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Liebe(r) konkret: I have a dream

>> Origionalfassung eines Artikels für die Kolumne des Fortschrittsforums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Abdruck mit freundlichen Genehmigung.
50 Jahre ist es her, dass Martin Luther King, Jr., seine große Rede gehalten hat. Eine Rede über einen Traum vom freien, gleichberechtigten und gelingenden Leben in einer vielfältigen Gemeinschaft. Der Traum einer Melting-Pot-Gesellschaft. Große Klasse. Aber weit weg. Nichts für uns hier in Mitteleuropa. Mittlerweile lebt in Deutschland auch offiziell und bewusst eine bunte Gesellschaft. Inklusion auf allen Ebene ist ihr erklärtes Ziel. Doch nicht ein diffus beschworenes WIR ist der nächsten Schritt zum Glück, sondern die saubere Arbeit am Ich.

Viel ist in diesen Tagen gesprochen worden über die große Rede des großen Mannes. Der Spannungsbogen zum aktuellen amerikanischen Präsidenten hätte nicht perfekter sein können.
Mittlerweile begreifen auf wir Deutschen, dass die Traumbotschaft Kings nicht nur etwas mit der Gesellschaft in den USA der 60er Jahre zu tun hatte. Ein halbes Jahrhundert später ist sie auch in im alten Europa brandaktuell.

Zwei Jahr nach Beginn der Diskussionen im Rahmen des Fortschrittsforums um die Vision eines gelingenden Leben mitten in Europa hat sich eine scheinbare Erfolgsformel herauskristallisiert: Das Leben in einer inklusiven, partizipativen, gerechten, gleichberechtigten und freien Gesellschaft. Eben ein neues WIR. Vor allem die Volksparteien haben das Erfolgsgeheimnis des neuen WIR entdeckt und binden es mantramäßig in ihre Sonntags- und Wahlkampfreden ein. Die Konkretisierung jedoch bleibt aus. Der Deutsche Traum vom neuen WIR – noch scheint er blutleer und weit entfernt jeglicher Realität.

In der letzten Woche durfte ich ein Sommercamp für Jugendliche aus den drei abrahamitischen Religionen im Ruhrgebiet begleiten. Sieben Tage trafen Juden, Muslime und Christen aufeinander um sich gegenseitig besser kennenzulernen.
Aufgeregt waren jedoch vor allem die Betreuer und Trainer. Die meisten von ihnen waren doppelt so alt wie die Teilnehmerinnen und kannten aus eigener Erfahrung das Spiel der kulturellen Identität und Abgrenzung sehr genau. Unser gemeinsames Thema war in der Tat das neue WIR.

Nach zwei Tagen war jedoch schnell klar: Mit einem WIR haben die Jugendlichen gar kein Problem. Fast schon künstlich musste man in den einzelnen Gruppen die wirklichen kulturellen Differenzen der einzelnen Religionen und ihrer Angehörigen herausarbeiten. Was aber nicht wirklich jemanden interessierte. In den Kreativworkshops dagegen wurde deutlich, was sie wirklich wollten: Gemeinsam lernen, arbeiten und was Neues erschaffen.

Das neue WIR, diskursiv heiß umkämpft, ist schon da. Es wird von denen gelebt, die in ihrem kurzen Leben schon so gut wie alles gesehen haben und sehr früh sehr erwachsen werden mussten. Zeit für und Lust auf Eitelkeiten, Reibereien und das „Besser-Schlechter-Spiel“ hatten sie nicht. Sie wollten einfach und schnell gemeinsam eine gute Zeit haben.

Entscheidend für den Zusammenhalt und die Akzeptanz in der Gruppe war überraschender Weise etwas anderes: der Charakter eines Menschen. Aber war nicht genau das Kings Traum: „I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin, but by the content of their character.“

Und genau darum geht. Das Sommercamp hat mir noch einmal sehr deutlich gezeigt, dass es nichts bringt, ein neues WIR zu beschwören und sein altes Leben mit einem nicht funktionierenden Kompass fortzusetzen. Ein starkes WIR entsteht durch starke ICHS, für die aktuell heiß diskutierte Dinge rund um das Miteinander im täglichen Leben bereits selbstverständlich sind. Das hat nichts mit Tugendfuror zu tun, der gerne immer beschworen wird, oder einer überzogenen, idealisierten Debatte. Es geht um den Menschen, seine Intention, seine Haltung und sein verhalten. Und da haben vor allem wir Älteren Förderunterricht verdient. Und nicht die Jungen.

Das Schöne: Wer das einmal verstanden hat und von seinem hohen Ross hinunter steigt, wird von dem bereits existierenden WIR akzeptiert. Jeder hat etwas zu geben. Und sei es „nur“ sein Herz und die Offenheit für etwas Neues. Genug erlebt haben wir alle bereits. Zeit für und Lust auf Spiele hat dagegen eigentlich niemand wirklich mehr.

Fangen wir an?