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Liebe(r) konkret: Ich will so bleiben, wie ich bin!

>> Origionalfassung eines Artikels für die Kolumne des Fortschrittsforums der Friedrich-Ebert-Stiftung. Abdruck mit freundlichen Genehmigung.

Deutschland streitet. Endlich. Der Grund: Die Freiheit zu leben. Jeder nach seiner Facon. Eigentlich ein zentrales Grundverständnis moderner Gesellschaften, die Vielfalt leben wollen. Das Problem: Jeder hat da so seine eigene Vorstellung, wie diese Freiheit gelebt werden soll Von mir und dem anderen. Unser Kolumnist Sven Schlebes ist den diskursiven Fährten der aktuellen Diskussion gefolgt. In aller Freiheit.

Die Schinkenwurst weiß: Wir Menschen wollen essen. Und das ohne Reue. Denn mein Hungerstillen soll keine Auswirkungen haben. Also keine negativen. Vor allem für meine Gesundheit nicht. Sie soll schmecken und Freude verbreiten. Weil mein Fleischhunger gestillt ist und der Geldhunger des Unternehmens. So weit so gut im Darwin-Universum des Fressen und Gefressenwerdens und der Fernsehwerbung. Das ist anscheinend das Leben. Groß, wild, unbegreifbar, widersprüchlich. Eben frei.

Doch alles hat seinen Preis. Auch in diesem Spiel. Denn ich spiele es nicht allein. Sondern mit anderen. Und hier zahlt für meine Freiheit das Tier mit seinem Leben, das ich esse, die Erde mit ihren Ressourcen und die Menschen, die ebenfalls im Metharmorphosenprozess von Asche, Staub und Lebenskraft hin zur Schinkenwurst eingebunden waren, zahlen ebenfalls. Mit ihrer Lebenszeit, ihrer Kraft, ihrer Bereitschaft. Auch ich gebe schließlich auch etwas Wertvolles: Geld.

Also ist alles gut, weil alles freiwillig ist in diesem Spiel und damit würdevoll, großartig und atemberaubend? Ein ganz großes Evolutionstheater? Wer durch die Plakatwelt der Wurst essenden Pyama-Schönheit schaut, sieht: Es ist die Welt von Angebot und Nachfrage. Hungergetrieben. Es siegt immer der größte Hunger. Unabhängig davon, ob ich mich nach Glück sehne, nach Erleuchtung, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Anerkennung, Geld, Freude, Unterhaltung, Sicherheit, Sex, Schlaf, Gesundheit oder Nahrung. Ich habe Lust darauf. Und es ist meine Freiheit. Eine Schönwetterfreiheit, die möglichst günstig eingekauft werden soll. Quasi pauschal. Ohne Risiken und Nebenwirkungen. Für mich. Die anderen Mitspieler sind mir da eigentlich egal. Bis einer der mitspielenden Konstanten ausfällt. Dauerhaft. Weil er nicht mehr will. Nicht mehr kann. Weil er nicht mehr da ist. Oder neue Mitspieler kommen mit noch größerem Hunger und ich zahle auf einmal mehr ein als ich herausbekomme. Es grüßen der Länderfinanzausgleich, die EU, die Aliens aus Krieg der Welten, die Vampire Underworlds oder die Maschinen der Matrixwelt. Hier bin ich auf einmal Futter und alles, was übrig bleibt, sind meine blutigen Gedärme.

Dann wird aus meinem vormals freien Spiel eine Diktatur des Anderen, von der ich mich, am besten am Independence-Day, heroisch mit einer Atombombe befreien muss. Um endlich wieder Ich sein zu dürfen und beherzt in die Schinkenwurst beißen zu können. Soviel Freiheit muss sein. Mein Spiel. Meine Regeln.

Es ist bemerkenswert, dass aktuell diejenigen, die gerade symbolisch erbittert für ihre Schinkenwurst kämpfen und sich jede Besserwisserei und Gängelung verbitten, selbst permanent damit beschäftigt sind, anderen zu erzählen, wie sie die Freiheit am besten leben sollen: Das fängt beim Steuerformular an, geht über die Jobleistungsvereinbarung und endet auf dem Diagnosestuhl eines Psychaters: „Normallnull, um bei uns mitzuspielen, ist das hier. Irgendjemand irgendwelche Einwände?“ Beschlossen und umgesetzt mit einfacher Stimmmehrheit. Pech für die anderen. Ob mit oder ohne Stimme.

Mit der Freiheit ist das so eine Sache. Ich bin ihr verfallen, lerne jedoch seit langem teils bitter, teils süß ihre Spielregeln und ihren Preis kennen. Viel verstanden habe ich noch nicht. Ich ahne nur. Freiheit wirklich leben können nur die Wenigsten von uns. Tief, würdevoll und evolutionär.

Vor zwei Jahren war ich Gast einer Kunstinstallation. In einem Fabrikgebäude wurde ein weißer Raum aufgebaut: Point Zero. Es gab einen Eingang und eine Kamera, die das Geschehen im Inneren filmte und verbunden war mit einer Leinwand im Vorraum. Dieser weiße Raum war ein regelfreier Raum. Alle Besucher durften machen,was sie wollten. Die meisten waren mit der Freiheit überfordert. Sie gingen an der Wand lang, riefen ihre Freunde hinein und machten das, was sie draußen auch machten. Hüpfen, springen, lachen, grübeln, gar nichts. Und gingen dann wieder raus.
Nur wenige fingen an zu tanzen, sich hinzulegen, sich auszuziehen. Das verstörte manche andere Besucher und es kam zum Streit. In den Abendstunden wähnten sich einige unbeobachtet und begannen, die Wände zu bemalen und ein Picknick im Raum zu veranstalten. Als sie gingen, blieb der Müll zurück und ihre Zeichen an der Wand. Die Besucher am nächsten Morgen mussten erstmal aufräume und sauber machen, um die Unschuld des Raumes selbst auch wieder in aller Freiheit erfahren zu können.

Das Fazit der Installationskünstler: Freiheit ist großartig. Leben ist großartig. Das Gegebene ist großartig. Alles entfaltet und entdeckt sich im Tun und im Miteinander. Es gibt Schönes, Unschönes. Das Potenzial ist gigantisch. Aber es ist vor allem ein Bewusstseinsspiel: Alles wird in der Begegnung mit dem Anderen zum Ich. Leben ist ein relationales Spiel. Und Freiheit ebenfalls. Wir können das Spiel großartig nutzen. In Würde und Lebendigkeit. Oder wir können es einfrieren, mechanisieren, minimieren und die Konstanten des Spiels und Mitspieler degradieren, missbrauchen, an der Weiterentwicklung hindern und sogar zerstören.

Dann ist es ist ein armes Spiel. Ausgebeutet. Selbstreferentiell. Für mich. Für andere. Für anderes. Das Leben ein Spiegel meiner selbst. Will ich wirklich so bleiben, wie ich anscheinend im Spiegel bin?

Zum Glück gibt es da ja noch die anderen.
Sind wir so frei, endlich großartig zusammenzuspielen?