kart1 will_cyclist (Flickr: Monks!) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons

Nicht von dieser Welt

>> Ursprungsfassung eines Artikel für das Magazin THEO 02/2013. Serie: Die grossen Orden. Mit freundlicher Genehmigung der Theo Unternehmensgesellschaft. 

Die Kartäuser selbst nennen sich liebevoll „die Söhne und Töchter des heiligen Bruno“ und folgen mit ihrem Weg seit über 900 Jahren einem spirituellen Ideal des christlichen Hochmittelalters: weltabgewand, schweigend, essenziell. Damit bilden sie einen Kontrapunkt zum Leben und zum Selbstverständnis unserer modernen Gesellschaft. Und sind zugleich durch ihre entschiedene Andersartigkeit für viele Menschen so reizvoll wie nie. Theo war zu Besuch in der Welt der Stille.

Auf die letzte Reise geht der Mensch nackt und allein. Das macht Angst. Auch wenn es der Gang nach Hause ist. In die Unmittelbarkeit zu Gott. Jedes Wort ist hier zu viel. Zu klein für das Unfassbare und zugleich zu grob und ungenau für die flüchtig-ewige Wahrheit. Vielleicht hat deshalb der Heilige Bruno, der Gründungsvater des Kartäuserordens, vor über 900 Jahren auf seinem Rückzug von der Welt auch das ursprüngliche Werkzeug der menschlichen Weltaneignung hinter sich gelassen, die Sprache. Tief wollte er in das ewige Geheimnis Gottes eintauchen und entledigte sich so gründlich wie möglich seiner situativ-irdischen Bedingtheit als Mensch. Nur ein Name sollte ihm das Echolot in der dunkle Nacht der Seele sein: Jesus Christus. Quasi ewig wiederholt bis die Gedankenflut verebbt und das eigene Herz frei wird das Unfassbare einzulassen. Bis heute ist das sogenannte Herzensgebet das Kernstück der Kartäuserspiritualität, die in ihrer alltäglichen Ausgestaltung auf die Kunst der absoluten Reduktion vertraut und alles auf eine Karte setzt: die Begegnung des Einzelnen in seiner deteminiert-konsturiert-begrenzten Welt mit dem, was alles ist und nicht: Gott. Ein Leben in vollkommener Selbstverantwortung und Offenbarung vor dem, der war, ist und sein wird. Und das bedeutet eben auch die Reduktion von allem, das ablenkt, verunreinigt oder hinter dem man sich verstecken kann: Rituale, Worte, Nahrung, Gemeinschaft. So ein Leben in Entschiedenheit ist nichts für fliehende Herzen und angstvolle Gemüter. Es ist das so vielzitierte Sterben im Leben, um das wahre Leben zu gewinnen. Ein Gang, der in seiner Befreiung – die Matrixfilme der Gebrüder Wachowski lassen grüßen – für wohl die meisten Menschen schmerzvoll ist und daher nur wenige anspricht. 370 Söhne und 75 Töchter des Heiligen Bruno leben heute in 24 Kartausen auf der Welt. Sie leben als Priester, Brüder und Schwestern und Donatoren ein rein der Kontemplation gewidmetes Leben. Doch für Rom sind sie das lang gereifte und damit unendlich kostbare Destillat eines lebendigen Christentums, das selbst kulturell ausgetrocknete Gesellschaftsböden transzendent wiederbegrünen kann. Mit großer Leidenschaft rief Papst Johannes II am 900. Gedenktag 1984 die Kartäusergemeinschaft dazu auf, sich auch ihrer Aufgabe und Bedeutung im Rahmen der christlichen Gemeinschaft bewusst zu werden und beim Aufbau der Weltkirche, besonders bei den jungen Kirchen in Asien und Südamerika, aktiv zu werden. Für einen rein kontemplativen Orden, der das kontemplative Eremitenleben in Abgeschiedenheit in den Mittelpunkt seiner Ausgestaltung gelegt hat, eine echte Herausforderung. Doch die Angehörigen des Kartäuserordens haben ihr Leben seit jeher auch als lebendigen Gottesdienst ohne Unterbrechung für alle Unbewussten auf die Welt verstanden. Vor allem diejenigen, die als Priester der Gemeinschaft sich voll und ganz einem Leben der inneren Anschauung und der Sakramentsspendung gewidmet haben. Ein klar strukturierter Alltag und ihre um den großen Kreuzgang angesiedelten Wohnhäusern mit üblicherweise jeweils einem Garten, einem Vorraum (Ave Maria), den Aufenthalts- und Schlafraum mit einem Bett aus Stroh und einer Kanne kaltem Wasser (Cubiculum), einem Gebetsstuhl (Oratorium) und einer Werkstatt (Laboratorium) schaffen zeitlich und räumlich einen Ort, um mit der Ewigkeit in Berührung zu kommen.
Eine Reglementierung, die für den Heiligen Bruno bei der Gründung der ersten Einsiedelei 1084 in Chartreuse, schon zu viel gewesen sein mag. Bewusst verzichtete er auf die Ausformulierung von Regeln und Vorgaben für das Gemeinschaftsleben. Er und seine ersten Nachfolger « …verharrten in der Schule des Heiligen Geistes und ließen sich durch die Erfahrung formen. Auf diese Weise erarbeiteten sie eine eigene Weise des Einsiedlerlebens, die den folgenden Generationen nicht schriftlich sondern durch das Beispiel überliefert wurde. » (Statuten I.1)
Zu deutlich hatte der 1930 in Köln geborene und später zum Rektor der Universität von Reims ernannte Bruno die Missstände eines übervollen Lebens vor Augen, das das Wesentliche jedoch aus dem Blick verloren hat. Sein Ideal einer Vereinigung mit Gott in „inniger Liebe“ (Statuten I.1) war die Herstellung von Umständen, die die individuelle Begegnung mit Gott ermöglichen konnten. In einsamer Freiheit, mit möglichst viel Gott. Und wenig Menschlichem. Sechs Getreue folgtem ihm in die erste Einsiedelei des Bischofs Hugo von Grenoble, besteht aus einigen Holzhütten, verbunden durch einen überdachten Gang, der es ihnen erlaubte, wetterunabhängig die Gemeinschaftsräume, die Kirche, den Speisesaal und den Kapitelsaal zu erreichen.
Doch Freiheit überfordert die meisten Menschen. Als nach sechs Jahren Bruno von Papst Urban II als Berater nach Rom berufen wurde, fehlte selbst den mutigen Einsiedlern das lebendige Beispiel und Herz ihrer Gemeinschaft und der Kartäuserorden stand noch vor seiner eigentlichen Anerkennung vor der Auflösung. Erst als Bruno mit Einverständnis des Papstes auch in den Wäldern Kalabriens in Süditalien eine neue Einsiedelei gründete und damit den ursprünglichen Geist der Gemeinschaft an einem zweiten Ort zum Leben erweckte, entschieden sich auch die Urgemeinschaft, das Experiment Kartause weiterzuführen. Als Bruno 1101 stirbt, ist der Anfängergeist noch lebendig. Doch rasch begannen sich auch in anderen Ländern Männer zur Lebensweise des Bruno zu bekennen, so dass 1127 der Heilige Guigo del Castel der größer werdenden Gemeinschaft ein schriftliches Regelwerk mit auf den Weg geben musste. 1170 fand der Orden, der seit 1147 auch einen weiblichen Zweig hatte, durch Papst Alexander III. seine offizielle Anerkennung und fand rasch Verbreitung in Europa.

Zu Beginn des 13. Jahrhunderts beteten in über 1100 Kartausen Männer und Frauen in Stillschweigen, Einsamkeit und in der Art einer eigenen Liturgie und Lebensart für die Kirche und das Heil der ganzen Welt. Auch wenn danach die Reformation, die Entstehung der Anglikalischen Kirche, die Aufklärung, die Säkularisierung und die Modernisierung des Lebens insgesamt dem Orden und seiner Lebensweise stark zusetzen, überdauerte das Ideal des Einsiedlerlebens im Rhythmus des liturgischen Jahres und der Jahreszeiten ohne jegliches Apostolat, den direkten Zugang zu Medien, regelmäßigen Verwandtenbesuchen und sämtliche Annehmlichkeiten des spätmodernen Lebens die Jahrhunderte. Ihre Beharrlichkeit bei der Wache auf die Rückkehr Jesu Christi (Brief an Raoul,4), der strenge und reduzierte Lebenswandel, ihre Erfolge in der Tier- und Pflanzenzucht (Kartäuserpferde, Kartäuserrose, Kartäusernelke) und vor allem die mangelnde mediale Greifbarkeit haben die Kartäuser längst weltweit zu einem Mythos als den Hort eines lebendigen Urchristentums der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemacht. Unter dem Schutz ihrer einzigen Patronin, der Gottesmutter Maria, und mit Jesus Christi im Herzen, sollen die Einsiedler aus den Bergen für viele Gläubige ein stabiler Fels einer erneuerten Kirche werden.

Doch die Kartäuser wissen: Nicht nur der letzte Gang in Einsamkeit ist schwer. Auch aller Anfang.
Allem innewohnendem Zauber zum trotz.
Mutige vor: Das entschiedene Leben wartet.
In Ewigkeit.
Amen.

Foto: Von will_cyclist (Flickr: Monks!) [CC-BY-2.0], via Wikimedia Commons