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Hello, world!

// theo. Katholisches Magazin. Ausgabe 03/2017
//Bild: Valerio Bozzolan (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

Einst schauten die Menschen in die Welt und sahen das Göttliche: Es war vor Ihnen da. Dann schauten sie in die Augen Jesu Christi und sahen den Sohn Gottes: Er ist da. Heute schauen wir auf Bildschirme und sehen Abbilder von Welt, Gott und Mensch, mit der wir die Virtualität gefüttert haben: Wird Gott auch dort sein?

Eine digitale Spurensuche des Ewigen.

Jede Zeit hat ihre Geister. Gute. Und weniger gute. Einer der mächtigsten unserer Zeit trägt den Namen „Digitalisierung“. Gemäß seiner eigenen Natur scheut er das grelle Lampenlicht des Boulevard. Während in der Manege des Tagesschäfts Nationalismus und unsere große Lieblingsangst vor Gott und der Welt die Bühne dominieren, frisst die „Digitalisierung“ geräuschlos unsere Alltagswelt. Noch nicht die Dinge an sich. So rein materiell gesehen. Aber die Art, wie sie gemacht und kontrolliert werden, wie sie kommunizieren und existieren. Mit sich und mit uns.  Und damit dann eben doch auch uns verändern. Nachhaltig.

Auf den ersten Blick hat sich für uns Menschen nicht viel geändert. Wir fahren Auto und drücken selbst auf’s Gas. Wir lernen unter Anleitung von echten Menschen, essen reale Tiere, wirkliche Pflanzen und machen Liebe. Direkt und dreckig. Weil: Körperlich.

Noch.

Diese Welt und wir: Wir sind Geschöpfe Gottes. Gemacht nach seinem Ebenbild. Durch Jesus Christus selbst bewohnt und durch den Heiligen Geist beseelt. Gott und seine Schöpfung bilden damit eine Einheit. Die faktisch nicht aufhört. Aber vom Menschen willentlich verlassen werden kann. Spirituell. Mental. Und gefühlt.

Als Mensch führen wir den Schöpfungsauftrag weiter. Wir entdecken: Lebewesen, Algorithmen, Zusammenhänge. Und erschaffen – in jeder Sekunde: Gedanken, Geschichten, Maschinen. Lange war dieser Schöpfungsakt personal und direkt. Wir waren Hebamme und Tor für unsere Kreationen.

Mit der Industrialisierung, der Automatisierung, der Digitalisierung und den Reproduktionsmechanismen der Biowissenschaften entgöttlichen und entpersonalisieren wir den Schöpfungsakt. Konzeptionell gesehen.

Wir verstehen, modifizieren und übergeben einem Reproduktionsprozess, der möglichst eigenständig, ort-, zeit- und menschenunabhängig ablaufen kann. Und sich idealer Weise selbst verbessert und weiter „schöpft“. Ohne uns. Eigendynamisch.

Artifiziell nennen wir Menschen diese Art von Schöpfung, Geschöpfen und Welt: Künstlich – weil durch den Menschen und/oder seine Werkzeuge ins Leben gerufen. Ein artifizielles Leben. Ohne Geist und Seele. Manchmal mit einem materiellen Körper. Und immer häufiger mit einer ihm wie auch immer definierten und innewohnenden Intelligenz.

So lange wir die Kontrolle über unsere „Geschöpfe“ und deren neue Lebenssphäre hatten, war für uns Menschen alles in Ordnung. Doch jetzt scheinen uns unsere eigenen Geschöpfe abzuhängen. Besser und schneller zu werden. Und massiv in unsere eigene Lebenswelt einzudringen. So war es geplant. Die Unterstützung „unserer“ Welt, der „Realität“: Bessere Medizin, bessere Nahrung, besserer Verkehr, bessere Bildung, bessere Produktion, bessere Kommunikation. Letztendlich auch bessere Menschen. Ethisch-moralisch, kognitiv und biologisch.

So viel Besserung macht uns aber auf einmal Angst. Denn sie stellt uns selbst als Geschöpf in Frage. Und richtet die Frage nach dem, der den Ursprung von allem mal ins Leben gerufen hat: „Gott. Wo bist du? Bist du vielleicht auch im Internet?“

Die Modernisierungsprozesse, und die Digitalisierung im Besonderen, scheinen nicht nur uns Menschen zu überfordern. Auch Gott scheint sich schwer zu tun mit dem Verlassen des bewohnten Körpers und der Einwohnung im Neuland. Zumindest der sich selbst bewusste Gott.

Sein Antlitz und sein Körper – geht das auch ganz anders als erlebt?

Mutig schreiten wir Christen voran. Errichten digitale Präsenzen mit digitalen Inhalten in einer digitalen Welt. Und hoffen, dass nicht nur der neue, sondern auch der heilige Geist mit uns zieht. In Form von längst verstorbenen Internetheiligen, Altarbildchen und Gebetsformeln. Was, wenn diese neue Welt mit ihren Produkten, Prozessen und Wesenhaftigkeiten eine „gottferne Welt“ ist, eine Welt ausserhalb der von Gott eingewohnten Geschöpflichkeit?

Gott und wir – das sind Ebenbilder.
Das „wissen“ wir.

Gott ist ganz anders als wir.
Das „ahnen“ wir.

Gott ist der Anfang und das Ende.
Das „hoffen“ wir.

Wir wurden erschaffen, erschaffen und werden nun wieder zurückerschaffen.
Sehen wir aber auch, dass es gut ist?
Sieht Gott, dass es gut ist?
Ist es gut?

Während meiner letzten Straßenexerzitien verschluckte mich eine existentielle Angst.
„Wo bist du, Mensch?“, fragte mich die Bibelstelle?
„Wo bist du, Gott?“, schrie ich zurück. „Bist du da, wo ich hingehen werde?“

„Wo auch immer du hingehst, lieber Sven: Gott ist schon da!“ flüsterte mir der leitende Bruder zu. Und lächelte.

„Wovor also hast du Angst? Just say: HELLO!“