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Liebe(r) konkret: Feuer frei!

Originalfassung eines Artikel für das Fortschrittforum.de. Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Der Blick auf die Toilette verrät die Qualität der Küche. Das gilt für das Gastrogewerbe und ist ebenfalls auf den Politikbereich übertragbar. Wer im Vorfeld des Wahlkampfs die einschlägigen Blogs der Lager durchliest, ahnt, dass die Bereitschaft, um die Köpfe und Stimmen der anderen wirklich zu werben, schlecht bestellt ist. Ein Zeichen mangelnden Vertrauens in die eigene Idee, findet unser Kolumnist Sven Schlebes. Und fehlenden gegenseitigen Interesses. Wo sind die wahren Menschen für eine wahre Kulturrevolution?

Da haben sich die Think Tanks und Strategieteams der Republik jetzt jahrelang Gedanken gemacht über die Zukunft des Landes. Pläne geschmiedet, Kennziffern entwickelt und Visionen entworfen. Doch anstatt Klarheit herrscht Verwirrung im Kopf und in den Herzen. Eine wirkliche Offenheit für Neues ist nur noch bei den wenigsten Menschen zu spüren. Die meisten haben sich schon lange aus der unübersichtlichen Diskurslage abgemeldet und sind in der privaten Komfortzone – so schlecht sie bei dem einen oder anderen auch materiell ausgestattet sein mag – abgetaucht.
Hier sitzen die Könige der Sandburgen und haben in ihrer Enge Angst vor den Gezeiten. Vor der nächsten Welle, die den Sandgraben in Sekundenschnelle zum Einsturz bringt. Zu tief sitzt die Identitätskrise selbst bei den eingefleischten Ideologen, als dass sie auf die tragende Kraft ihres Gedankengebäudes uneingeschränkt vertrauen könnten. Alles ist liquide geworden, ob mit oder ohne Piraten, und jeder hofft insgeheim, dass seine als Wahrheit vorgetragene Position hält, was sie verspricht. Nachprüfbar ist der Wahrheitsgehalt mittlerweile eh nicht mehr. Zu viele wollen zu viel anderes, so dass die Wirkkraft der Ideen sich nicht voll entfalten kann. Heraus kommt ein gefühlter, schlechter Kompromiss. Zu schwach, um wirklich Freude zu machen, und zu stark, um wirklich in Stagnation zu verfallen. „Man“ und „es“ gehen halt voran. Distanziert passiviert. Aber eben nicht lebendig personalisiert. Kleine Herzen. Kleiner Geist. Kleines Leben.

Das Interessante: Alle behaupten, sie hätten den Checkerblick fürs Gemeinschaftsglück im kommenden Jahrzehnt. Wäre dem wirklich so, würden wir in paradiesischen Zeiten leben. Denn innerlich brennende Menschen strahlen eine Ruhe und einen unglaublichen Magnetismus zugleich aus. Gibt es etwas Erotischeres als einen Menschen, der in seinem eigenen Körper und seiner Persona angekommen ist, sich liebt und durch die Welt bewegt, als sei sie mit ihm im Wohlwollen verbunden? Das wäre ein wirklicher Wonnemai Mai – ein echter politischer Frühling. Doch paarungsbereit ist aktuell nun wirklich kaum noch jemand. Der Cicero nennt es den Siegeszug des politischen Protestantismus, der das Land erfasst habe und nüchtern regiere. Ein Dienen mit Pflichtgefühl und Verantwortung. Klingt nach Vernunfthochzeit. Einer erwachsenen Form des Miteinanders, wenn der Frühling der Pubertät überwunden ist. Interesse am oder Begehren des Anderen. Fehlanzeige. Wir haben uns arrangiert.
So werden in Deutschland Unternehmen aufgebaut, Eigentumswohnungen errichtet und Gemeinweisen regiert. Möglichst neutralisiert, entemotionalisiert und risikoarm abgepuffert. Doch im Hintergrund lauert die Angst vor dem Verlieren – von Machtbasen, Sicherheiten, Geldern, Ansehen. Jeder weitere Schritt ist ein Wagnis, das auf Grund der Entemotionalisierung noch nicht mal auf große Energiereserven zurückgreifen kann. Wir haben unsere eigene Wahrheit und die anderen aufgegeben. Das Ergebnis: Zu Worthülsen und Kennziffern ausgedörrte Weisheiten werden mantrahaft im Diskursdurcheinander heruntergebetet, ohne dem Anderen zuzuhören oder um den andren wirklich für seine eigene Position zu werben. Pauschaldiffamierungen und Leierkastenarien rund um die Uhr.

Bei Menschen, die etwas zu verteidigen zu haben, ist diese Art Kommunikation noch nachzusehen. Sie befinden sich im Abwehrkamf. Traurig wird es aber dann, wenn die selbsternannten progressiven Herolde einer neuen Zeit selbst das Werben für eine neue Vision eingetauscht haben gegen den verlockenden Nahkampf.

Vielleicht sollten wir uns alle mal von der großen Kraft sanfter Revolutionen anstecken lassen, die mit Bestimmtheit und Freundlichkeit zugleich Durchbrüche ungeahnten Ausmaßes geschafft haben: Mahatma Ghandi zum Beispiel ahnte die sanfte Stärke einer Idee, deren Zeit gekommen war. Die Freiheit war sein Banner, das Integrierende und Mitnehmende seine Methode. Sie zeugte von Kraft, innerer Größe und einem hellen Strahlen.

Es ist unglaublich ermutigend zu sehen, wie spielerisch auch heute noch Menschen ihre Meinung zum Ausdruck bringen können, wenn sie den Geist ihres Anliegens erfasst haben. Selbst wenn sie dabei mit Gewalt und Repressionen rechnen müssen. Sie wissen, dass gegen echte Anliegen auf Dauer jeder Opponent verlieren wird. Es ist lediglich eine Frage der Zeit.

In unübersichtlichen Zeiten sind Menschen gefragt, die mitten unter den anderen aus einem starken Selbstvertrauen auf die Zukunft hin leben und die anderen nicht diffamieren, sondern ihnen Brücken bauen, um sie mitzunehmen. Prof. Dr. Harald Walach nennt das die Kunst der Komplementarität. Die Kunst, die Aufklärung weiterzuführen und verschiedene Sichtweisen gleichzeitig gelten zu lassen. Um dem Gemeinsamen auf die Spur zu kommen. Dem Verbindenden. Der Weg. Radikale Offenheit und Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Oder wie Nike es ausdrücken würde: “No games. Just sports.” Diese Menschen sind der Kristallisationskern einer wahren Kulturrevolution der Menschlichkeit, die auf Würde, Achtung und gegenseitige Unterstützung setzt. Aber sie ist nur mit freiem Herzen im Sturm mit anderen zu nehmen und nicht im Abwehrkampf.

Feuer frei!