Im Bann der sinnlichen Natur © 2013 . All rights reserved.

Neues Leben

»Wenn ich die furchige Haut eines Baums berühre, erfahre ich immer auch meine eigene Berührbarkeit und fühle mich selbst vom Baum berührt. Die Welt zu sehen, heißt, meine eigene Sichtbarkeit zu erfahren und mich selbst gesehen zu fühlen.«

Es ist der Kern des christlichen Glaubens – die Verinnerlichung Jesu Christi durch die Teilnahme am Abendmahl und die Teilhabe am lebendigen Leib des auferstandenen Herrn: „Esst und trinkt alle davon. Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.“ Doch selbst den meisten katholischen Christen fällt es schwer, sich in das Geheimnis der Wandlung fallen zu lassen. Der Preis: Die unüberbrückbar scheinende Trennung zwischen uns und dem Göttlichen, ein nicht nutzbar gemachtes Saatguterbe und ein unfruchtbarer Körper mit seinem brachliegenden Seelenacker. Als moderne Menschen sind wir dem Pfad der wissenschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion gefolgt, haben Gott einen guten Mann sein lassen und haben gelernt, dass das Wort eben nicht Fleisch ist, sondern eine abstrakte Geisteswelt darstellt, und der naturwissenschaftliche Kosmos eigentlich ein avitaler Raum ist – eine Welt anonymer Gesetzmäßigkeiten, in der das Gefühl und die eigene Subjektivität keine Relevanz mehr besitzen. So haben wir Aufgeklärten zunächst das Heilige verloren, dann das Leben und zum Schluss uns selbst: Eine Existenz in absoluter Trennung und nirgendwo ist Rettung in Sicht. Dabei hat sich der Mensch seit Jahrtausenden als Teil der Natur erfahren. Er unterhielt aktive Beziehungen nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit anderen Tieren, mit Pflanzen und natürlichen Phänomenen wie Bergen, Flüssen, Winden, Wettermustern, die erst seit der Auklärung in der Kultur des Westens als »unbelebt« gelten. In seinem bereits 1996 im englischen Original erschienenen Buch „Im Bann der sinnlichen Natur“, zeigt der amerikanische Philosoph, Ökologe und Anthropologe David Abram einen Ausweg aus der fatalen Beendigung dieser lebendigen Beziehung von Gott, Mensch und Umwelt. Inspiriert durch die forschende Arbeit des Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty und geschult durch seine langjährigen Reisen als Taschentrickkünstler durch Südostasien, auf denen ihn intensive Naturerfahrungen und Begegnungen mit indigenen Schamanen prägten, entwirft der der jüdischen Tradition entstammende Autor eine vollständig im Körper verankerte ökologische Philosophie, die dem Menschen die Tür zum eigenen Körper, zur Natur und zu Gott sperrangelweit aufstößt. Dabei ist für Abram der Körper keine mechanistisch-biologische Maschine, sondern das mit allen Sinnen wahrnehmende, lebendige Selbst, das unsere Sprache prägt und aus seiner Bezogenheit auf die lebendig atmende Natur heraus lebt.
Mit seiner reichen, poetischen Sprache verlockt David Abram zur sinnlichen Erfahrung einer sprechenden, fühlenden, beseelten und geheimnisvollen Natur und der Landschaft, in der wir leben. Wir sind im Körper, in der Natur und in Gott. Und er ist in uns. Diese innige körperliche Verbundenheit ist für Abram die Quelle für ökologisches und politisches Engagement. Für uns Christen kann es das lebendige Wasser des Glaubens bedeuten und damit die Bewässerung unseres ausgedörrten Paradiesgartens.

David Abram
Im Bann der sinnlichen Natur
Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt.
Mit einem Vorwort von Andreas Weber.
thinkOya, 2012
€ 29,80 (D)
€ 30,80 (A) Fr. 42.00 (CH)
320 Seiten, Klappenbroschur
ISBN 978-3-927369-45-0

Persönliche Anmerkung:

Das Buch ist eines der besten, das ich seit Beginn meines Studiums und damit der akademischen Laufbahn gelesen habe. Es ist zugleich Heilmittel, Bestätigung und Ermächtigung zugleich. Denn es hat mich aus der Sackgasse der naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Diskurse befreit, mir selbst und meinem Körperwissen Selbstwirksamkeit zugesprochen und Macht der Poesie zurückgegeben. Sie sind eben doch keine Gegensätze: Wissenschaft, Religion, Spiritualität, Literatur, Kunst, Natur, Kultur, Mensch und Kosmos. Es ist ein beseeltes Ganzes, das sich ausdrückt und schon vor dem Wort da war. Die  Empfindung ist ein wesentlicher Schlüssel hierzu. Abram arbeitet an den Ursprüngen und hat eine Quelle gefunden, die lebendig macht. Und dafür bin ich ihm unendlich dankbar. Auch wenn er dafür mit seinem Ansatz mit Häme bedacht wird. Er ist da zuhause, wo das Leben wohnt.

Danke, David!