Das Christentum der Zukunft. Lerne mich kennen. Fotograf: David Olkarny.CC0. Quelle:www.unsplash.com (c) David Olkarny. Quelle: www.unsplash.com. Rechte: CC0. Stand: 15. Februar 2015.

Christentum: Lerne mich kennen.

Abgedruckt in theo. Katholisches Magazin 01/2015.

theo. Katholisches Magazin 01/2015. Cover. Christentum

Das friedliche Zusammenleben der Religionen ist ein entscheidender Schlüssel für die Zukunft der Erde. Das zeigen nicht nur die jüngsten Anschläge in Paris und im Nahen Osten. Angst hat viele Menschen ergriffen und zersetzt die Beziehungsfähigkeit zu sich und den anderen. Was ist wahr und wer hat Recht? Und wie kann, wenn doch alle Religionen von sich behaupten, im Besitz der einzig gültigen Wahrheit zu sein, ein Miteinander gelingen? Wir Christen sollten in der Begegnung mit dem scheinbar anderen vor allem uns selbst und Jesus Christus selbst wieder kennenlernen. Die Chancen stehen gut, dass das vor uns liegende Jahrhundert nicht Tod und Verderben bringen wird, sondern ein Reich der Liebe.

Religionen waren immer eine Herausforderung, sie haben versucht, den Menschen Erklärungen für die Fragen des Lebens und des Sterbens zu geben, und in Gänze doch mehr Rätsel als Klarheit hinterlassen. Auf der Suche nach dem »Warum« haben Menschen überall auf der Welt Wege gefunden, die sichtbare Welt zu erklären, Hoffnung zu geben, aber auch Werkzeuge, ein individuell und gemeinschaftlich gelingendes Leben zu führen.

Akzeptanz des vermittelten Wahrheitsanspruches

Grundvoraussetzung ist in allen Religionen die Akzeptanz des vermittelten Wahrheitsanspruches – ein Generalangriff auf die Vernunftdiktion des aufgeklärten Menschen und das »Andere« sowieso. Daher schien im letzten Jahrhundert eine Welt ohne Religion vielen der einzig mögliche Ausweg aus der Falle der Unvereinbarkeit. Aber: Das Religiöse ist tief verwoben mit den Kulturen der Menschen und hat ihre Art des Selbstausdrucks und der Wirklichkeitswahrnehmung geprägt. Selbst wer sich heute als Atheist bezeichnet, lebt in einer Welt, in der die Phänomene Transzendenz und Immanenz als Denkfiguren präsent sind, ganz gleich wie sie benannt werden.
Die sogenannte globalisierte Welt des 21. Jahrhunderts erklärt viele Grenzen für obsolet. Da in einer dualistischen Welt Grenzen aber Leben erst möglich machen – das Ich ist kein amorphes Etwas, sondern etwas gottgewollt Eigenständiges mit Selbstverantwortung und freiem Willen – sind Grenzüberwindungen immer auch eine Herausforderung für alles, was vorher sich begrenzt und nun entgrenzt fühlt. Auch wenn es kulturelle Konstruktionen sein mögen, die ihren äußeren Rahmen bestimmen. Aber sie sind als Werkzeug und Ausdruck unserer Wirklichkeitswahrnehmung wesensrelevant für uns Menschen. Sie bestimmen und definieren unser Wesen, sind wir doch mehr als die reine biologische Grundsubstanz.
Liebend gern möchten Menschen Mauern jeglicher Art wieder hochziehen, doch die zahlreichen Begegnungen mit dem »Fremden« und seinen kulturellen Ausdrucksformen, und dazu gehören eben auch die Religionen, haben es unmöglich gemacht, in einen theoretisch konstruierten, als paradiesisch erhofften Urzustand zurückzukehren.
Begegnung geschieht. Und sie stellt in Frage: Mich, mein Leben, meinen Glauben. Es wird daher in Zukunft von grundlegender Bedeutung sein, was den Kern dieser verschiedenen Wahrheitsansprüche ausmacht, um mit dem definitorischen »Nicht-Ich« eine Beziehung aufbauen zu können.

Der Ausgangspunkt des Christentums: Die Liebe

Für uns Christen ist der Ausgangspunkt die Liebe und die Menschwerdung Gottes in einer Welt, die aus ihm entstammt und ihn doch nicht zu kennen scheint. Wer kann schon von sich behaupten, Jesus Christus vollkommen zu kennen? Die Begegnung mit anderen wird daher vor allem eine Begegnung mit uns selbst werden. Und dem wahren Kern des Christentums, der sich unter der akademisch geprägten Theologie verbirgt: der Figur Jesus Christus. Dieser Weg zum Ursprung wird zeigen, dass das heute gelebte Christentum selbst ein kulturelles Konstrukt ist, das sich entwickelt hat. Im Kern stand nie die in Stein gemeißelte Wahrheit, sondern ein Mensch, der für uns als historische Person unerreichbar bleibt und nur in seiner spirituellen Form als Christus ungefähr erfahrbar wird.
Vielleicht hat es seinen Grund, dass es »Geheimnis des Glaubens« heißt und nicht »die Gewissheit«. So gerät Jesus Christus nicht in Gefahr, eingefangen, kleingehalten und missbraucht zu werden. Denn so groß unser Geist und unser Verstand und unsere Liebe auch immer sein mögen, sie werden das Göttliche nie begreifen können. Was bleibt, ist der Weg zu Jesus Christus und damit auch zu den Anderen. Und wenn er für uns wirklich »der Weg, die Wahrheit und das Leben« ist, dann ist er niemals ein fertiges Haus mit vordefinierten Grenzen, sondern eine Wanderung, auf der es nur eine grundsätzliche Regel gibt: »Liebe deinen Nächsten.«
Unsere Art, das Christentum zu leben, macht uns und unsere Welt aus. Es ist eine Welt, die wir nicht kennen. Aber wir sind eingeladen, sie, uns, die anderen und Jesus Christus wieder kennenzulernen. Auch wenn wir nicht wissen, wie wir uns und damit das Christentum verändern werden. Wenn es im Auftrag und im Sinne der Liebe geschehen sollte, kann es nur richtig sein. //

Quelle zur offiziellen katholischen Position:
www.vatican.va/archive