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Liebe(r) konkret: Schöne, neue Körperwelten

Originalfassung eines Textes für die Kolumne “Liebe(r) konkret” des Fortschrittforums. Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
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o: Sven Schlebes


„Mens sana in corpore sano“ wusste schon der Römer und stählte seinen Körper und seinen Geist fürs persönliche und allgemeine Staatswohl. Der Chinese ging noch einen Schritt weiter und leitete umgekehrt aus den funktionierenden Kommunikationswegen des Reiches die Energielinien und Akupunkturpunkte für den Individualkörper und seine Gesundheit ab. Vielleicht sollte Politik im 21, Jahrhundert doch wieder den vollen Körper ins Spiel bringen, findet unser Kolumnist Sven Schlebes und beginnt den eigenen fit zu machen für vollkommen neue Welten.

Ich liebe meinen Körper. Auch wenn er das vielleicht nicht immer merkt. Bei dem ganzen Gejunkfoode und Dauergefacebooke. Ohne Luft, Bewegung, Vitamine. Aber er erträgt alles in stoischer Gelassenheit. Bis zum Frühjahr. Wenn ich wieder mit dem Rumgejogge anfange. Dann beißt mich sein Kater und zerrt mich an den Wegesrand. So geschehen letzte Woche. Im Grunewald. Tolle Strecke. Tolle Luft. Toll gemacht. Zum Glück erwischte es mich in der Nähe eines Krankenhauses. Ich humpelte die Strecke und ließ mich erschöpft ins Wartezimmer fallen. Fliederfarben. Willkommen auf der Geburtsstation. Noch dazu auf einer anthroposophischen. Während ich auf den Sprechstundenarzt wartete, las ich einige der säuberlich ausgebreiteten Magazine. Mein ganz persönlicher Zehn-Minuten-Einstieg in die Anthroposophenwelt hatte begonnen.

Wussten Sie, dass die Anthroposophie davon ausgeht, dass ein Mensch drei Körper ausbilden und bewohnen muss? Den Materiekörper, den Ätherleib und den Astralleib. Für jeden hat er sieben Jahre Zeit: Bis zu seinem siebten Geburtstag zieht die Seele in den Körper ein, der aus den Bausteinen der Eltern zusammengesetzt ist. Und dieser Einzug ist anscheinend beileibe kein Hochamt, sondern gleicht eher einem Säuberungsfeldzug. Denn die biologischen Nachlassenschaften der Eltern lagern nicht nur draußen in Salzlagerendstätten im Wendland, sondern eben auch in der DNA und den neugebildeten Zellen. Und gegen dieses geballte Paket an Erfahrungen, Giftstoffen und sonstigen Geschenken geht die Seele laut Anthroposophen vor. Von außen betrachtet heißt das: Krankheiten durchschütteln den Körper. Ein Aneignungprozess im Fiebersturm. Mit seinem siebten Lebensjahr beginnt der junge Mensch dann, sich eine eigenständige Gedankenwelt (Ätherleib) aufzubauen, die im Alter von 14 um eine emotionale Welt (Astralleib) ergänzt wird. Beides geschieht in hoher Pendelfrequenz zwischen dem Außen- und dem eigenen Innenleben. Erst wenn alle drei Körper in Gänze aufgebaut sind, hat die Welt laut Anthroposophie einen reifen, gesunden, in sich selbst ruhenden, starken, freien und sich weiterhin selbst entwickelnden Erwachsenen mehr.

„Krude Theorie“, möge Sie denken. Mag sein. Doch nicht ganz so schnell geistig abklappen, bitte. Es koennte interessant werden. Diese Individualkörpertheorie hat Schnittmengen mit der Sozialkörpertheorie der Organisationspsychologie. Nur heißt das hier alles etwas anderes: Funktionierende Gemeinschaften verfügen über eine materielle Struktur, ein gemeinsames Relations-, Kommunikations- und Bedeutungssystem (genannt: Kultur) und eine gemeinsame, emotionale Erfahrungs-, Sinn- und Wertewelt. Fehlt eine Ebene oder ist nur schwach ausgebildet, krankt die Gemeinschaft. Und damit wären wir bei unserem Megathema: Dem deutschen Traum und einer Gesellschaft von Gemeinschaften, die ihn träumt, bzw. die ihn nicht träumt. Noch nicht. Weil sie bewusst noch nicht existiert, diese neue deutsche Gesellschaft. Denn diese bräuchte zumindest starke, sich selbst bewusste Gemeinschaften (Milieus, Subkulturen, Familien). Aber auch hier stehen die Zeichen eher auf stille Auflösung oder starre Verhärtung als auf lebendige Weiterentwicklung. Weil die Menschen, die ihre Körper ausbilden, um im Bild der Anthroposophen zu bleiben, aus verschiedenen Gründen selbst nicht mehr wachsen. Oder eben ohne die Gemeinschaften anderswo wachsen und so aus der Sozialkörpereinheit herausfallen.

Ein Beispiel: Ein Mensch wächst als Mitglied eines Schützenvereins auf. Er ist materiell Mitglied der Struktur, lernt die Kultur und das Glaubenssystem und erschafft über die Rituale und Feste gemeinsame Erfahrungen. Er bewohnt nach anthroposophischer Theorie alle drei Sozialkörper: Er hat als Teil der Gemeinschaft sowohl seinen eigenen Körper als auch die der Gemeinschaft in der tagtäglichen Begegnung bezogen und angeeignet.

Bis hierhin wirkt vor allem das Marxsche Diktum: „Das Sein beeinflusst das Bewusstsein.“ Und dann schliesst der Mensch seinen Bausparvertrag ab und spielt das gelernte Spiel, bis der Sargdeckel knallt: So lief es eine lange Zeit. Doch in Zeiten wir diesen trifft unser Beispielschütze auf Gemeinschaften und Menschen anderer Art. Er lernt neue Gültigkeitssysteme kennen. Macht andere Erfahrungen. Er bleibt weiterhin physisch Mitglied der Struktur „Schützenverein“, erweitert jedoch seinen geistigen und emotionalen Körper ausserhalb der Gemeinschaftsgrenzen. Das Ergebnis: Der Schützenbruder wird zum Patchwork-Künstler seiner eigenen Körperwelten. Wenn es gut läuft, ist er stark und selbstbewusst. Wenn es schlecht läuft, ist er „lost in transition“. Manchen gelingt dann der Aufbau eigener, neuer Gemeinschaften, andere suchen den Weg zurück zur alten Gemeinschaft in der Hoffnung auf „körperliche“ Nähe. Doch nur selten greifen hier die romantischen Vorstellungen von einer spontanen, gegenseitigen erneuten Verliebtheit. Das Fremde auf beiden Seiten, der Gemeinschaft und dem Heimkehrer, überwiegt. Besonders dann, wenn einer der beiden stärker geworden ist.

Wenn die neue Partnerschaft halten soll, müsste laut Körpertheorie der gemeinsame Aufbau aller drei Ebenen neu beginnen: der strukturellen, der geistigen und der emotionalen Ebene. Doch brauchte früher in Zeiten starrer Hierarchie vor allem das Individuum die Sozialkörper auf allen drei Ebenen, um überleben zu können, hat sich im Netzwerk das Blatt gewendet: Hier braucht vor allem die Gemeinschaft die geistigen und emotionalen Körper des Individuums, um dauerhaft den strukturellen Körper aufrecht erhalten zu können.

Laut Anthroposophen bezieht die Individualseele eines Kindes den Kollektivkörper seiner Eltern und macht ihn sich zu eigen. Unter Fieberhitze. Aus dieser Perspektive gesehen wäre es geradezu himmlisch, wenn die kommenden Jahre mit Konflikten gesegnet wären. Es wäre das Zeichen der Wiederaneignung von immer noch wirkmächtigen Gemeinschaften durch starke Individuen, die ihre solitäre Freiheit in einer neuen Art von Partnerschaft aufgehen lassen, um für Gemeinschaften und damit später auch für die große Gesellschaft zur Verkörperung neuer geistiger und emotionaler Wahrheiten zu werden.

An dieser Stelle würden dann auch die ideologisch unbedenklichen Neurobiologen wieder zustimmen: Das menschliche Gehirn entwickelt sich weiter, in dem es neue neuronale Brücken baut und dabei vor allem Neues relational mit der (vergangenen) Erfahrung abgleicht. Zwar könnte es dann auch direkt von A zu C (inhaltlich gesprochen) springen und eine gänzlich neue Verbindung aufbauen.  Die menschliche Logik aber scheint einen sinnhaften Anschluss beider Neuronenpunkte zu benötigen (was auch immer dies sitiuativ bedeuten mag). Und so braucht das Netzwerk-A dann doch irgendwie das B auf dem Weg zum C: Als “missing link”. So funktioniert das mit den neuronalen Netzen. Für Gemeinschaften bedeutet dies, dass nur einer von ihnen Grenzen sprengen und erweitern kann. Weil er einer von ihnen ist. Eben ein Fleisch und ein Blut. Anthroposophisch gesprochen. Der lebendige “missing link”.

Eine Struktur. Eine Sprache. Ein Erfahrungskosmos.

Bevor wir eine neue sich selbst bewusste deutsche Gesellschaft aufbauen können, brauchen wir also starke Ichs, die heimkehren: in eine alte oder neue Gemeinschaft. Neue soziale Körper aufbauen und so das Land für den großen Tanz bereit machen: in ganzer Körperlichkeit. Und eben nicht nur im Reich der Wissensgesellschaft.

Wenn wundert es da, dass die neuen Protestformate vor allem auf blanke Brüste setzen?

Welch’ herrlich neue Körperwelten …

Foto:  Jacob Appelbaum (originally posted to Flickr as Love in Wiesbaden) [CC-BY-SA-2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons