Filiz Telek

Liebe(r) konkret: Art attack!

>> Originalfassung eines Texte für das www.fortschrittsforum.de. Mit freundlicher Genehmigung des Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.

Lange Zeit galt die Kunst als hübscher Kastrat, wenn es um die Kreation einer neuen Gesellschaft im 21. Jahrhundert ging. Zumindest bei uns in Westeuropa. Produziert wurde für den Anlege- und Massenmarkt. Oder für die Tonne. Doch mit Erdem Gündüz „Stehender Mann“ findet die Kunst den Weg zurück zum Ursprung und zeigt, was neben Geldverdienen der große Dienst für den Menschen sein kann: Der Bau synästhetische Rettungsboote in ein wirkliches Neuland.

Es war Sommer. Keine Wolke trübte den Himmel über dem Brandenburger Tor, als Barack Obama und Angela Merkel sich gegenseitig ihre Freundschaft versicherten. Und dann zur Lage der Welt vortrugen, was Ghostwriter vorgeschrieben hatten, ohne wirklich was zu sagen und verstanden zu werden. Draußen, abseits des Hochsicherheitstraktes, war die Welt in Bewegung: Türkei, Ägypten, Brasilien, Spanien, Portugal. Und die Botschaft war laut und deutlich: „It’s not about 20 Cents. It’s about the system.“
Der Weg ins 21. Jahrhundert zerreisst Gesellschaften. Der einstige Konsens ist marginalisiert, die Regeln für die Kreation eines neuen werden radikal in Frage gestellt.
Frau Merkel und Barack Obama lobten das vertrauensvolle Miteinander und verloren sich in Themen von gestern: Es sollte der letzte Versuch sein, sich vor dem Brandenburger Tor als ewigen systemischen Sieger der Vergangenheit darzustellen und das Ende aller Geschichten zu beschwören.
Ohne Erbarmen brannte die Sonne vom Himmel und spiegelte sich in der zentimeterdicken Panzerglasscheibe, die das Rednerpult umgab und die beiden Demokratierepräsentanten vor der Welt und ihre Unwägbarkeiten schützen sollte. Ein Stelldichein der Unberührbaren. Großes Theater mit noch größerem Symbolcharakter. Aber leider künstlich. Wie genmodifiziertes Saatgut. Und damit lediglich eine Saison fruchtbar. Wenn überhaupt.
Das, was sie sagten, erreichte kaum jemanden. Die Nachrichtensendungen blieben merkwürdig still. Nur ein Bild ging um die Welt. Zwei Menschen vor dem Brandenburger Tor. Der eine ohne Jacket, die andere mit. Auf dem Weg ins Neuland, das zum Glück von den eigenen Truppen schon in Altland verwandelt worden ist. Sprachlos.

Ich selbst hatte nicht das Glück, zu den auserwählten Livegästen des Schauspiels zu gehören. Ein Glück, wie sich später herausstellen sollte. So hatte ich mehr Zeit, im Taksim-Twitterstream abzutauchen und mitzuverfolgen, wie wirklich Neues zu Welt kommt, das frei nach Pina Bausch aus einem inneren Sehnen geboren wird und nicht aus Angst.
Wirklich verstanden habe ich bis heute nicht, was da passiert ist mitten in Istanbul. Zu fern ist mir die türkische Gesellschaft mit ihren verschiedensten Milieus und Modernisierungsbewegungen. Doch ich konnte mitverfolgen, wie Menschen sich zu Wehr setzten, nach Ausdrucksformaten für ihr Empfinden suchten und Hoffnung fanden bei einem Menschen, der die Ruhe als stehender Mann inszenierte und wegen Gefährung der inneren Ruhe inhaftiert wurde.
Sein Bild ging um die Welt, und das seiner Nachahmer. Eine Geste, so unendlich einfach. Und doch so mächtig. Ein paar Tage später war es eine Frau im roten Kleid vor Polizisten, die der Bewegung ihr Gesicht verlieh. Und heute sind es diverse Formen von Improvisationstheater und öffentlicher Abendessen im Format des „Dinner en blanc“, die den Gemeinschaftsgeist kultivieren und ein neues Miteinander erlebbar machen. Die Menschen entdecken die Macht der Kreation und des Spielerischen. Manches funktioniert, manches nicht. Vieles ist banal. Aber immer gibt die Kreation den Menschen das Gefühl für ihre eigene Selbstwirksamkeit zurück und damit ihre Würde, Freiheit und Lebenslust. Kunst – nicht für den Sammlermarkt. Sondern als Sauerstoff für das Leben. Notwendig. Absolut. Befreiend. Alles kommt wieder, mögen sich da viele Alt-68er denken. Beuys und Petra Kelly lassen grüßen. Schön. Naiv. Überbewertet.

Und doch nicht zu unterschätzen. Letzte Woche erst nannte dies ein Angehöriger der strukturiert-organisierten Politkaste die „Kraft der Zivilgesellschaft“, an die man „Anschluss finden müsse, denn hier werde das neue Jahrhundert geboren.“

Ein langer Weg für die im Panzerglasaquarium. Ob Politiker oder Künstler.
Aber ein lohnender.
Eben echte Lebenskunst.