Garden_of_Kama_by_Byam_Shaw03 Bild: Byam Shaw [Public domain], via Wikimedia Commons

Ein Gott. Ein Wort: Liebe

>> Ursprungsfassung eines Texte für das Magazin THEO, 02/2013. Mit freundlicher Genehmigung der THEO Unternehmensgesellschaft.

„Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben”, sprach Christus. Und verließ diese Welt. Doch die Liebe, seine Art, in der Welt zu sein, blieb und wartet darauf, durch uns Menschen zum Leben erweckt zu werden. Theo hat sich in der Bibel auf die Suche gemacht nach der Kraft, die stärker ist als der Tod, und frei nach Erich Fromm fünf ganz unterschiedliche Spielarten entdeckt. Eine Typologie von Max Furet.

DIE MUTTERLIEBE
Die ursprünglichste Form der Liebe. Zumindest für uns Menschen. Denn mit ihr beginnt unser Leben auf dieser Erde. Neun Monate sind wir ein lebendiger Teil unserer Mutter, werden unterm Herzen getragen in absoluter Dunkelheit und brauchen uns um nichts zu sorgen. Sondern nur zu sein. Und zu wachsen. Alles ist da. Alles geschieht von allein. Verbunden über die Nabelschnur sind wir eins. Und werden doch zwei. Bis nach nach Monaten erst mal Schluss ist mit der totalen Unmittelbarkeit und der Schnitt durch den Nabel uns mit einem kräftigen Schrei in die Freiheit entlässt. Genug Zeit für das Kind, um das Leben selbst verdauen zu können, und für die Mutter, um eine Liebe zu entwickeln, die größer ist als die Angst um das eigene Leben und jegliches Besitzdenken. So lässt im Alten Testament die wahre Mutter vor Salomons Gericht den ursprünglichsten Anspruch auf das eigene Kind fallen und schenkt ihm dadurch das Leben. Ein Leben, in ihr entstanden und doch nicht für sie selbst. Sondern für das Kind, das Leben und letztlich Gott. Eine neue Partnerschaft mit ganz eigenen Regeln und einem eigenen ständigen Geltungsbereich. Diese Verwandlung von absoluter Nähe zur totalen Freiheit, selbst bis in den Tod: Das schafft nur eine Liebe, die größer ist als die Mutter selbst. Auch wenn sie ihren Namen trägt. Wer wüsste das besser als Maria, die Mutter Gottes?

DIE SELBSTLIEBE
Sie ist die wohl unverstandenste und missbrauchteste Form der Liebe: die Selbstliebe. Und doch der Nährboden für eine Liebe, die uns vorbereitet für eine Macht, die uns selbst überwindet und nach Hause führt: der Gottesliebe. „Alle Liebe dieser Welt ist die auf Selbstliebe aufgebaut“, erkannte der Mystiker Meister Eckhart und riss auf seinem Weg zum himmlischen Vater mit Wonne all jene Umgrenzungen des ICH ein, die er zuvorderst definitorisch aufgebaut hatte. Vom Ich zum Wir: Die meisten Mitmenschen verstanden seinen Weg nicht, und hielten ihn für verrückt. In der Bibel waren es aber gerade die sogenannten „wilden Menschen“ (Pater Anselm Grün), die eine starke und lebendige Beziehung zu sich selbst aufgebaut hatten und dadurch zu einem Gefäß wurden, das größer war als sie selbst: So wählte die Kanäerin Tamar nach zwei kinderlosen Ehen die List der Prostitution, um ihrem Recht auf Mutterschaft zum Ausdruck zu verhelfen. Sie sollte damit zu einer Vorfahrin Jesu Christi werden. Und Johannes der Täufer zog als Abkömmling einer Priesterfamilie das asketische Leben mit Honig und Heurschrecken einem Tempeldasein vor, um seine inneren Liebe als Wegbereiter des Messias leben zu können. So wird der sich selbst Liebende zum bewusst wilden und damit befreiten Menschen: frei, um wirklich Liebe geben und empfangen zu können. Das wichtigste Gebot, das Jesus Christus uns Menschen mit auf den Weg gab: „Liebt euren Nächsten wie euch selbst.“

DIE EROTISCHE LIEBE (EROS)
Sie hat die wohl größte Macht über uns Menschen: die erotische Liebe. Das Begehren des Nächsten mit Seele, Geist und vor allem dem Körper. Eine Urgewalt, die uns aus dem Paradies der naiv-unschuldigen Kindheit und in betörend riechenden Arme des Anderen treibt. Seit der Geschichte von Adam und Eva tun wir Menschen uns schwer mit richtigen Einordnung von Fleischlichkeit, Nacktheit und Erotik. Zu mächtig sind die Triebe, die uns zum Beischlaf animieren und jegliche Grenzen des Verstandes sprengen, als dass sie im zukünftigem Reich des Guten ein Zuhause haben könnten. Zu tierisch ist ihr Geruch und all ihrer Vertreter wie der Schlange, der Himmelsdämonin Lilith und der scharlachroten Braut des Tieres. Glaubt man der Moral, spielt sie mit Verführung und Gewalt, macht willenlos, führt zum „kleinen Tod“ und tanzt so mit dem Bösen. Dabei weist selbst die Bibel auf den verwandelnden Kern der körperlichen Liebe: Wenn aus dem Akt des Beischlafes ein Akt der Erkenntnis wird, entsteht neues Leben. “Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des Herrn.” (1. Mose, 4,1). Manche Mystiker sehen im Eros gar die eigentliche Triebkraft für die Wiedervereinigung der menschlichen Seele mit dem heiligen Geist und stilisieren so das Hohelied Salomos im Alten Testament zur lyrischen Vorbereitung auf die chymischen Hochzeit im himmlischen Zion. Wer will sich bei dem Gedanken nicht ganz und gar in Gottes Arme fallen lassen? „Mit Küssen seines Mundes bedecke er mich. / Süßer als Wein ist deine Liebe.“ (HDL, 1,2)

NÄCHSTENLIEBE (CARITAS)
Sie ist der Liebling des Christentums und für die meisten Theologen der wahre Kern der universellen Macht: die Nächstenliebe (Caritas). Als Schöpfungsgrund und -zweck zugleich und bildet sie das Alpha und Omega unseres Lebens – der Beginn, das Ende und den Neuanfang. Die Nächstenliebe führt an die Grenzen des eigenen ICH, überwindet die Höhen und Tiefen der erotischen Liebe und baut eine neue Art der Beziehung zum Anderen auf. So wird der Samariter fähig, selbst seinem Feind zu helfen und Heilige wie Franziskus von Assisi entdecken ihre innere Verwandtschaft mit „Bruder Sonne“ und „Schwester Mond“. Denn sie haben verstanden, was der aramäische Urtext des Liebesgebotes im Alten Testament (Levitikus 19,18) eigentlich besagen möchte: „Lieben deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ In der Caritas verwirklicht sich die Gottesebenbildlichkeit am deutlichsten und erinnert uns Menschen an das große Erbe, das wir seit Anbeginn aller Zeiten in uns tragen: in Nachfolge Jesu Christi zu Königen und Priestern Zions zu werden. Damit ist die Nächstenliebe Gottes universelles Geschenk, Aufgabe und Ziel zugleich. Eine Dreifaltigkeit der Liebe, die tief in unseren Alltag führt, ihn heiligt und unser Leben in einen Himmel auf Erden verwandelt. So verstanden wird dann selbst „Politik [zur] angewandten Liebe zum Leben“ (Hannah Arendt) und zur Erfüllung des ursprünglichen Schöpfungsimpulses: So warst du gemeint! Liebe eben.

Gottesliebe
Das Leben endet, wie es beginnt: in einem Akt der Liebe. Auch wenn wir Menschen das nicht immer verstehen. Denn beides liegt im Dunkeln und nicht in unserer Hand. Sondern in Gottes. Das macht Angst und fordert Vertrauen. So ist es kein Wunder, dass Gott für uns Menschen immer ein „Mysterium tremendum et fascinans“ (Rudolf Otto) ist: erregend und furchteinflössend zugleich. Hat Abraham seinen Sohn Isaak nun aus reiner Gottesliebe zum Opferaltar geführt oder war es vielleicht auch Gottesfurcht? In eine Liebesbeziehung mit etwas einzutreten, das größer ist als man selbst, macht die eigene Begrenztheit deutlich und erhebt zugleich. Gott liebt dich. Am Anfang. Am Ende. Und mitten drin. So sehr, dass er sich selbst der Begrenztheit unterwirft und zum Menschen wird. Um zu lieben und für uns Menschen liebbar zu werden. Ein Geschenk, das auf seine Annahme wartet und vergessen lässt, wer hier eigentlich wen liebt. Sondern ist, was es ist: Liebe eben.

Bild: Byam Shaw [Public domain], via Wikimedia Commons