Album: Ich bin Griechin. Michaela Meise. Label: Martin Hossbach.

Kunst, Musik und eine Haltung

Abdruck eines Artikels aus:
Theo. Katholisches Magazin. 03/2018

Der Strand ist laut. Mit seiner Brandung und dem Wind in den Baeumen. Das Meer dagegen ist bemerkenswert leise. Vor allem dort, wo es besonders tief ist und weit. Hier soll das Leben begonnen haben. Hier endet es für viele. Auf der Flucht gehen sie einfach unter mit ihrem Boot. Kein Getöse am Strand. Kein Bilderrauschen für die Social Media-Streams. Die Künstlerin Michaela Meise liebt die Stille und schöpft für eine ihrer aktuellen Ausstellungen „Mare nostrum“ aus der Tiefe, um in den Tod der Flüchtenden und in das Sterben unserer Aufmerksamkeit die Heiligkeit des Lebens zu platzieren.
Von Sven Schlebes

„Etwas ist anders geworden seit damals“, sagt Michaela Meise und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke hoch. Es ist Frühling. Die Luft atmet noch die Kälte eines langen Winters. „Ich mache aktuell etwas Anderes, lerne einen sozialen Beruf. Als zweites Standbein sozusagen.“

Wer die Wahl-Berlinern und gebürtige Hessin Michaela Meise kennt, rechnet mit Überraschungen. Facettenreichtum gehört zum Wesen der Bildhauerin, die an der Frankfurter Städelschule ausgebildet wurde und in Kassel studierte. Eine Weile erzielte sie Höchstpreise  für Ihre Minimalistic Art-Keramikplastiken, inzwischen sind sie etwas gesunken, dennoch vertritt sie der Star-Galeristen Johann König. Mit ihren Plattenveröffentlichungen gastiert sie in Europas Aushängeclub, dem Berliner Berghain.

Damals. Das war 2011, als sie aus ihrer zweiten Leidenschaft, der Musik, eine künstlerische Ausdrucksprofession macht und eine Platte mit katholischen Kirchenliedern der frühen Neuzeit aufnahm: „Preis dem Todesüberwinder“ (Clouds Hill) überraschte die Musik-, Kunst- und Religionszene gleichermaßen. Und verzückte. Schnell war die Erstauflage ausverkauft. Angesteckt vom Vokalvirus vertonte sie 2014 mit zwei befreundeten Künstlerinnen Liebeslieder der griechischen Poetin Sappho (Kontakt Sappho / Flipping the Coin).

Das war die Zeit, als sie den renommierten Falkenrot-Preis für Ihr künstlerisches Werk erhielt und mit einer Soloschau im Künstlerhaus Bethanien geehrt wurde.
Luxus und Gemütlichkeit bildeten Trigger ihres künstlerisch-selbstreflexiven Schaffensprozesses.
Michaela Meise. Die Meisterin des Ungefähr-Sphärischen mit der Freiheit eines begnadet-beschenkten Lebens. Gefeiert. Gesettelt. Angekommen. Ein Jubelchorus überschwenglicher Rezensentenartikel genreübergreifend.

„Wissen Sie. Ich bin jetzt Mutter. Kunst ist ein Teil meines Lebens. Aber das Soziale ist jetzt auch ein Teil. Was kommt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich frei bin und schaue, was kommt. Mehr kann ich noch nicht sagen.“

Meise ist Kunst. Plastik. Minimal. Vokal. Aber sozial?
Die Sonne überwindet die Baumkrone. Kitzelt meine Nase. Ich schwitze. Fette Gedanken spritzen durch meinen Kopf auf der Suche nach der nächsten Frage. Irgendwas mit Beuys zum Beispiel und seiner sozialen Plastik. Doch Meise kommt mir zuvor: „Kennen Sie eigentlich Sister Corita Kent? Irgendwann war sie da. Und mit ihr die Farbenfroheit Ihres Werkes.“

Ich nicke, krame im Hinterkopf und google untertischs auf meinem Smartphone: US-amerikanische Pop-Art Nonne, Künstlerin, Lehrerin, Philosophin und politische Aktivistin. Love and Peace in lautem Orange. Ihr Werk: kraftvoll konkrete Transzendenz.
Ok, denke ich so bei mir: Here we are.

„In einer katholischen Kirche sollte der Andachtsraum neu gestaltet werden. Das hat mich fasziniert. Und Corita hat mich inspiriert. Den Wettbewerb habe ich nicht gewonnen, aber geblieben ist ein Altar-Entwurf mit Intarsien. Bei einer anderen Gelegenheit entstand eine Andachtsgruppe. Acht Heilige. Flüchtlinge. Weggeher, Ankommer und Beginner. Über das Meer. Unser Meer.“
Meise schweigt. Trinkt. Schweigt.
Zeitgeist gesellt sich zu uns.

Wir verlassen die Gefilde erhabener Kunst und reden über Antisemitismus, Religionen, Abschiebungen. Es ist die Woche, in der der Echo stirbt. Aus der Presse weiß ich um Meises eigene Odyssee in Sachen Glauben. Katholisch aufgewachsen, übergetreten zu den Protestanten, ausgetreten. Wieder eingetreten bei den Katholiken.
„Meine Kunst war schon immer Haltung. Mein Glaube verleiht mir zusätzlich einen Standpunkt, um in respektvoller Freiheit anderen zu begegnen. Die Banken-, Finanz- und Flüchtlingskrisen der letzten Jahre waren in aller Stille zu laut, um nicht zu Wort zu kommen.“

Da war es. Das Soziale. Das Irritierende. Normalerweise ziehen sich die Gebildeten unsere Generation an dieser Stelle hinter den Pragmatismus einer gefühlten Gesamtheitskomplexität zurück. Und sagen: Nichts. Oder ergehen sich in gutgemeintem Ungefähren.

Nicht so Meise. Sie wird klar. Und deutlich. In aller Höflichkeit.
„In jedem Familienstammbaum finden sich irgendwann Flüchtlinge. Und irgendwie begann unser sogenanntes christliches Abendland mit einem Flüchtlingsboot.“
Spätestens jetzt ist unser Gespräch über Kunst ein Gespräch über Zeitpolitik. Und über Legenden wie die von den acht aus Palästina flüchtenden ersten Christinnen und Christen rund um die drei Marien Maria Magdalena, Maria Salomé, Maria Jacobé, die in einem Boot an der Küste Südfrankreichs landeten und von dort aus das Christentum in Westeuropa verbreitet haben sollen.

„Für mich sind die Heiligen, die in Saint-Marie-de-la-Mère an Land gingen, Archetypen mit einem hohen Gegenwartsbezug. Deshalb habe ich sie auf einen dunklen Sockel gestellt, mit Insignien ihrer Anbetungskultur aus Vergangenheit und Gegenwart versehen und so positioniert, dass jeder Besucher mit „seinem“ Heiligen einen privaten Andachtsraum bilden kann.“

Unter dem Titel „Mare nostrum“ fand die Andachtsgruppe ohne Altar in den letzten zwei Jahren den Weg zurück in die Ausstellungsräume der Kunst. Zuletzt im feinen Oslo.
Das „Mare nostrum“ (unser Meer / Mittelmeer) war für die Römer einst der Mittelpunkt ihres Herrschaftsraumes. Wer es beherrschte, war der König der damals bekannten Welt.

Für uns globalisierten Europäer ist die Grenzsicherungsaktion „Frontex“ die einzige gemeinschaftliche Antwort zur Sicherung unserer bekannten, kleinen Welt. In der Hoffnung, dass möglichst kein Flüchtlingsboot den Weg über das große und stille Meer findet und ein neues Zeitalter beschwört, das jedoch schon längst begonnen hat.
Aktuell liegt Meises „Mare Nostrum“ eingepackt in irgendeinem wohltemperierten Galerielagerraum. Doch stille Wasser sind tief, weiß der Volksmund: Und alles hat seine Zeit. Das Heilige. Das Profane. Das Sterben und das neue Leben.
Ende Juni erscheint erst mal Michaela Meises neues Album: „Ich bin Griechin“ (Martin Hossbach) präsentiert Nachkriegschansons aus Griechenland, Rumänien und Frankreich in deutscher Sprache.

„Es war einfach mal Zeit, Solidarität mit Griechenland zu zeigen. Stellung zu beziehen. Die Stimme zu erheben.“
Dass sie das in gewohnt himmlischer Tonlage macht, ist kein Wunder.
Das ist ein Statement ist, eines mit hohem Zeitgeistfaktor, auch nicht mehr.
„Fragen Sie mich nicht nach der Zukunft,“ ruft Michaela Meise mir zum Abschied zu. “Irgendwas wird kommen.“
Sie lächelt. Winkt. Geht.
Ich weiß, Frau Meise. Irgendwas wird kommen.
Vielleicht etwas Anderes.

http://michaelameise.com/
http://www.koeniggalerie.com/artists/11138/michaela-meise/cv/
https://martinhossbach.bandcamp.com/

 

 

 

 

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