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Liebe(r) konkret: Das Private ist politisch. Wieder einmal.

>> Originfassung eines Artikel für das Fortschrittforum.de. Mit freundlicher Genehmigung des Friedrich-Ebert-Stiftung e.V.

Geschichte wiederholt sich. Nur unter veränderten Vorzeichen. In den 70ern war es das feminin Private, das Bewegung in die Politik brachte. Nun in Zeiten von PRISM und Co schickt sich die maskuline erste Person an, „the long now“ der letzten Jahre ein Ende zu bereiten. Denn noch wichtiger als Geld ist dem richtigen Mann die absolute Hoheit über die Sphäre des Privaten. Zum Glück. Unser Kolumnist Sven Schlebes über Cocooning, Ohnmacht und die private Keimzelle des bürgerlichen Widerstandes.

Wer hätte das gedacht: Da gehen in aller Welt seit Monaten 100.000e auf die Straße und rufen nach Veränderung: politisch, sozial, ökologisch, strukturell und systemisch. Doch das global so vernetzte und vom Export abhängige Deutschland bleibt gelassen. In aller Seelenruhe nickt man zufrieden in den Vorstandesetagen über Aussenhandelsbilanzen und fühlt sich mit dem eigenen Erfolgsmodell der letzten Jahre auch als Early Mover des kommenden Jahrzehnts. Streng nach dem Motto „konsequent effizient“ wird die Geschichte von gestern perpetuiert. Was gestern gut für uns war, wird morgen für alle der Leitstern sein. Unser Vorteil: Wir brauchen uns nicht zu verändern. Das letzte Kapitel endet nie. Never chance a winning elitenboard. Willkommen im „long now“ des ewigen Murmeltieres.

Doch wie in jedem Märchen erwächst der größte Gegenspieler nicht auf der anderen Seite der Kampflinie, sondern entspringt dem eigenen Geschlecht: In unserem Fall dem staatstragenden, arbeitenden und Ordnung liebenden (männlichen) Bürgers. Snowden in den USA hat den Anfang gemacht, hier in Deutschland hat er „hidden friends“ – nicht die Piraten in Orange. Sondern den Rasenkanten schneidenden Bausparer. Auch wenn er noch nicht wutentbrannt über die Natursteinkante seinea Zengartens gesprungen ist – das entspringt nicht seinem Naturell. Aber er hat den Schlüssel für seinen längst vergessenen Atombunker wieder ausgekramt und für nächste Woche die Wiederauffrischung seiner Lagervorräte vorgesehen. Solaranlagenreinigung und Hausbrunnenreparatur inklusive. Medial ist davon nichts zu hören. Trügerische Ruhe umweht die bürgerlichen Truppen. Doch das alles geschieht – die Geheimdienste lassen grüßen – unsichtbar.

Mühevoll hat er sich durch die Krisen aller Art gekämpft. Auf die Sparpolitik im Bankenskandal vertraut, das Markenversprechen des „Made in Germany“ und der Verwaltungspolitik einer Frau. Global agieren, um vor allem selbst lokal zu profitieren. Für Win-Loose-Denker die perfekte Überlebensstrategie auch im 21. Jahrhundert. Noch halten die Schutzwälle: emotional, materiell und geistig dringt nichts in seine heimelige Puppenstube Deutschland. Erhardts Erben eben. Wäre da nicht dieses verfluchte #Neuland, Rückgrat und Nervengeflecht einer globalen Wissensgesellschaft und industriellen Spitzenmacht. Widerwillig hat er sich in den letzten Jahren auf dieses Glatteis begeben wie damals beim Boom der Volksaktien aufs Börsenparkett. Guten Mutes sind alle den Verlockungen der Apologeten gefolgt ohne wirklich zu wissen, was da eigentlich so abgeht auf dem neuen Spielfeld. Heute wie damals muss er jedoch feststellen: Das schön ausgemalte Neuland ist in Wirklichkeit ein Star Trek – Holodeck geheimer Dienste und das Leben ein Übungsprogramm mit Entblößungsgarantie. Google, Facebook und Microsoft – gut, das waren große Companys. Im Zweifel eh dem Reich des Dunklen zuzuordnen. Hier halfen Virenscanner, Firewalls und Anonymisierungstools. Aber die eigenen Aktentaschenträger im System? Im Felde unbesiegt – und in der Heimat den Dolch in den Rücken bekommen. Ein Trauma. Immer noch. So hatte man sich das mit dem „Wenn-alle-Hülle-fallen-Sommer“ nicht vorgestellt. Sind kurze Höschen bei Beach Volleballerinnen noch Ursache für eine äußerst freudige Erregung, siehts mit dem eigenen Potenzcheck nicht mehr ganz so lustig aus.

Auch wenn das Vorzeigebürgertum auf einmal gelassen die Lust an der neuen Transparenz als Staatsbürger zelebriert (Vgl. Dr. Wolfgang Schäuble, Der Tagesspiegel vom 07.07.2013): Dem Mann mit der Currywurst reichts endgültig. Fremder, teuer Euro – war schon immer so. Fremd im eigenen Land – was willste machen. Aber der Fremde im Handy und im Computer – das ist noch intimer als der Fremde mit der eigenen Frau. Und hier hört der Spaß nun wirklich auf.
Da hilft kein Staaträsonlamentieren. Keine erneute Terrorgefahr. Der emotionale Jägerzaun ist durchbrochen und die Fernsehbedienung ferngesteuert.

Da hilft nur noch abschalten. So schwer es dem Bürger auch fallen mag. Was der Atomkraft ihr Fukushima ist dem Datenschutz sein PRISM. Am letzten Seewochende hatte doch tatsächlich nur eine Freundin ihr Smartphone mit dabei. Aus Sicherheitsgründen. Für ihren Sohn. Wir anderen haben anstatt Sonnenspiegelbilder im See lieber Dosenbier geschossen.

In Erinnerung an die guten alten Zeiten voller Love, Peace and Happiness.
Ein Anfang. Immerhin.
Wenn das Private gezwungener Maßen politisch wird, stehen echte Männer zusammen. Und aus der Politik der ersten Person Singular wird eine Bewegung der ersten Person Plural.
Glauben Sie nicht? Die sieben Leute für einen Verein haben wir bereits zusammen.

Typisch deutsch eben.