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Ama!

Abgedruckt in theo. Katholisches Magazin 02/2015.

Noch heute streiten sich die Wissenschaftler, warum ausgerechnet in Westeuropa die Menschen Dreiergruppen fürchten und zugleich ihre bildlichen Darstellungen zutiefst verehren. Der Volksmund jedenfalls wird nicht müde, ständig an jedem Ort vor dem systemimmanenten Unruhestifter zu warnen: „Drei sind einer zuviel.“ Wer Frieden sucht, der solle lieber die traute Zweisamkeit suchen oder wenn nötig gemäß orthodoxem Tugendverständnis die Stabilität der Ordnungsschaffenden Vier. Aber die Drei. Dabei müsste jeder Christ seit Matthäus doch wissen, dass Gott nicht nur der große Eine in Allem ist, sondern gemäß neutestamentarischem Taufverständnis eben auch die Gemeinschaft der Drei: Vater, Sohn und Heiliger Geist in einem. Das klingt nach dem Verkaufsgeheimnis des Kinderüberraschungseis (Spannung, Spaß und Schokolade), scheint aber ein grundlegender Wesenszug des okzidentalen Transzendenzverständnisses zu sein. Die Wahrheit in und hinter der sichtbaren Realität entfaltet sich in allen Zeitaltern, beansprucht damit Ewigkeitscharakter und göttliche Vollkommenheit. Und wählt, in Ergänzung zum christlichen Trinitätsverständnis, mit Vorliebe die Erscheinungsform von drei Jungfrauen.
So spinnen in der Edda die drei Nornen als Schicksalsgöttinnen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft den Lebensfaden. Die Schwestern Fides, Spes und Caritas wurden spätestens seit dem 6. Jahrhundert als Personifizierung der christlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe als Dreiergruppe verehrt. Und im Gefolge der heiligen Ursula von Köln entwickelten sich vor allem die drei heiligen „Beten“ – Einbeth, Wilbeth und Worbeth – zu Lieblingen der ländlichen Volksfrömmigkeit, die im Mittelalter nur noch von den „drei heiligen Madeln“ aus der Gruppe der vierzehn Nothelfern übertrumpft wurden: „Margaretha mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.“

Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert nehmen wir drei Frauen eine ganz besondere Stellung in der Heiligenverehrung ein. Als Dreiergruppe haben wir es zwar nie ganz in den offiziellen Heiligenkanon der Kirche geschafft, dafür darf jede einzelne von uns als Jüngerin Jesu und Heilige ins Gebet eingeschlossen werden. Der provencalischen Legende nach verband uns nicht nur unser Vorname, sondern auch die bedingungslose Liebe zu unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus und die Zeugenschaft seiner Auferstehung. Als die ersten Wellen der Christenverfolgungen im 1. Jahrhundert durch Israel wüteten, sollen wir in einem Schiff ohne Segel und Ruder auf dem Mittelmeer den Naturgewalten ausgesetzt worden sein. Anstatt jedoch dem Hitzetod zum Opfer zu fallen, landeten wir unter Gottes Führung an der Südküste Frankreichs und trugen so die frohe Botschaft nach Westeuropa. Mit an Bord war der Legende nach eine dunkelhäutige Begleiterin unserer Gruppe, der unter dem Namen Sara-la-Kali als inoffizielle Schutzheilige der Sinti und Roma noch heute jedes Jahr mit einer großen Wallfahrt gedacht wird.

Seit jeher haben wir die Phantasie der Menschen beflügelt, Gralsträgerinnen wurden wir genannt, sogar Blutslinienverwalterinnen und Bewahrerinnen des wahren esoterischen Geheimnisses des christlichen Glaubens. Von den einen verehrt, wurden wir so von vielen ins Reich der kitschigen Folklore, ja sogar der Häresie und Ketzerei abgeschoben. Dabei ist die eigentliche Botschaft unseres Lebens so einfach und unspektakulär: Wir folgten Jesus, als er lebte, wir standen ihm im Tode bei und wurden so Zeuge seiner Auferstehung. Wir lebten und liebten Jesu Christus. Ohne große Worte. Aber mit unserem ganzen Sein. Und so bezeugen wir auch heute noch als Dreiergruppe den lebendigen Gott.

In Vergangenheit. Gegenwart und Zukunft.

Wer sind wir?

Foto: (c) Roberto Tumini. CC 0.0, Unsplash.com., Datum: 28.03.2015, Quelle: https://unsplash.com/robertotmn