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Liebe(r) konkret: Endless summer.

Original einer Kolumne für das Fortschrittsforum der Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.

Dreck allerorten. Kein Tag vergeht, an dem nicht ein Lebensbereich seine Unschuld verliert: von Nahrung über Energie, Sport, Wirtschaft, Politik, Wissenschaft bis hin zur Partnerschaft. Spätestens mit der der Aufhebung der öffentlichen Aktenverschwiegenheitspflicht nach 30 Jahren fällt Licht ins Maschinendeck der Weltgeschichte und gibt den Blick auf halb verweste, ölverschmierte Leichen. Ein Graus für jeden kindgebliebenen Gutmenschen mit ästhetischer Weltauffassung. Ist echte Lebensfreude nach dem Gang in den Keller und hinter die Kulissen eigentlich je wieder möglich, fragt sich unser Kolumnist Sven Schlebes und entdeckt für sich die zartbitteren Seiten eines kollektiven Erwachsenwerdens.

Sommerzeit ist Heimatzeit. Für mich und meine Familie zumindest. Jedes Jahr fahren wir mindestens eine Woche zu unseren Eltern und lassen es uns so richtig gut gehen. Auszeit von der Jetztzeit. Vom Job, dem Kinderladen, der Suche nach der neuen Welt, die Streitigkeiten mit den Strukturkonservativen. Dann lassen wir los und fallen tief – in eine Welt, die es eigentlich schon lange nicht mehr gibt. In unsere eigene Kindheit. Das hat damit zu tun, dass wir immer noch in unseren alten „Jugendzimmern“ übernachten dürfen. Die sind zwar schon längst umgebaut und umgewidmet – aber der Nostalgie halber ziehen wir immer in unsere alten Wände und erinnern uns daran, als man samstags aufwachte und ein Partywochende vor der Tür stand.

Wir konnten stundenlang heiß duschen, ohne an Wasserverschwendung zu denken oder an die Microplastikteilchen im Rubberduschgel, die die Barrieren der Kläranlagen überwinden und Fischkiemen verstopfen. Wir haben Nutella mit weißen Brötchen gegessen und noch nicht mal geahnt, was Zucker mit unserem Körper anstellt, welche Hände die Haselnüße gepflückt haben und wieviel Pestizide auf dem Weizenmonokulturfeld tief ins Erdreich eingedrungen sind. Mit Freunden haben wir schon mittags unterm Endlosrasensprenger palettenweise Dosen zum abendlichen Vorglühen gestochen und genügend Sonnenergie getankt. Nicht eine Sekunde haben wir Gedanken über den Stromverbrauch der Aluminiumsverhüttung und die Abbaubedingungen im Bergbau verschwendet. Mit den neuen Chucks und Levis 501 waren wir die Geilsten im Club – Kinderarbeit hin oder her. Um uns rum war alles dunkel und nur der Beat erreichte unser Herz.
Stress machten höchstens unsere Eltern – weil wir nicht aufgeräumt, mal wieder den Wagen tagelang entführten oder nicht ständig das Abitur im Sinn hatten. Für den Weg ins ordentliche Leben als Familien-, Berufs- und Gesellschaftsmitglied. Aber das, so waren wir uns alle sicher, das würde sich von alleine geben.
Es waren Jahre wie ein endloser Sommer. Unschuldig. Geil. Nicht nur für uns. Sondern für die meisten um uns herum. So schien es zumindest. Und niemand zerstörte unseren Traum. Unsere Eltern nicht. Unsere Lehrer nicht. Unsere Mitschüler nicht. Unsere Nachbarn nicht. Unsere Urlaubsbekanntschaften nicht. Es war unser gemeinsamer Traum. Knallbunt, schön warm und zuckersüßzart.

Irgendwann verschwand die Süße. Nicht, weil für uns der „Ernst des Lebens“ begonnen hatte. Mit diesem Ernst des Systems wären wir klar gekommen. Die Regeln waren zwar anstrengend aber irgendwie machbar. Nein, es begann auf einmal zu stinken in unserem endless summer. Die Abwasserpumpe war ausgefallen und wir wurden in den Maschinenkeller geschickt, um den Motor zu reparieren.
Und was wir hier entdeckten, machte ein „Weiter-So“ erst mal unmöglich. Schon Bismarck wusste, das man den Menschen am besten nicht sagt, wie Würste und Politik gemacht werden. Das hatten wir in der Schule gelernt. Aber dass das für nahezu alle Bereiche unseres Lebens gelten sollte: Davon war nie die Rede.

Egal, was auch immer du an einem Tag im Jahr 2013 tust: Mit dem ersten Weckerklingeln des Smartphones ruft das schlechte Gewissen: Woher kommt der Rohstoffe für das Smartphone? Woher die Energie? Wer hat an diesem Gerät, an den Programm zu welchen Bedingungen mitgearbeitet? Wurden alle Rechte an der Weckmelodie berücksichtigt und vergütet? Sind die Strahlen gesundheitsschädlich? Welches Bewegungs- und Informationsprofil ist wo gerade abgespeichert worden? Was geschieht damit? Soll ich mich duschen oder doch lieber nur am Waschbecken waschen? Wie sind die Anziehsachen hergestellt worden? Woher kommt die Milch? Habe ich meiner Frau freundlich und respektvoll genug geantwortet? Soll ich mein Kind so lange schlafen lassen, wie es will? Wo sind die Grenzen? Sollte ich heute nicht lieber was für eine NGO tun, anstatt ein Buch zu lesen, für das ein Baum gestorben ist? Stärke ich mit dem Kauf eines Snickers große Saatgutunternehmen und zerstöre Kleinbauernstrukturen? Darf ich mich während der Frühstücks freuen und mich nochmal sorgenfrei schlafen legen, während unten der Müll zu Mindeslohnpreisen abgeholt wird und die ersten Bettler Position an den U-Bahn-Schächten beziehen?

Fragen über Fragen. Soviel Macht. Soviel Entscheidungen. Soviel Möglichkeiten zu versagen. Und niemand da, der mir die Entscheidungen abnimmt und mich vom schlechten Gewissen befreit. Da stehen wir nun im Jahr 2013 mit unserem Leben und wollen doch einfach nur eine gute Zeit haben und können einfach nicht. Weil wir es nicht mehr dürfen. Oder nicht mehr können. Oder vielleicht auch nicht mehr wollen? Misanthrophie und Depression als Lifestyle?

Selbst, wenn man total aussteigen wollte: Wohin sollte man total gehen, um diesmal alles richtig zu machen? Zurückzukommen in die süße Party eines endlosen Sommers? So, wie wir wären, würden wir in Sekundenschnelle selbst die reinste Unschuld eines perfekten Paradieses zerstören. Nur weil wir da wären. Und mit uns unsere Gedanken, Gefühle und (Nicht)handlungsweisen.

Nein. Fluchtmöglichkeiten aus dem dreckigen Zustand unserer Postmoderne gibt es nicht. Jedes Davonrennen würde das Desaster sogar nur noch größer machen. Wir stehen da, wo wir stehen. Und unser Wissen um das Wirken vor und hinter den Kulissen unseres Lebens machen einen Weg zurück, die berühmte blaue Morpheus-Pille des Vergessens in die Matrix, unmöglich. Schuhe sind eben nicht mehr nur Schuhe. Sondern die Schnittstelle einer Gemeinschaft: von Menschen, Tieren, Umwelt, Vergangenheit und Gegenwart, Traditionen usw. Für die Schuhe haben alle sehr viel gegeben. Sehr viel ist in sie eingeflossen. Und auf dem Weg an meine Füße ist viel passiert. Im Positiven wie im Negativen.

Vielleicht ist dies die Zeit, in der wir möglichst viel davon erst einmal wahrnehmen sollen um zu verstehen, worauf wir da gerade stehen. Materiell. Kulturell. Spirituell. Wahrnehmen ist der Beginn von Wertschätzung und einer nachfolgenden aktiven Wiederverbundenheit, hat mir mal eine Freundin gesagt. Die Schuhe als erster Schrtt auf dem Weg der naiven Selbstvergessenheit hin zu einem bewussten Miteinander?

Dann haben die ganzen schlechten Nachrichten über das Wesen hinter den Kulissen im Zeitalter der totalen Transparenz also vielleicht doch einen Sinn? Dass ich berührt und bewegt werde. Mich selbst verändere und eine neue Beziehung zu allem aufbaue. Wertschätzender. Entschiedener. Aktiver.

Das mag sein. Früher hätte ich mir gewünscht, die Welt wäre schon immer ein endloses Sommermärchen gewesen. Mit sauberen Pumpen und sauberen Abwässern und sauberen Menschen. Aber anscheinend ist es das nicht. Und egal, was auch immer ich tun werde in diesem Leben. Es wird immer dreckig sein. Früher oder später. Diese Erkenntnis befreit. Zum einen vom Perfektionsdrang, selbst immer sauber zu sein. Und dies von anderen zu verlangen und sie danach zu beurteilen. Die Härte verschwindet. Und vielleicht ist das der Beginn einer neuen Stärke, dafür zu leben, zumindest phasenweise in einen endlosen Sommer einzutauchen.

Auch wenn die Süße eine tiefe Bitterkeit im Unterton mit sich führen wird.
Beim Wein nennt man sowas Reifungsprozess.
Vielleicht gelingt uns allen das ja auch auf dem Weg in ein neues Miteinander.
Ich bin mir sicher, das wird ein ganz hervorragender Jahrgang, dieses Jahrhundert.

Ein echtes Sommermärchen eben.