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Liebe(r) konkret 19: Mitte, bitte? Nein, danke!

Die Menschen lieben die Mitte. Hier wollen alle hin. Nicht nur in Berlin. Auch in der Politik und der Spiritualität. Mäßigkeit ist die offizielle Toptugend des 21. Jahrhunderts. Das bittere Resultat einer schwachen Umsetzung: Gelebte Mittelmäßigkeit. Und die ist der aktuellen Zeit gegenüber eine demütigende Frechheit. Findet Kolumnist Sven Schlebes und singt ein Loblied auf die Großartigkeit.

Ja, wir wissen es: Wandel ist immer. Aber dieses Verteidigungsmantra der Struktur- und Ideologiekonservativen verschweigt, dass manchmal mehr Wandel ist als sonst. Wasser dümpelt ja zum Glück nicht immer so modrig dahin wie in der totbetoniertbegradigten Spree. Sondern da gibt es Stromschnellen und Wasserfälle. Das sind die neuralgischen Flußpunkte, an denen Sauerstoff ins Gewässer kommt. Und damit neues Leben.

Wir leben zum Glück in einer Zeit des Wasserfalls. Das ist eine Gande. Auch wenn viele rumjammern und sich im Fass verstecken, um den Sturz zu überleben. Damit sterben sie jedoch schon, bevor ihre selbstgezimmerte Weltbildtonne am nächsten Vorsprung zerschellt. Denn um mit Friedrich Schiller, immerhin der Gebärmutter unserer Europahymne, zu sprechen, gilt es, dieses „Window of opportunity“ zu nutzen: „Eil, in die Furche der Zeit, Gedanken und Thaten zu streun, Die von der Weisheit gesät, still für die Ewigkeit blühn…

Denn nur manchmal reißt der Vorhang konsensueller Wirklichkeitswahrheiten so gründlich wie jetzt und gibt die Möglichkeit, tief in das Wesen der Menschen einzudringen, um Samen zu setzen für neue Welten oder sich die Früchte gereifter Welten einzuverleiben. Allen berechtigten Hoffnungen und wilder Thesen auf den neuen Menschen und sein neues System in Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Nachhaltigkeit und – natürlich – der Liebe zum Trotz wird sich die Alternativlosigkeit irgendeines Systems durchsetzen. Ob es das alte sein wird oder ein neues, sei dahingestellt. Aber der Hymnus um Fülle, Redundanz, freies Spiel und Miteinander wird verstummen. Vorerst. Vielleicht erneut für 100 Jahre. Denn dann schlägt wieder die Stunde der Umsetzung, der Prozessoptimierer, der Lenker, Leiter und Strukturierer. Dauerhafte Revolutionen vertrocknen ja bekanntlich früher oder später dann doch im entleerten Rum-Glas. Und da die meisten Menschen eben noch meilenweit weg sind vom cokreativ-selbstbestimmten Miteinander auf verantwortungsvoller und achtsamer Ebene, wird dieser Prozess sehr viel vom bisherigen Weg haben. Denn die, die aktuell nicht haben, was andere schon lange hatten, wollen auf gar keinen Umständen verzichten, sondern auch haben. Das ist ihr Fortschritt. Koste es, was es wolle. Und es gibt keine normative Grundlage, Ihnen das abzusprechen. Und zum Hunger nach Mehr gesellt sich die Müdigkeit der Dauertransformation. Ein Blick durch Europa genügt: Die meisten Mitreisenden unseres Kontinents sind jetzt schon überfordert mit allen Neuerungen: „Pause, bitte!“ der Schlachtruf aller im Fortschrittsstrom Ertrinkenden.

Das ist alles nicht Schlimm. Wir Menschen sind Menschen sind Menschen. Aber: In Zeiten wie diesen sind Leuchttürme gefragt, die groß sind, hell und klar. Vielleicht werden sich um sie herum riesige Hafenstädte ansiedeln, vielleicht werden sie beim nächsten Sturm scheitern und zerbrechen. Das ist – so inhuman das klingen mag – zweitrangig. Wichtig ist, dass jetzt Samen gesät werden, die Utopia beinhalten. Denn sie sind das Licht am Ende der Reise, das im Dunkeln leuchtet. Auch wenn das im Karmalauf des Universum zig Menschenleben erfordern sollte. Wer jetzt lebendig aktiv (und nicht nur rhetorisch) wagt, zündet dieses Licht an. Für Generationen. Wer falsch verstanden lieber gemäßigt aber unverändert in der Mitte auf den neuen Tag wartet, verwirft diese Chance und verlöscht als kleines Licht im ephemeren Zeitenstrom.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht nicht um neue taubendreckbeschissene Denkmalleben. Sondern um inkorporierte echte Großartigkeit des möglichen Lebens.

Nicht in playback. Sondern live!

Offsession eben. Und die hat jetzt begonnen.
Wer macht mit? The stage is yours!

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Veröffentlicht auf: www.fortschrittsforum.de. Autoreneigenpublikation mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Foto: (c) Alina Edged