Gottes heilige Narren. Fotografin: Jenette Ball. www.unsplash.com (c) Jenette Ball. Quelle: www.unsplash.com. Rechte: CC0. Stand: 15. Februar 2015.

Gottes heilige Narren

Abgedruckt in theo. Katholisches Magazin 01/2015.

theo. Katholisches Magazin 01/2015. Cover.

Längst darf das Absonderliche nicht mehr Teil der Welt sein, geschweige denn heilig. Unsere Angst davor hat es in die Kamellewagen der fünften Jahreszeit verbannt. Eine ernste Betrachtung der Narretei.

Von Sven Schlebes

Gott unversehrt begegnen zu können ist nicht möglich, weder der menschliche Körper noch Geist und Seele sind dafür gemacht. Gott verbrennt, was nicht seine Wahrheit ist, da sind alle Heiligen sich einig. Wen seine Liebe berührt, der fällt aus dem Rahmen des normalen Lebens, redet wirres Zeug und gilt für seine Mitmenschen fortan als verrückt. Denn sein Kuss, so die Theorie von Kirchenhistorikern wie Walter Nigg und Narrenexperten wie Ulrich Holbein, rufe tief im Inneren einen alogischen Kern wach, aus dem das verheißene Reich Gottes erwachsen soll: »Der neue Mensch des Christentums ist kein Ausbund kluger Verständigkeit, er pocht als Narr an die Tore dieser Welt!« Diese menschlichen Prototypen gab es zu allen Zeiten, als »Narren um Christi Willen« (Korinther-Brief ) verschreckten und verzauberten sie zugleich. Sie waren das Fleisch gewordene Versprechen einer neuen Zukunft und damit sakrosant. Bis das Absonderliche nicht mehr Teil der Welt sein durfte, geschweige denn heilig. Sondern es eine ärztliche Diagnose bekam und eine Pille zur Symptombekämpfung. Was für eine Narretei!

Der Siegeszug der standartisierten Null

Machtsysteme waren das Lieblingsobjekt des Philosophen Michel Foucault, besonders faszinierten ihn die Entwicklung der psychiatrischen Wissenschaften und das Selbstverständnis von Gesellschaften, einen gesunden Menschen als systemischen »Normal-Null-Zustand« zu definieren, um Abweichler jeglicher Spielart als Verrückte definieren und behandeln zu können. Ähnlich wie der Tod möglichst nicht mehr Teil des »normalen« Alltags sein sollte und in Fabriken und Leichenhallen vor den Stadtmauern verbannt wurde, setzte im Laufe der Moderne eine geistig-moralische Säuberung der Gesellschaft ein, die gerade zum finalen Siegeszug bläst. Leben ist optimiert, in vielerlei Hinsicht normiert, versichert und makelbefreit. Spinner haben es schwer, sei denn, sie ergeben sich dem absoluten Zerstörungswahn und schneiden Menschen im Namen einer selbstgebastelten Heilsphilosophie die Köpfe ab. Dann erzittern wir, die »Normalos«, und träumen von unserem eigenen Platz im epischen Ringen des Lebens zwischen Gut und Böse.

Jesus Christus. Ein Freund des Makels

Das mag unsere Vorstellung vom Paradies sein – ein manisch-depressives Weltbild hin und hergerissen zwischen kleingeistiger Spießeridylle und größenwahnsinnigem Heldentum. Doch mit Jesus Christus hat das nichts zu tun. Als Freund des Makels und als Sohn Gottes ließ er sich einst von den Herrschenden und ihren Normen verurteilen und verlässt mit jeder Säuberungsaktion immer noch unsere Mitte. Einfach weil unser sauberes Bild zu klein wäre, als dass es ihm auch nur annähernd gerecht werden könnte. Wer das einmal erkannt hat, wird weinen müssen oder eben laut lachen. Und hat damit begonnen, im heideggerschen Sinne selbst ver-rückt zu werden. Von hier nach da. Wie unzählige Narren Gottes vor ihm, mit ihm und nach ihm. Auf allen Erdteilen, in allen Religionen und Glaubensrichtungen.

Narren Gottes: Mitten untern uns.

Lange galten sie in unseren Breitengraden als ausgestorben. Doch wie der Schriftsteller und »Narrologe« unserer Tage, Ulrich Holbein, mit seinen zahlreichen Lebensbildern nachweisen kann, scheinen auch jetzt in unseren Städten und Dörfern etliche »göttliche Narren« unterwegs zu sein, die auf ihre Entdeckung harren. Sie strecken, in der Art von Philipp Neri, Passanten dreckige Schuhe entgegen und bitten um sofortige Reinigung, sie leben wie Simeon von Emesa mit toten Hunden auf der Straße oder treiben Geister aus den Fußgängerzonen wie Antonius von Ägypten.
Sicher, es mag arme verirrte Geister unter ihnen geben. Was aber, wenn nur einer von ihnen wirklich in der Tradition der Salós steht und sich freiwillig der Verspottung durch Andere aussetzt, um mit der Maske des Verrückten das Verrückte der Welt zu spiegeln und so seinen Dienst als sozialer Ankläger zu versehen? Zugegeben: Wir wissen nicht, ob sie nachts in den U-Bahn-Schächten sitzen und beten und den Ratlosen in der Dunkelheit Trost spenden. Wie schön wäre es, wenn zumindest einer von ihnen ein tatsächliches Wunder vollbringen könnte oder mit Tieren spräche wie einst der heilig-einfältige Franziskus von Assisi, der auf den Reichtum seiner Familie verzichtete und in offenen Sandalen Freund, Feind und Tier begegnete, um mit ihnen in Frieden das Reich Gottes leben und feiern zu können. Er wäre leicht als ein moderner Narr Gottes zu erkennen, der entweder in gespielter Narrerei, geistiger Schlichtheit oder echter organischer Hirnstörung im Sinne des Idioten von Dostojewski den Kontakt zum Göttlichen lebt und in Verrückung zu unserer modernen Lebensweise als Zukunftsverheißung gefeiert werden könnte. Endlich wieder einer, der im Sinne von Paulus als echter Christ mit der Narrenkappe auf der Erde wandelte, sich von den normalen Menschen verlachen und verspotten lässt, um als »geistig Armer« oder von Gott wahnsinnig Geliebter in sein Reich einzuziehen und uns als Fürsprecher die Tür zum Paradies offenzuhalten. Ohne, dass wir bereits in diesem Leben ebenfalls verrückt werden müssten.
Die Chance, dass es sie auch heute noch gibt, diese heiligen Narren, diese Chance ist groß, sie zu erkennen und als solche zu benennen dagegen klein. Denn unsere Angst vor dem Absonderlichen hat das Närrische in die Kamellewagen der fünften Jahreszeiten verbannt oder in die Freakshows im Privatfernsehen. In ernsten Zeiten wie diesen dem Narrentum Handlungsmacht und Wirksamkeit zuzugestehen muss von uns erst wieder erlernt werden. Weil die Zeiten immer verrückter werden und das große Narrengelächter immer schriller.
Auch hier kann der der Narrologe Holbein helfen. Untrügliches Kennzeichen gerade aller monotheistischen Narren scheint ihre Liebesfähigkeit zu sein und ihr Humor.
Eine gefährliche Mischung. Gefährlicher noch als der geballte Kampfgeist ihrer scheinbaren Artverwandten unter schwarzem Banner. Es wäre närrisch, auf diese Kraft zu verzichten. //

Foto: Jenelle Ball. www.unsplash.com

Ulrich Holbein. Heilige Narren. 22 Lebensbilder. Marixverlag.

Literaturtipps:

Ulrich Holbein.
Heilige Narren. 22 Lebensbilder.
Marixverlag

Ulrich Holbein.
Heilige Närrinnen. 22 + 4 Lebensbilder.
Marixverlag

Ulrich Holbein.
Ich ging ohne mich zu Gott. Lebensbilder komischer Derwische.