Nana Vossen. Galerie Schnepel

Ummantelt

Auszug aus: Theo. Katholisches Magazin 02/2018

Es war in einer Kirche in Konstantinopel, als Maria dem Narren Christi Andreas Salós in einer Vision erschien und ihren Schleier vom Kopf nahm. Nicht, um sich ihm zu entblößen. Sondern um ihn über die Gläubigen auszubreiten. Seitdem suchen vor allem Christen der Orthodoxen Kirche Zuflucht zur Schutzmantelmadonna. Die Künstlerin, Ethnologin und Protestantin Nana Vossen aus Hamburg hat den Schutzmantel in ihrer Kunst als Trost- und Hoffnungselement wiederentdeckt.

 

Mit Ihrer Schutzmantelserie greifen Sie ein altes Motiv christlicher Ikonografie auf. Warum ausgerechnet den Mantel der Madonna?

Wie oft haben wir  in unserer wirren und unübersichtlichen Welt das Bedürfnis, uns einfach einmal vor Einflüssen und Einflüsterungen(Werbung/Internet) zu schützen. Vielleicht würden wir uns am Liebsten manchmal ein Mäntelchen der Unsichtbarkeit oder einen dicken Schutzmantel überwerfen als Rüstung. Einen solchen Mantel gibt es in der Realität natürlich nicht,  daher wäre es gut, ihn sich einfach hin und wieder in der Phantasie vorzustellen.

 

In der Psychologie wird die Fähigkeit, mit belastenden Situationen gelassen umzugehen Resilienz genannt.

Richtig. Ein Dauerbrenner unter den aktuellen Coachingangeboten. Denn nicht jeder Mensch hat diese schützende Ausstattung und gute Gabe mit bekommen. Ich habe mich immer wieder mit dem Thema Schutzmöglichkeiten im Alltag beschäftigt und mich auch als Ethnologin und Künstlerin in den Kulturen der Welt und  in den Märchen ein wenig umgesehen.

Bereits in der griechischen Mythologie trägt der Held Perseus einen Helm aus Hundefell, um sich unsichtbar machen zu können. Und im Nibelungenlied, dem wohl bekanntesten Deutschen Volksmärchen, gibt es die Tarnkappe, die man sich aufsetzt und einen unsichtbar macht.

 

Auch wir Christen lieben diese Mäntel. Die Zigeuner behängen ihre Schutzheilige, die Schwarze Sara, bei ihrer Wallfahrt in Saintes-Maries-de-la-Mer mit unzähligen Gewändern. Und wer hat sich nicht schon mal gewünscht, unter den Schutzmantel der Madonna zu kriechen und sich zu verstecken.

Der Schutzmantel der Jungfrau Maria ist ein wohlbekanntes Beispiel aus der christlichen Tradition. Schöne bildliche Darstellungen sind am Freiburger Münster und am Überlinger Münster zu sehen.  Hinzu kam der Rechtsbrauch des „Mantelschutzes“ im 13. Jahrhundert, die dem Schutzsuchenden  besondere Sicherheiten garantierte. Auch das „Schutzmantelfest“  im Jahreszyklus der orthodoxen Kirche am 2. Oktober weist auf die besondere Bedeutung des Schutzmantels hin.                             Selbst ganze Gemeinschaften wie die Zisterzienser und Dominikaner stellten Ihren Orden unter den Schutz und Schutzmantel  der Heiligen Jungfrau.

Interessant ist auch die Bezeichnung der „Gewandwechsler“.  Der Heilige Franz von Assisi soll angeblich sein Gewand mit einem Bettler getauscht haben, um das Leben in vollkommener Armut zu erleben. Bemerkenswert für einen  Abkömmling aus einer wohlhabenden Tuchhändlerfamilie.

 

Auch Sankt Martin, der seinen wärmenden Mantel, ohne lange zu bedenken, mit einem Bettler teilte, gehört in die Reihe  dieser wundersamen Mantelerzählungen.

 

Und wie fand der Mantel als Motiv den Weg in Ihre Kunst?

Der Weg, mich künstlerisch mit meiner Sehnsucht nach Schutz auseinander zu setzen, entstand bei einem Besuch vor einigen Jahren in dem berühmten ethnographischen Museum Mingei Kan von Soetsu Yanagi in Tokyo (Japanese Folk Crafts Museum).  Die wunderschönen Feuerwehrmäntel in Form von Kimonos brachten mich auf die Frage, wie wohl mein persönlicher Schutzmantel aussehen könnte.

 

Lassen Sie mich raten. Vielleicht ein Mantel aus lauter Papageienfedern? Ihre Madonnenmäntel sind nicht gemalt. Sie sind geklebt. Aus Farn. Manchmal auch aus Wolle. Eine ganz wunderbare Idee.

Da ich seit frühester Kindheit sehr eng mit der Natur verbunden bin und durch Anregung meiner Eltern  viel darüber gelernt habe, ist mir der Aufenthalt in der Natur auch als Künstlerin immer eine Quelle der Inspiration, Kraft und Freude bis heute.

Was lag da näher, als Schutzmäntel aus Naturmaterialien zu gestalten? Die japanischen Feuerwehrmäntel sind zum Teil aus sehr festem Baumwollgewebe oder auch Tierhäuten hergestellt, um die Funken der brennenden alten  Holzhäuser abzuhalten. Versehen waren sie zusätzlich mit großen Schriftzeichen zur Erkennung.

Meine Schutzmantelserie entstand aus den unterschiedlichsten Naturmaterialien: Federn, Muschelschalensplitter, Blüten, Samen, Moos.

Diese Naturmaterialien werden mit einem von mir entwickelten speziellen Klebstoff auf ein besonderes Trägermaterial aufgetragen. Sie sind auf diese Weise dauerhaft und geschützt und können so ihre Schönheit und Besonderheit der unterschiedlichen Strukturen lange Zeit unverändert bewahren. Auch die  Blüten und die natürlichen  Farben des Materials  bleiben auf diese Weise erhalten, ohne dass diese Schätze hinter Glas verschwinden müssen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Gabriele Vossen ist Dipl. Designerin und Ethnologin (BA)
Galerie Schnepel
https://www.fischland-darss-zingst.de/veranstaltungen/eventlist/details/event/show/galerie-schnepel-iii/

 

 

 

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