Luc Viatour Luc Viatour, http://www.lucnix.be/, CC 3.0

Back in black

>> Eine Essenz-Kakophonie aus Gesprächen mit aufgewühlten Altdeutschen im Sommer 2014<<.

Die Welt steht in Flammen. Männer in Schwarz stehen in Videos vor der Kamera mit einem Messer in der Hand. Gewalt. Die ganz andere Seite der Vernunft. Sie operieren auf einer anderen Ebene. Kopflos. Du schaust hin und kannst nichts machen. Die Fratze, sie ist da. Die Gewalt auch.
Egal, welches Programm. Welche Erdregion. Ob Flüchtlingsboot, Flüchtlingcamp, Häuserruinen, geschlossene Virencamps. Die Endzeit reißt ihr Maul auf und verschluckt dich.
Gut, dass das alles soweit weg ist. Aktiv das Böse ausschalten. Mit einem Click. Deine Heizung gluckert. Noch liefern Russland und der Nahe Osten.

Du gehst raus auf die Strasse. Da steht wieder ein Mensch in Schwarz. Diesmal eine Frau. Verschleiert. Sie war schon seit Jahren da. Gedulded. Nicht richtig akzeptiert.
Unsicherheit. Ohnmacht. Haltlosigkeit.
Deine Welt wird Schwarz.
Wut.
Auf alles. Aber jetzt erstmal auf die Frau. Nicht wirklich als Person. Denn du siehst sie nicht. Aber auf das, was sie darstellt. Sie fordert dich in deinem ganzen Lebensmodell heraus. In deiner Sprache, deinem kulturellen Selbstverständnis. Dein ganzes Leben.

Du hast geackert, dir was aufgebaut. Alles ist toll. Deine Freunde, dein Beruf, deine Familie.
Jetzt steht sie da. Wahrgenommen. Einfach so. Du hast keine Verbindung zu ihr. Smartphone hin. Facebook her.
Keine Worte.
Und du bist wehrlos. Hast ihr nichts entgegen zu setzen. Du siehst sie, und das Kopfkino beginnt. Die Flüchtlinge, die in Italien an die Küsten branden. Die Foltercamps auf dem Sinai. Die zerfetzen Kinder in Syrien, auf den Golanhöhen. Die Dauerangst in den Städten im gesamtem Mittelmeerraum. Die überfüllten Klassen mit Schülern, die kaum Deutsch sprechen. Auf den Straßen herumsitzende Gruppen von Wasserpfeiferauchenden-Männern. Schlägergruppen.

Du willst entkommen. Doch bist gefangen im politischen Interessengeflecht: Rohstoffe, Produktionsstätten, Urlaubsregionen. Interessensgebiete mit Meeren voller Blut, ohne Fische, mit Unmengen Plastikschrott und geschmolzenem Polarwasser. Dein Essen, deine Klamotten, dein Auto, dein Computer, deine Kosmetik. Tierfabriken. Stofffabriken. Diamantenminen.
Alles ist doch so schön. Booom!

Grenzen, gezogen vor hundert Jahren. Von deinen eigenen Vorfahren. Das Schwarz, es steckt in dir. Biologisch, politisch, religiös, kommerziell.

Wie gerne würdest du jetzt das Schwarz selbst wegschneiden, wegschießen oder wegbomben. Da draußen. Hier drinnen. Doch dafür fehlt dir noch der Mut. Deine Erziehung zum Besseren hält dich davon ab, dich deinem Hass in Schwarz hinzugeben und danach wieder eine Tasse Tee auf deiner Terrasse zu trinken. Die Großelterngeneration lässt grüßen.

Also hast du zwei Möglichkeiten. Rückzug und so tun, als ob es die Welt da draußen nicht gäbe. Mir geht es ja gut. So lange das Wasser fließt. Herzlich willkommen in den 50er Jahren. Der Schrecken der Todesvergangenheit ausgeblendet und drinnen hübsch gemacht mit schönen neuen Elektrogeräten und Kleidchen für das neue Selbstbewusstsein.

Oder du gehst raus und versuchst etwas zu machen. Ohne Waffen.
Du begegnest dem, was dich schreckt, direkt. Hier entscheidet sich, was in dir drinnen ist. Ist die Leere ein kaltes Schwarz, wirst du in der nächsten Sekunde überwältigt von Furcht, Angst und Panik. Schrecken total. Es ist bloß ein kleiner Schritt vom Macher zum Täter.

Über Jahrzehnte hinweg haben wir internationale Freundschaft gefeiert, uns gegenseitig besucht, Jugendwerke aufgebaut, Gottesdienste gefeiert, vom Sozialen gefaselt, der Verantwortung, der Solidarität, der Gleichheit, der Geschwisterlichkeit. Der Freiheit. Der Liebe.

Und nun im entscheidenden Moment zeigt sich, dass alles nur Kulisse war. Ein Schauspiel, aufgeführt in Klassenräumen, in Unisälen, in Parlamenten, in Stiftungen, in Kirchen, auf Kriegsgräberfriedhöfen, in Werbespots.

Nach Drinnen gelangt ist nichts. Hier herrscht dunkle, kalte Leere.
Wertloses Wertgelaber. Effiziensoptimiertes Burnoutland. Zusammengeschossen von modernsten Waffen spätmodernen Lebens. Wenn denn jemals ein blühender Garten da war. In deinem Inneren.

Keine frohe Botschaft. Auch unter denen, die sich Christen nennen. Christus ist tot. Das Gute ist tut. Kein Glaube. Keine Liebe. Keine Hoffnung.

Das ist wirklich das Ende.
Die Dunkelheit hat gesiegt. Denn dann wir haben ihr nichts entgegen zu stellen.

Alles. Ist. Sinnlos.

Doch das ist deine Entscheidung.

Mir hat einmal ein Kapuziner in ganzer Offenheit zugegeben: „Sven. Ich kann dir nicht zu hundert Prozent sagen, dass es Gott gibt und dass alles so stimmt, wie wir das erzählen. Aber eines kann ich tun: Selbst wenn sich am Ende des Lebens herausstellen sollte, dass das Christentum in dieser Form nicht wahr sein sollte, so war es zumindest für mich eine Lebensutopie, die es wert war, gelebt zu leben.“

Du entscheidest, was die Basis deines Lebens ist.
Furcht oder Liebe.
Entweder übermannt dich die Dunkelheit.
Oder du leuchtest.

„Von guten Mächten wunderbar geborgen,
Erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
Und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“