türkis (c) Holger Homann

Du sollst dir ein Bild machen!

>> Abdruck eines Originalinterviews für THEO. Katholisches Magazin.de

Gewissheit, das war gestern. Heute hat ein diffuses Krisengefühl viele vor allem jüngere Menschen erfasst. Mehr und mehr stellen sie die Grundkonstanten der kulturellen Wirklichkeit infrage und erfahren sich als dem Leben, sich selbst und immer häufiger auch Gott entfremdet. theo-Redakteur Sven Schlebes sprach in Berlin mit Nicole Zepter, Chefredakteurin des Kultur- und Politikmagazin The Germans.

Frau Zepter, das Aprilcover Ihres Magazines The Germans zeigt das komplett verhüllte Gesicht einer jungen Muslima. Nur die getuschten Wimpern ihrer geschlossenen Augen sind zu sehen. Kommt vor der Rennaissance eines neuen Menschen seine zwischenzeitliche Abwesenhei
t?
Ob es eine Rennaissance des Menschen gibt, kann ich nicht beurteilen. Wir sehen hier einen Menschen verhüllt durch seine Kultur – und seine Religion. Beides steht im Vordergrund. Der Mensch ist nicht abwesend, im Gegenteil, er verstärkt sich durch das menschliche – seine Kultur und Religion. Dieses Cover hat im Internet eine große Begeisterung ausgelöst. Ich glaube, es liegt schlichtweg an der ästhetischen Kraft, die von der Frau auf diesem Cover ausgeht.

Aktuell spielen überall politische und künstlerischer Ausdrucksformate mit dem ästhetischen Bild vom Menschen, den Geschlechtern und den Kulturen. Besonders prominent: die Nacktaktivistinnen von Femen. Körper pur. Beginnt die Selbstvergewisserung des neuen Menschen im 21. Jahrhundert beim Körper?
Das hat es schon immer gegeben, es ist nur vielfältiger und durchdrungener geworden, weil heute jedem Menschen Bilder und Fotoapparate zur Verfügung stehen. Wir machen uns ständig ein Bildnis. Der neue Mensch im 21. Jahrhundert? Ich sehe keinen neuen Menschen. Nur eine sich ständig erneuernde Welt drumherum.

In der sogenannten Bloggosphäre beklagen vor allem viele Konservative das Aufkommen eines neuen Menschen »oben ohne« und verweisen damit auf die aktuelle Tendenz, das neue Menschenbild ohne Gott zu verfassen. Gilt nun der universelle Schöpfungsauftrag: Alles ist möglich?
Nun, alles ist möglich durch Gott. Ich sehe das etwas anders: Die Institution Kirche versagt in Ihrer Aufgabe, die spirituelle Leerstelle in der Gesellschaft zu füllen. Es gibt natürlich ein tiefes Bedürfnis nach Glaube. Die Kirche hat es jedoch nicht geschafft, dieser Ort für den Glauben zu sein bzw. zu bleiben.

Woran könnte es denn liegen, dass die frohe Botschaft des Christentums immer weniger miterzählt und -gelebt wird bei den aktuellen Debatten um eine gute Gesellschaft?
Ich kann nur mutmaßen: schlechte Presse? Schlechte Übersetzung des Christentums auf aktuelle Themen? Ich selbst sehe mich gezielt häufiger in buddhistischen Texten lesen als in christlichen.

Wer oder was bestimmt aus Ihrer Sicht gerade den aktuellen Menschenbilddiskurs?
Immer die Gesellschaft, in der wir leben. Die ist stark medial und auf Konsum ausgerichtet. Immer mehr Menschen hinterfragen den reinen Konsum, was ich persönlich sehr angenehm finde. Auch ich ziehe mich immer mehr aus diesen vermeintlich gesellschaftlichen Zwängen zurück.

Was erzählt der mediale Konsumdiskurs?
Die Konsumgesellschaft hat uns auf eine ständige Gegenleistung trainiert. Ich gebe das, bekomme dies. Das ist furchtbar anstrengend für alle. Ein erster Entzug wäre, einfach zu geben. Oder ohne Gegenleistung zu empfangen. Ein weiterer Schritt wäre, sich den Mechanismen, dem System zu entziehen. So bin ich von meiner herkömmlichen Bank zur GLS Bank, einer nachhaltigen Bank gewechselt.

Und was macht für Sie den Menschen zum Menschen?
Die Liebe. Die spreche ich aber Tieren oder Pflanzen auch nicht ab.

Im Berliner Postfuhramt beerbt das Unternehmen biotronic die Fotogalerie c/o. Ab sofort stehen hier technisch-synthetische Produkte wie Herzschrittmacher im Mittelpunkt, die zunehmend organische Körperteile ersetzen. Der Mensch auf dem Weg zur Menschmaschine. Teilen Sie den Respekt vieler Menschen vor dieser Entwicklung?
Keine Ahnung, in der Frage schwingt Befürchtung mit. Die habe ich nicht.

In der schwedischen Serie »Echte Menschen« leben humanoide Roboter, Hubots genannt,  mit uns »alten Menschen« zusammen. Eine Wunschvorstellung gerade vieler Techniker, die an der Entwicklung künstlicher Intelligenz im Zeitalter des Internets der Dinge arbeiten. Was halten Sie von dieser Vision einer neuen, intensiven Gemeinschaft von Mensch, Natur, Umwelt und Technik?
Das klingt nach Verschwörungstheorie und Angst. »Das Internet« gibt es nicht, die eine »künstliche Intelligenz« gibt es auch nicht. Wir erschaffen Begriffe und verstehen die Welt dahinter nicht, bzw. schaffen es nicht, die Begriffe souverän einzuordnen. Das finde ich bedenklicher als jede technische Erweiterung unseres Lebens.

Gott lebt. Das ist die Botschaft der Bibel. Und der Mensch ist sein Ebenbild. Aber auch der Mensch macht sich sein Bild von Gott. Seit einer Volkszählung 2001 in Australien geben vermehrt Menschen rund um den Globus als Glaubensrichtung »Jediismus« analog zur Star Wars-Welt an. Eine popkulturelle Neukreation. Was halten Sie persönlich von der Neukreation von Gottesbildern?
Ob Gott oder mehrere Götter, eine Macht, oder das Universum: Im Kern geht es immer um den Glauben. Ich habe nichts gegen Neukreationen, es gibt seit Jahrhunderten unzählige Götter, zu denen gebetet wird. Über die Ausrichtung und Auslegung der jeweiligen Religion kann man sicher streiten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Info: 
www.thegermansmagazin.com

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