Make more love. Cover. Rogner & Bernhard

Der Frühling im Herbst

Abgedruckt in theo. Katholisches Magazin 05/2014.

Die Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning hat nach ihrem erfolgreichen Aufklärungsbuch »Make Love« ein zweites Handbuch der Liebe geschrieben: »Make More Love«. Zusammen mit ihrer Co-Autorin Anika von Keiser wendet sie sich diesmal nicht an dauerhormonell verwirrte Jugendliche, sondern an Menschen mit reichlich Lebens- jedoch wenig Liebeserfahrung. theo-Autor Sven Schlebes hat sich eingelassen auf die Liebesabenteuer für Menschen ab 45 und schöpft seitdem neue Hoffnung.

Revolutionen entladen sich eruptiv und befreien wie im Rausch von zu eng empfundenen Grenzen. Die Welt danach ist gefühlt eine andere. Als vor einem halben Jahrhundert die sogenannte sexuelle Revolution unsere westeuropäische Gesellschaft in Wallung brachte, sahen vor allem konservative Christen den Körper jedes Einzelnen und der Gemeinschaft insbesondere in den Zustand der apokalyptischen Sünde fallen. Das freie Spiel der Kräfte sollte sich ruhig auf dem Feld der Wirtschaft austoben, jedoch bitte nicht die tradierten Liebesvorstellungen der Menschen durcheinanderwirbeln. Und so hatten die selbsternannten Engel der Lust leichtes Spiel: Sie brachten Farbe, Freiheit und Freude in ein Schwarzweiß-Leben und weckten Hoffnungen, dass ein Leben in Liebe zu sich, seinem Körper und dem anderen möglich ist. Doch nach der überschwänglichen Entladung folgte kein seliges Dauerglück. Weder für den überforderten Normalbürger noch für den Engel auf Liebeslustschwingen. Der in Freiheit erlebte Liebeskörper kehrte zurück in seinen ungeübten Alltagskörper. Das Ergebnis: Frust auf allen Seiten.
50 Jahre später scheint die Gesellschaft immer noch nicht angekommen zu sein im Liebesalltagskörper. Die Übersetzung einer als möglich erfahrenen, unbeschwerten Liebe in die konkrete Lebenswirklichkeit ist steckengeblieben. Sowohl bei den Jungen, die nicht nur das Liebesspiel im biologischen, sondern gleich auch noch im virtuellen Körper erlernen müssen, um sie selbst zu werden. Nein, auch den Angehörigen der Liebes-Pionier-Generation scheint sowohl der Treibstoff beim Auszug aus dem alten in den neuen Liebeskörper ausgegangen zu sein.
Trotz medialer Dauerpräsenz des sexualisierten Körpers herrscht Stille im realen Liebesgarten Eden. Besonders bei den Älteren, wie die Autorinnen Ann-Marlene Henning und Anika von Keiser zeigen. Überfordert und ermattet vom eigenen Leben und einem sich verändernden Körper, fehlen oft nicht nur Kraft und Lust, sich der Liebe auf allen Ebenen zu stellen. Es fehlen ganz oft eben auch die Grundlagen, Werkzeuge und Worte. Bereits der große Erfolg ihres ersten Buches Make Love zeigte, wie sehr die Liebe auf dem Schlachtfeld von »falsch« und »richtig« einen Ort der Unaufgeregtheit und Entspanntheit sucht, um sich jenseits aller leid- und lustvollen Illusionshüllen von selbst entfalten zu können. Als Wunder des Lebens und auf Augenhöhe zwischen mir und dem anderen. Zwischen Geliebtem und Liebendem. Ganz so, wie es die Schreiber des Hohelied Salomos im Alten Testament erträumten.
Und so schrieb Henning die Geschichte der modernen und freien Liebe weiter. In ihrer ganz eigenen Sprache. Mit Fotos von Menschen beim Liebesspiel, die sich die Freude am Leben und der Liebe im Alter neu errungen haben. Wer einen Skandal erwartet mit bisher noch nie gemachten Einsichten wird nicht auf seine Kosten kommen. Es ist kein Buch für Empörungsbürger, sondern für reife Suchende und Liebende. Ganz einfach. //

Make More Love
352 Seiten, 22,95 Euro,
Verlag Rogner & Bernhard