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Sehenden Herzens

// Ursprungsfassung eines Artikel für THEO. Katholisches Magazin, 04/2012 (August 2012). Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Theo Unternehmensgesellschaft. Foto: Wikipedia.

Wer Franziskus verstehen wirklich verstehen will und seine Botschaft der universellen Verbundenheit im Gesang der Geschöpfe, sollte sich mit Klara von Assisi beschäftigen. Denn die angeblich erste Frau, die dem Heiligen folgte, gründete nicht nur mit ihm zusammen den zweiten franziskanischen Orden, den der Klarissen, und legte so den Grundstein für die verschiedenen Ordensgemeinschaften der Franziskanerinnen des dritten Ordens. Sie ergänzte durch ihr kontemplatives Werk das Wirken ihres Bruders im Geiste und wies ihm an Ende seines eigenen Lebens sogar den inneren Weg zur mystischen Vermählung mit Jesus Christus. Ihr eigenes Bild wurde für Franziskus zum fehlenden Puzzlestück für seine innerliche Gesamtanschauung. Grund genug für Theo, diesmal den Frauen der franziskanischen Gemeinschaft durch die Ordensgeschichte zu folgen und ein Gefühl zu bekommen für ein weibliches Leben in der Nachfolge Jesu Christi.

Auf den ersten Blick ist es eine komplizierte Geschichte, die Sache mit den Frauen in der Nachfolge von Franziskus von Assisi und damit des Herrn Jesu Christi: Denn unter dem Begriff Franziskanerinnen versammeln sich zunächst einmal eine ganze Reihe von römisch-katholischen Frauenordensgemeinschaften, die in ihren Statuten vor allem der Drittordensregel des Heiligen Franziskus folgen und damit definitorisch innerhalb der franziskanischen Gemeinschaft mit den Laienkongregationen zusammengefasst werden: Die Mitglieder, Terziaren genannt, sind Laien, die Anteil an dem Verdienst eines Ordens habe, jedoch aktiver Teil der äußerlichen Welt bleiben. Jede besitzt eine eigene Geschichte und die meisten sogar eine eigene Gemeinschaftsregel. Ihre Größe variiert enorm und die Art ihres Zusammenlebens reicht von einer einfachen Wohngemeinschaft auf Zeit bis hin zu Kongregationen, die im Klosterleben ihre Erfüllung gefunden haben. Nachdem fast alle im 13. und 14. Jahrhundert vorrangig aus der Armutsbewegung entstandenen franziskanische Frauengemeinschaften im 30jährigen Krieg ausgestorben oder während der französischen Besatzungszeit aufgehoben worden sind, fand mit Ende des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert eine Wiederbelebung des sozial-caritativen Frauenbewegungsgedanken statt.

Oft waren es einzelne Gemeindepriester, die mit der Gründung dieser Franziskus nacheifernden Kongregationen gerade jungen Frauen, die im christlichen Sinne mittun wollten an der neu entstehenden Welt, eine andere Art der Heimat zwischen Bürgerhaushalt, Salonleben und klassischem Ordensleben gaben. Orientierung bot hier die Drittordensregel des Franziskus und eine Veränderung des Kirchenrechts ermöglichte den neu entstehenden Gemeinschaften, als Gesellschaften Apostolischen Lebens nicht den juristischen Diktionen einer Ordengemeinschaft zu unterliegen. Denn zentrales Anliegen der „neuen Frauen“ war nicht mehr das beschaulich-kontemplative Klosterleben auf dem Land. Mit der neuen Zeit drängten sie hinaus in die Welt, um in Zeiten der gesellschaftlichen Modernisierung dem sozialen Elend vor allem in den Städten zu begegnen.

Doch genau dieser Wunsch, ein Teil der neuen Welt zu sein und in lebendiger Partnerschaft mit Gott zu leben, eint die Frauen, die sich über die Jahrhunderte im Selbstverständnis des Franziskus als sogenannte Franziskanerinnen zusammengeschlossen haben, mit den Angehörigen des eigentlichen Frauenordens der franziskanischen Gemeinschaft, den Klarissen, dem sogenannten zweiten Orden des heiligen Franziskus. Denn über Franziskus und in Nachfolge Jesu Christi wollen beide Strömungen frei und dadurch neu im ganzheitlichen Sinne. Nur dass die mittlerweile mythenumwobene Klara von Assisi hierfür einen streng kontemplativen Weg wählte in strengster Klausur, um in der betenden Versenkung dem Dienst für die gesamte Menschheit nachgehen zu können. Franziskus nicht unähnlich kam auch Klara aus reichem Hause. Im Alter von 18 verließ sie nach dem Kontakt mit Franziskus ihr Elternhaus und beschloss, ebenfalls ein Leben in völliger Armut und vollkommener Nachfolge Jesu Christi zu führen. 1211 weihte Franziskus sie in der Kirche Maria von den Engeln ihrem neuen Leben, übergab ihr das Ordenskleid und schnitt der Legende nach ihre langen Haare ab. Während vor allem die Männer aus Klaras Familie sich vehement gegen diesen Schritt wehrten, tat es zu Überraschung ihres Vater ihre Schwester Agnes nach. Das neue Leben im Orgendsgewand außerhalb des adeligen Frauenturms war als Angebot reichhaltiger als jedes Burgfest mit Tanz und Buffet. Denn gerade die mit der Poesie, der Erotik und dem sehnsüchtigen Verschmelzungsgeheimnis der Minne aufgewachsenen adeligen Frauen sehnten sich nach einem innerlich übervollen Leben durch eine allesumfassende Liebe. Und das gelebte Vorbild für eine tiefe Partnerschaft dieser Art lebte Franziskus in seiner Ver-Rücktheit vor. Schon bald strömten so viele Frauen zu Klara und Franziskus, dass das Benediktinerkloster Sao Paolo bei Batista, die erste Heimat der späteren Klarissen, schnell zu klein wurde. Ein eigenes Kloster nur für die Frauen um Klara wurde gegründet: San Damiano. Hier lebte die erste Gemeinschaft, zunächst bekannt unter dem Namen „Damianitinnen / arme Frauen bei San Damiano“ und streng abgeschirmt von der Aussenwelt nach der von Franziskus und Klara herausgegebenen ersten Ordensregel, Jesus Christus zu beobachten durch in Leben in Gehorsam, ohne Eigentum und in Keuschheit. Diese Radikalität überforderte die damalige feudale Gesellschaft und so dauerte es bis zum Jahr 1228, als Papst Gregor IX dem Klarissenorden „das Privilegium der Armut“ endlich bestätigte.

Die strenge Abgeschiedenheit und diese inhaltliche Radikalität der Frauen um Klara von Assisi haben die Menschen seitdem irritiert und fasziniert. Auch wenn kein Besuch auf San Damiano erlaubt war, wurden schon bald Mythen über Wunder und Heilungen innerhalb der Klostermauern erzählt. Und spätestens, nachdem Franziskus von Wundmalen gezeichnet seine eigene Bruderschaft verließ und bei Klara Obdach suchte, begann die Verklärung eines mystischen Paares auf dem Weg zum Reich Gottes. Und das „ohne etwas Eigenes“ und „allem innerhalb und außerhalb der Welt untertan“. Noch heute für die meisten Menschen unvorstellbar. Denn es ist diese radikale „Entmythologisierung der materiellen Güter“, die die Herzen befreit von den Sorgen und Nöten und auf macht für den Nächsten. Setzte Franziskus auf den Frieden mit und in der Welt, so wählte Klara das Gebet. Und der Legende nach erkannte Franziskus am Ende seines Lebens im Abbild der in Gott versunkenen Klara, seinen eigenen Weg der persönliche – ekstatischen Begegnung mit Jesu Christi als seine Braut.

So ist das Erbe der heiligen Klara von Assisi, das die Klarissen bis lebendig halten, vor allem das der aufgehenden Einheit. Ihr Weg ist bis heute ein stiller. Vor allem aber ein liebender. Wer ihn gehen möchte, braucht ein sehendes Herz. Und um das ist es in unserer heutigen Welt sehr still geworden.

Könnte es sein, dass genau hier ein Neuanfang möglich ist?

In der Stille?

Buchempfehlungen:
Das Leben der Klara von Assisi. Sei gepriesen, weil du mich erschaffen hast (Taschenbuch). Von Martina Kreidler-Kos, Martina Kreidler- Kos.
Klara und Franziskus: Bilder einer Freundschaft (Taschenbuch). Von Anton Rotzetter.
Leben und Schriften der heiligen Klara von Assisi (Taschenbuch). Von Marianne Schlosser, Engelbert Grau.

Übersicht einer Liste von franziskanischen Frauengemeinschaften: http://de.wikipedia.org/wiki/Franziskanerinnen

Kontakt zu den Klarissen:
Föderation „Caritas Pirckheimer“ der deutschsprachigen Klarissen
Sr. M. Bernadette Bargel OSC
St.-Klara-Platz 2
47623 Kevelaer
Tel: 0 28 32/7 05 52
E-Mail: foederation (at) klarissen.de

Kontakt zu den Franziskanerinnen:
Provinzialat der Franziskanerinnen vom Regulierten Dritten Orden des hl.
Franziskus
St. Mauritz-Freiheit 44
48145 Münster
Tel: 02 51/93 37-6 45
Fax 02 51/93 37-5 88
E-Mail: info (at) franziskanerinnen-muenster.de

Weitere Informationen:
www.klarissen.de
www.franziskanerinnen-muenster.de
http://www.orden-online.de/wissen/k/klara-von-assisi/
http://www.klarissen.net
http://de.wikipedia.org/wiki/Klarissen

 

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  1. By Einheit im Gesang der Schöpfung : theo. Katholisches Magazin 20 Aug ’12 at 13:52