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Liebe(r) konkret 17: Gescheit scheitern!

Den Movern und Shakern gehört die Welt? Mag sein. Aber gebaut wird die auf den Schön-Wetter-Veranstaltungen entworfene zukünftige Welt von den im herkömmlichen Sinne Gescheiterten. Denn die haben nichts mehr zu verlieren. Und damit ein leichtes Reisegepäck. Eine teure Erkenntnis von FoFo-Kolumnist Sven Schlebes.

Macher suchen alle. Macher sind alle. Denn Machen schafft. Vor allem einen Vorteil. Und damit Macht. Machen ist das Selbstverständnis aller Alphatiere. Und wenn es nicht so läuft, wie geplant, wird der Macher eben ausgetauscht. Denn die Botschaft jedes erfolgreichen Laden’s lautet immer: „Schaut her! So wird’s gemacht!“ Das ist im Sport so, in der Wirtschaft und der Politik.
Leider verkommt das Machen häufig zum Selbstzweck und zum Selbstbetrug der Mover und Shaker. Eine ganze High-Potential-Beratungsindustrie hat das Dauer-Machertum zum Selbstverständnis gemacht. Und wer nicht 12 per Day mitmacht, fliegt durch das Stundenkontennachweisbuchungssystem.
Da, wo aber wirklich Machen gefragt ist, nämlich bei der Umsetzung der entwickelten Innovationen für eine neue Welt, ist bei den Systemikern kein Zug mehr drin bei der Realisation der gemachten Vorschläge. Denn hier steht das Machen dem Gemachten gegenüber. Und damit die neuen Macher den alten. Auch wenn es dieselbe Person sein sollte. 180 Grad-Wende werden solche Manöver genannt. Aus neurobiologischer Sicht bieten die Hirnwindungen erst mal nicht genug logische Anschlussmuster für ein nahtloses neues Handlungsmuster. Und der Erfolg von morgen ist nicht der Erfolg von gestern. Das klingt nach den üblichen Neujahrsansprachen von Vorstandsvorsitzenden und Motivationstrainern. Das Hohelied auf alte Werte und eine schöne neue Welt. Und den Zustand der situativen Bedingtheit. Es ist, was ist. Und ist schon immer „jut jejange“. Weil: „Reden hilft.“ Und verkauft sich gut. Ohne wirkliche Gefahr und Wirksamkeit. Für 90% Prozent von uns genug Veränderung.
Gleichzeitig gibt es aber immer mehr Initiativen, die die Möglichkeitsszenarien zur Wirklichkeit werden lassen. Noch im Mikrokosmos. Aber wer genau hinsieht, unter dem Radar, kann sie entdecken. Per pedes am besten. Denn dann hast du die richtige Geschwindigkeit, um dich auf Tiefentwicklungen einzulassen, die unter der NEON-CSR-Reklame deutlich werden und echte Wurzeln haben. Und damit eine echte Zukunft.
Die meisten dieser Initiativen sind dort zuhause, wo der klassische Macher meist nicht sein Leben verbringt. Und sie werden von Menschen gelebt, die nicht dem aktuellen Karriereschema entsprechen. Weil sie vorher schon durchs Raster gefallen sind oder sich haben fallen lassen. Zurück bleibt toter und hinderlicher Schnickschnack: Titel, Ansehen, hohe Rundumversicherungen, alte Freunde, alte Lebensgewohnheiten, alte Weltsichten und Sicherheiten jeglicher Art.
Aus Sicht der Gerasterten ein hoher Preis. Für die Gefallenen ein enormer Gewinn. Wenn er denn als Gewinn wahrgenommen und genutzt wird. Denn wer im klassischen Sinne nichts mehr zu verlieren hat, kann ewig depressiv sein oder: Gewinnen. Zu neuen Einsichten kommen und diese entschieden leben. Das ist keine neue Erkenntnis: Feldherrn und Revolutionäre jeglicher Couleur haben ihre Bewegung auf der Dynamik der „Niedrigsten“ aufgebaut. Mit mehr oder weniger „Überzeugungshilfe“ bei allen Nicht-Einsichtswilligen. Lange wollte ich persönlich es nicht wahrhaben, war überzeugt von der Evolutionskraft der klassischen Gewinner und habe mich gegen eine scheinbar moralische Überlegenheit der Underdogs gewährt. Bis ich selbst das erlebte, was der Golfer Bernhard Langer die Gravitationskraft der Erfolgstechnik nannte: Je erfolgreicher du einmal mit einer Technik (Weltsicht etc.) bist, um so mehr wehrt sich diese alte Technik gegen das Erlernen einer neuen, besseren.
Komischer Weise akzeptieren das alle Menschen auf dem technischen Sektor: Hier heißt auch bei den ältesten Männern die Devise im deutschen Autowunderland: „Vorsprung durch Technik.“ Auf der Ebene des Miteinanders (von Menschen und Mitwelt) ist dagegen meist immer noch die Sozialtechnik der Kindheit festplattenrelevant.
Besonders deutlich wird mir dies immer bei Gesprächen mit Menschen, die in Verbänden arbeiten, bei Parteien und in Großunternehmen. Am Ende eines langen Tages nicken alle Anwesenden zu den erarbeiteten Thesen. Aber wenn es dann darum geht, diese aktiv zu kommunizieren und umsetzen, werden Verhinderungsarien al Presto vorgetragen. Auf einmal haben alles was zu verlieren, wollen ihrem Chef nicht widersprechen, müssen auf veröffentlichte Meinungen achten oder das nächste AC für den neuen Projektjob querfinanziert aus öffentlichen Töpfen und von wichtigen Projektpartnern. Nur einmal bekannte einer dieser Systemsöldner offen: „Wir müssen den Menschen da draußen auf der Straße ja dankbar sein, dass die auf Veränderung drängen. Sonst würde sich ja gar nichts ändern.“ Da draußen hieß hier vor allem: „Die Gescheiterten.“
Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar, wo das wirkliche Machtmomentum im Sinne von Gestaltungsfreiheit und Umsetzungsdruck wirklich liegt. Doch mir ist es enorm schwer gefallen, bewusst durchs Raster zu gehen und mich auf den Weg zu machen.
Synchronizität sei dank, rief mir erst kürzlich einer meiner alten Lehrer, Helge Timmerberg, in seiner BamS-Kolumne die wichtigste Eigenschaft für Langstreckenreisende wieder in Erinnerung: Reduktion. Sie „brechen von Zahnbürsten den Stiel ab, um Gewicht zu sparen, die reißen aus ihrem Buch die Blätter heraus, die sie gelesen haben, die schneiden aus ihren Landkarten die Teile weg, die sie bereits gegangen sind, die reduzieren das Notwendige auf das Notwendigste und das Notwendigste auf das Allernotwendigste, bis sie am Ende nur noch vier Kilo tragen.
Das ist scheinbar nur äußerlich gemeint. Wer Helge kennt, weiß: Vor allem aber auch innerlich.
Wer gesegnet ist, wird vom Leben zu dieser Reduktion gezwungen. Scheitert am Raster und wirft es mit samt seinen Gratifikationen weg. Heilige sollen das sogar alleine schaffen. Ich bin erst mal froh, im besten Sinne wieder Straßenkind zu sein und damit auf freiem Fuß.
Ob das gescheit ist oder einfach nur gescheitert – das wird sich in vielen, vielen Jahren zeigen.

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Veröffentlicht auf: www.fortschrittsforum.de. Autoreneigenpublikation mit freundlicher Genehmigung der Friedrich-Ebert-Stiftung.
Foto: (c) Alinka