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Keine Zeit für Vorbilder

Originalfassung eines Texte für die Kolumne des www.fortschrittsforum.de. Mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Ebert-Stiftung. 

Glaubt man dem Feuilleton, stehen Vorbilder aktuell unter Beschuss. Schön wär’s, meint unser Kolumnist Sven Schlebes. Der Kanonendonner ist medial selbstinzeniert, um von der Leichenruhe auf dem Schlachtfeld der moralischen Lebensführung abzulenken. Dabei könnte der Totentanz befreiend sein. Denn wo keine Erwartungen mehr enttäuscht werden können, kann man nur noch gewinnen. Mit einer guten Haltung im Leben zum Beispiel. Für sich. Für andere.

Eigentlich ist es ein Mantra schlechter Neujahrsempfänge: „Wir dürfen das Vertrauen der Menschen da draußen nicht verspielen.“ Seit Jahren. Wäre Vertrauen eine reale messbare Größe, in den Vorratskammern der Nation wäre wohl kaum mehr das berühmte kleine Senfkorn Hoffnung zu finden. Zum Glück bleibt „denen da draußen“ oft nichts anderes übrig, als einfach weiterzumachen: mit denselben Strukturen und denselben Spielern „hier drinnen“. Alternativlosigkeit als wahrer Garant für das reibungslose „Weiter-So“. Vertrauen in Personen. Das war einmal. Wenn überhaupt noch, dann gibt es gerade bei uns Deutschen immer noch dieses diffus-metaphysische Vertrauen ins System und sein Spiel. Und in das Leben. „Et hätt’ noch immer jut jejange“ lautet schließlich ein Paragraph des immer noch wirksamen rheinischen Grundgesetzes. Auch in Zeiten der Berliner Republik.

Überraschender Weise wähnen sich viele Eliten in allen gesellschaftlichen Bereichen immer noch in einer für die Gesamtgesellschaft herausgehobenen Position mit Vorbildcharakter und diskutieren Äonen von Talkrunden lang über das wertvolle zwischenmenschliche Erbe, das man da mit „den Skandälchen der Zeit“ verspiele. Als säßen wir immer noch in den 50er Jahren in den gesellschaftlich gestaffelten Kirchenbänken fest oder in den Hörsäälen einer revolutionären ASTA-Versammlung und beteten nach Ansage das Hohelied der Kanzel. Es ist leer geworden – sowohl in der Kirche als auch in der ASTA-Versammlung. In den Bürgerhallen und Eckkneipen mit Parteistammtischen. Sicher, die „Menschen da draußen“ sind jetzt ganz furchtbar abgelenkt von einer Konsum-, Medien- und Arbeitswelt, haben weder Lust noch Zeit noch die entsprechende innere Einstellung, um die Wichtigkeit dieser gesellschaftskonstituierenden Partizipationsorte zu begreifen. Aber alles nur auf die globale Spätmoderne mit ihren Begleiterscheinungen zu schieben, ist kein Zeichen von reifer und lebenserfahrener Gelassenheit, sondern mutloser und feiger Lethargie. Es ist die Fratze des Missbrauchs in all’ seinen Facetten, die dem Gesamtspiel und seinen angeblich so vorbildlichen Spielern zugesetzt hat. Fragt man heute querbeet durch alle Generationen und Milieus nach Vorbildern, wird man kaum noch Antworten für sogenannte „reference individuals“ finden: Menschen, die mit ihrer gesamten Lebensweise Zeichen setzen. Das mag zum einen an der viel beschworenen Hyperindividualisierung und dem Patch-Work-Lifestyle liegen: Jeder ist seines eigenes Glückes Schmied. Auf der anderen Seite trauen die Menschen einander mittlerweile alles zu. Und vor allem Negatives. Denn sie ahnen: Letztlich geht es in planlosen Zeiten wie diesen ganz besonders um Macht, Geld und die eigene Karriere. Da kennen sie sich selbst zu genau.
„Sicher,“ würden da jetzt unsere Eliten ausrufen, „worum soll es denn sonst gehen? Immer dieser Macht-Respekt. Jammert nicht so rum und verspielt nicht den Reichtum eurer Vorgängergeneration. In den Boomregionen dieser Welt gibt es ganze Generationen von jungen Menschen, die gerne das Steuer übernehmen.“
Das mag sein. Und hier funktioniert das „Vorbild-Sein“ im Sinne eines Karriere-Role-Models nach Robert K. Merton immer noch hervorragend. Das stärkt das Selbstwirksamkeitsgefühl (Albert Bandura) unserer aktuellen Eliten. Und ihrer Nachrücker. Aber es reduziert den Verständigungsschatz unserer Gesamtgesellschaft auf den kleinsten gemeinsamen Nenner eben aller parzellierten Role-Models: „Ich für mein Leben.“ Und wenn selbst eine einst so gesellschaftlich angesehene Berufsgruppe wie die Ärzte eine groß angelegte Imagekampagne unter dem Titel „Ich arbeite für Ihr Leben gern.“ starten muss, dann weiß eigentlich jeder, wie tief das Misstrauen gegenüber den Leistungsträgern und einstigen Vorzeigemitgliedern unserer Gesellschaft sitzt. Wer arbeitet schon noch für das Leben anderer gern? Eher für das Geld anderer, mag da durch die Mörderrgube namens Herzen geistern.
Glaubt man den soziologischen Untersuchungen zu den sogenannten Generationen „Baby Boomer“, X und Y, unterscheiden sie sich darin kaum.
Doch wer eine neue Gemeinschaft schaffen möchte, braucht nicht nur neue verdammt gute Geschichten, sondern eben auch Menschen, die sie verkörpern und leben.
Und genau hier liegt die Chance in der Einsicht, dass es eigentlich keine richtigen Vorbilder mehr gibt. Auch keine auf Zeit (Bundespräsident Joachim Gauck). Wenn alle der Lebensführung anderer und Eliten insbesonders keine Bedeutung mehr beimessen, dann sind wir fähig, uns von falschen Erwartungen zu befreien, Fehler zu machen und zu überraschen. Uns selbst und die anderen. Mit einem Leben, das im besten Sinne wertvoll ist und einen Bezug herstellt zwischen dem Ich und dem Wir. Sinn stiftet und Bedeutung.

So wird mit der Zeit aus einem eitlen Niemand ein verbindlicher Jemand.
Vielleicht entdecken die Menschen dann ja doch ihr Herz für Vorbilder wieder.
Und werden selbst welche. Ganz unbeabsichtigt. Und nebenbei.
Auch wenn dies eigentlich gerade nicht die Zeit der Vorbilder ist.
Sondern die Zeit von uns Menschen.
Eine gute Zeit.