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Liebe(r) konkret: Wieder bestrumpft in Blau, liebe Frau?

Veröffentlicht auf: www.fortschrittsforum.de

Der Dalai Lama hat’s geweissagt. Die westliche Frau wird im 21. Jahrhundert die Welt retten. Unser Kolumnist Sven Schlebes hat nachgeschaut, ob die Weltretterinnen schon den Kampfesstaub aus der Revolutionsklamotte schütteln oder lieber nochmal ihre Mails checken.

Vorweg: In Sachen Frauen bin ich ein gebranntes Kind. Daher ist diese Kolumne natürlich Aschepoesie – mit dreckigem Zeigefinger in den Laptop gekloppt. Früher war meine Mama die Göttin. So wie es sich für einen ordentlichen Sohn mit angemessenem Ödipalkomplex gehört. Die Welt und ihre Lauf hörte an der Haustür auf. Und drang lediglich gefiltert in Form meines Vaters in den mittäglichen Diskurs. Angereichert durch den Basissud aus überregionalen Tageszeitungen, diverse Vorabendserien und – die Bibeln der bürgerlichen Frau: Brigitte, Für Sie, später brachte dann meine Schwester die Young Miss mit nach Hause, die Vogue, Bravo Girl, und ganz später auch mal ein Greenpeacemagazin. Viel später. Gierig habe ich alles aufgesogen. Die Weisheit für die bürgerliche (Haus)Frau. Wie sie ihren Alltag meistert. Schick aussieht. Entspannt. Die Beziehung auf Vordermann bringt. Essen kocht. Kinder gesund hält und kreativ fördert. Den Tisch dekoriert. Hier erfuhr ich zuerst von der Wichtigkeit biologischer Nahrung, von Kleidungsstücken, die den Cradle-to-Cradle-Ansatz verwirklicht hatten (obwohl das damals noch gar nicht so hieß). Von der Wichtigkeit der Aufmerksamkeit anderen Menschen gegenüber. Und selbstverständlich: Von gutem Sex und seiner befreienden Wirkung.

Alles natürlich entpolitisiert. Ohne revolutionären Unterton. Basisbotschaft: Liebe dein Leben und das Leben der anderen. Sonst tut es keiner. Das hat mich tief geprägt. Und das Bild, das ich von mir selbst als Mann erhalten hatte. Durch die Augen der Frauenjournaille: Männer sind anders. Männer sind da, aber nicht wichtig für die eigene Identifikation. Denn da die Rollen klar verteilt sind, kann der eigene Hoheitsbereich eigenständig ausgebaut werden. Macht – das war im Familiensinn weiblich besetzt. Emotional. Raffiniert. Gekonnt. Durchleuchtend. Fäden spannend. Zusammenhaltend. Schützend. Nährend. Ans Ziel bringend. Der Mann war eine nicht beeinflussbare und zutiefst bemitleidenswerte Konstante, um den herum das Leben organisiert werden musste und konnte. Weil er mit seinem höchst mangelhaften Sozialrepertoire halt ein System der Vergangenheit darstellte. Auch wenn er sich selbst als Krone der Schöpfung wahrnahm. Der Glaube wurde gelassen. Gelebt wurde acht Stunden am Tag ohne ihn im Frauenraum.

Im Volontariat dann erlebte ich dann anscheinend vollkommen andere Frauen: Vollberufstätig. Selbständig. Durchschlagskräftig. Die Auseinandersetzung suchend. Siegend. Nehmend. Sex in the City. Und wieder lange bevor die Serie auf dem Bildschirm flimmerte. Die Redakteurinnen schrieben über die wagemutigen Aktionen der Walschützer auf den sieben Weltmeeren und genossen ihre Freiheit. Und hauten auch schon mal ihren Monatslohn für grüne Pradaschuhe auf den Kopf. Ich durfte mitlaufen. Als naives Landei war ich ungefährlich. Eben fast wie ein Eunuch im Harem. Und so bekam ich vieles mit. Die Vorbereitungen auf Gespräche mit männlichen Geschäftspartnern waren Offenbarungen. Denn das Spiel der Geschlechter wurde auch hier gespielt. Und die Männer verloren jede Schlacht. Solange es nicht um ihre eigenen Posten ging. Da war sofort Schluss. Aber die Klein-Mädchen-Nummer mit Ausschnitt zog bei 90%. Sie setzten das erotische Kapital voll ein. Zig Jahre bevor die Soziologin Catherine Hakim (http://www.catherinehakim.org) offiziell dazu auffordern sollte. Und„meine Frauen“ bekamen ihr Stück vom Kuchen. Damit war alles gut. Sie spielten das Spiel der Männer mit. Kämpften offiziell natürlich dagegen. Prisen sich als die besseren Menschen mit weiblicher Kommunikations- und Führungsstärke. Und waren in Wahrheit doch nur die raffinierteren Menschen. Zwar strukturell unterlegen. Aber die schlagkräftigeren und zäheren. Und in reinen Frauenteams die gnadenlosesten und grausamsten Kämpfer. Frauensolidarität? Fehlanzeige. Frauen, so durfte ich lernen, stehen morgens auf und vergleichen sich mit anderen Frauen. Männer sind halt da. Frauen sind Bezugspunkte. Das tun Männer auch. Vice versa. Aber sie tun es „nur“ auf materieller Ebene. Frauen auf dem Weg in die Struktur und auf das Männerspielfeld machen dies ganzheitlich. Total. Körperlich. Und das stellt die ganze Existenz in Frage. Mich betraf dies, zum Glück, nur peripher. Ich lief ja nur mit. Sie wissen: Als Quasi-Eunuch.

An der Uni dann wurde mir zum ersten Mal deutlich, dass Frauen sich als Minderheit wahrnahmen, zusammen mit körperlich Gehandikapten, Migranten, Alleinerziehenden usw. Alles Sonderreferate beim Asta. Und die Frauen wollten anscheinend raus aus der Minderheit und rein in die Mehrheit. Sie wollten auch Macht. Seit Jahrzehnten schon. Ihr Werkzeug: Geschlechterkonstruktionen entlarven, anprangern, auflösen und neukonstruieren. Da wollte ich mitmachen. Doch zum ersten Mal wurde ich des Feldes verwiesen: „Als Mann, Sven, kannst du niemals wissen, was es heißt, eine Frau im weiblichen Körper zu sein. Geh!“ Und so ging ich. Las Judith Butler und ihre Jüngerinnen. Entdeckte, dass Körper wichtig sind, aber eben vor allem Bedeutungsträger.

Und startet meinen eigenen Kreationsgang. Wieder mit Frauen. Die das Spiel ihrer Vorgängerfrauengenerationen kannten und einfach die Freiheit genossen. Bis sie Kinder bekamen. Und am Super-Mummy-Effekt erkrankten: Alles erreichen wollen, allen gerecht werden sollen. Und dann auch noch die Welt verändern? No way. Schluss mit lustig. „System stabilisieren“ hieß da die Botschaft. Eine Generation im Übergang zum neuen Wir. Und: Warten auf die Harten. Die Jungs. Die aber beim ersten Schleudern der Partnerin und damit des System reagieren wie ein Autofahrer: Noch mehr Gas geben im eigenen Leben. Eine verdammte Zwickmühle.

Selbstverständlich sind mir gerade während meiner Arbeit im Fortschrittsforum viele Frauen begegnet, die sich in der Tat aufmachen, die Welt zu retten: mit Stil, Ruhe, Präzision, Ästhetik, Feingefühl und einer enormen Sach- und Fachkenntnis in Sachen „gemeinschaftliches Lernen und Leben“ (Beispiele: Frauke Godat (http://www.xing.com/profile/Frauke_Godat), Wiebke Koch (www.theglasshalffull.org), Sezen Talici-Ince (www.typisch-deutsch.de), Gosia Winter (www.gosiawinter.com). Aber es sind wenige, die den Weg ernsthaft gehen und ganzheitlich. Und nicht auf halber Strecke an irgendwelchen Fleischtöpfen der Struktur hängen bleiben wollen. Denn sie alle zahlen einen hohen persönlichen Preis für ihre Überzeugung, dass es nur gemeinschaftlich weitergeht. Sie verzichten auf Strukturkarrieren, materiellen Profit und öffentliches Ansehen. Oft auch auf ihre körperliche Gesundheit. Und sie gehen den Weg oft ohne Familie. Weil sie wissen, dass es an der Zeit ist, dienend zu führend. Und das braucht Zeit. Kraft. Innere Stärke und Gelassenheit. Und unendlich viel Mitgefühl. Und das scheint aktuell nur systemnah, aber nicht -intern zu funktionieren. Mit allen Unsicherheiten, die dazu gehören. Wer versteht das schon? Männer kaum, Kinder gar nicht. Und für die Frauenbewegung ist es geradezu ein Affront. Schon wieder die Schleppenträgerin?

Als ich letzte Woche meinen ersten PEKIP-Kurs mit meiner Tochter besucht habe, saß ich verschüchtert in der Ecke dieses totalen Frauenraumes. Da setzte sich eine 18jährige Deutsch-Ghanesin neben mich und erzählte mir über ihre Träume. In einem Kinderhospiz wolle sie mal arbeiten. Am liebsten in Afrika. Denn in diesen Häusern, in denen der Weg vom Leben zum Tod vorbereitet werde, sei die Stimmung ganz besonders heiter. „Was gibt es Schöneres, als ein Kind beim Übergang zu begleiten? Einfach dazusein?“ Diese Sätze hatte ich einige Tage zuvor in einem Gesprächsprotokoll von weiblichen Changemakerinnen schon mal gelesen: „Wir haben eher ein anderes Bild entwickelt als das der Revolution: Wir wollen die alten Strukturen nicht verändern, sondern ihren Lebenszyklus würdig beenden, während sich gleichzeitig bereits neue Strukturen bilden. Also nicht das Alte bekämpfen, sondern es begleiten im Sinn einer Sterbebegleitung.“

Also doch keine Revolution. Sondern „nur“ eine Evolution. Der Gang des Lebens. Wenn die Frauen das sagen.
Und was ist mit der Liebe? Die Antwort hierauf fand ich wiederum im PEKIP-Kurs,als mir meine weise lächelnde Deutsch-Ghanesin ihren Namen nannte: Naomi Ama. Zu Deutsch: Die Freude der Liebe.

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