen Sie selbst an sich?
  • Fühlen Sie sich angenommen und aufgehoben?