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Liebe(r) konkret: Es endet erst, wenn es endet!

>> Originalfassung eines Textes für die Kolumne des www.fortschrittsforum.de der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.

Große Ziele. Kleine Schritte. Viele Veränderungen misslingen, weil der Geburtspunkt der neuen Welt nicht klar definiert wird. Und das Ende der alten. Lasst uns jetzt vom Ende her denken, um wirkungsvolle Anfänge zu machen, findet unser Kolumnist Sven Schlebes, und spielt den Totengräber.

Aktivismus hat es schwer in diesen Zeiten, in denen alles möglich erscheint und deshalb oft grenzenlos verpufft. Viele wollen Ähnliches, machen Diverses und bewirken Manches. Wichtig scheint vor allem eines: dem Gefühl der eigenen Ohnmacht zu entgehen und wieder Selbstwirksamkeit zu spüren. Ein Anfang. Ein wichtiger. Keine Frage. Aber eben nur ein Anfang. Danach ist Wachstum gefragt, Beständigkeit und Durchhaltekraft. Bis zum Ende. Doch damit tun sich die meisten von uns Weltverbesserern schwer. Denn allem Anfang wohnt ein Zauber inne, wissen Hessejünger. Allem Ende jedoch der Schrecken. Selbst wenn es noch so inbrünstig herbeigesehnt worden ist. Dann ist Zahltag und eine neue Geschichte beginnt. Einfach so.
Zweimal im Jahr habe ich die Gelegenheit, Uniabsolventen auf dem Weg in die kreative Freiheit zu begleiten. Die meisten von Ihnen sprühen vor Ideen und Tatendrang. Manche sind verunsichert ob der großen Unbekannten da draußen im „echten Leben“. Anstatt gemeinsam mit Ihnen Karrierewege zu entwickeln, nehmen wir ihre eigene Beerdigung vorweg: Wer steht am Grab? An was sollen sich die Menschen erinnern? Und was ist die Botschaft eures Lebens?
Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit weckt Urängste. Ganz tief in uns scheint sich jede Zelle in uns gegen das „Loslassen“ zu wehren. Aus Angst vor dem „danach“. Und dem Blick zurück: War es ein geglücktes Leben? Habe ich meine Zeit genutzt? Meine persönliche Erfahrung: Mit dem Sargnagel in der Hand relativiert sich vieles. Das utopische Ideal wird zur transzendenten Wirkfolie, auf der sich in zunehmender Klarheit das Leben im wiedergewonnen Realismus abzuzeichnen spielt. Ruhe kehrt ein. Das große Ziel ist ganz fern und doch so nah. Ich selbst werde zur Brücke für das unmöglich Mögliche im Alltag, zur Wirkstätte für die realistische Utopie. Voraussetzung: Ich habe Utopie in vollen Züge genossen und bin voll des süßen Weines, um die Bitterkeit ihres täglichen Sterbens im Alltag beweinen und so nähren zu können. Denn irgendwann ist er da, dieser sogenannte Point-of-no-Return, und das Ende ganz nahe: von Sachverhalten, Lebensabschnitten, Machtverhältnissen, Alternativlosigkeiten, Ewigkeiten, Beziehungen, mir selbst.
Wer nie mit dem Geist, dem Herzen und dem Körper in einer anderen Welt gebadet hat, bleibt meist sein ganzes Leben lang verloren in der Eindimensionalität unserer realen Welt und folgt den Logiken ihrer Algorithmen. Eine Zahl umgeben von Operationen.
Nicht nur das Ende befreit. Die Beschäftigung mit dem Ende ebenfalls. Meinem Ende und dem Ende dessen, was ich beenden will. Denn es schärft den Blick für das, was eigentlich wünschenswert wäre, was ist und was machbar erscheint: die realistische Utopie.
Nehmen wir zum Beispiel die NSA-Affäre. Sie fände ein Ende im Stopp des kollektiven Einsammelns aller kommunikativen Spuren der virtuell und medial miteinander agierenden Menschen. Idealer Weise, weil die Lust am gemeinsam Kreieren größer wäre als die Lust am gegenseitigen Ausstechen. Realer Weise jedoch, weil die Kosten solcher Aktionen politisch, ideell, monetär und aus einer Wachstumsperspektive heraus gesehen zu hoch werden.
Niemand glaubt, dass mit einem „No-Spy-Abkommen“ das Phänomen „Datensammeln und Auswerten“, kurz: „Big Data“ ein Ende hat. Die machtpolitische und marktwirtschaftliche Effizienzlogik unserer Zeit lechzt geradezu nach immer mehr Datenerhebungen zur „Abbilderschaffung der Realität“ und wiederum der Optimierung bzw. Manipulierung unseres modernen Lebens. Egal, ob Geheimdienste auf Sammeljagd gehen, Regierungen oder Unternehmen. Bisher angesammelte Datenberge werden nie mehr gelöscht werden. Gier und Angst werden sie ungebremst wachsen lassen: Mal aus sicherheitspolitischen, mal aus umsatztechnischen, aus finanzlogischen und mal aus angeblich philanthropischen Gründen: Denn nicht nur Das Weiße Haus will schließlich wissen, wie die Deutschen über einen erweiterten Krieg auf der arabischen Halbinsel denkt. Regierungen wollen wissen, wie sich ihre Gesellschaften verändern, und Versicherungen, wie es um die Gesundheit ihrer Patienten steht.
Ohne Zweifel: Wissen ist Macht und kann im Einvernehmen eingesetzt eine wunderbare Zukunft erschaffen. Doch solange Wissen Herrschaftswissen ist und asymmetrisch gewonnen wird, um Asymmetrien zu erhalten und auszunutzen, ist Wissen Machtmissbrauch und kann und darf eingeschränkt werden. So lange und so weit, bis aus aktueller Systemlogik die Generierung dieses Wissens zu teuer geworden ist. Das wäre das Ende der Wissensohnmacht und der machtvollen Wissenskreation in Gemeinschaft. Ein Utopie. Ich weiß. Und der realistische Weg in die gemeinschaftliche Freiheit wird nur über die Waffengleichheit der Spielteilnehmer funktionieren, sprich: über die Ausbildung und Ausrüstung der virtuell und medial miteinander agierenden Menschen. Ein Horrorszenario für jeden Gutmenschen und Weltverbesserer.
Aber am Ende, und von dem her sollten wir denken, siegt die Utopie.
Alles andere ist utopischer Realismus.
Und damit zum Scheitern verurteilt.
Totengräber, voran!