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Liebe(r) konkret: Lebst du noch oder liebst du schon?

Veröffentlicht in der Kolumne: Konkretomat auf www.fortschrittsforum.de

Jetzt ist es raus: Nicht nur ich will die Liebesrevolution – Occupy Wall Street will sie auch. Sagt zumindest Charles Eisenstein, einer der Spin Doktoren der weltweiten Bewegung. Und meint damit vor allem das Ende der ganzheitlichen Ausbeutung von Natur, Mensch und Kultur. Liebe wird also Politik. Oder wird Politik Liebe? Die Überlebenden der letzten real proklamierten Liebesrevolution von 1968 warnen jetzt schon: „All you need is love. Und dann eben doch all die ganze Annehmlichkeiten des geregelten Lebens, die Geld kosten und Sicherheit bieten und Annerkennung und Gesundheit und Bildung und Nahrung und und und…“

 

Die 68’er hatten ihren Sommer der Liebe. Und danach holte sie die Realität ein. Zumindest wird ihre Geschichte so erzählt. Wo der konservative Bruder von Ehre und Anstand und Transparenz träumte, hing die freibewegte Schwester der Liebe als Leitstern nach. Und doch verloren sich beide Geschwister im Alltagsleben und scheiterten an ihre Ansprüchen. Die allabendlichen Nachrichten lassen grüßen.

 

Leitsterne leben seitdem im Feuilleton und in Sonntagsreden. Leitsterne, die die unendliche Weite brauchen, um zu strahlen und den weit-langen Atmen. Unser Leben ist jedoch unendlich kurzatmig. Und wir Menschen so sehr mit dem Absichern der kleinen Schritte zum Leitstern beschäftigt, dass uns die Weite fehlt und der Glaube daran, dass man jemals am Ziel ankommt. Nämlich, dass die Liebe Lebensrealität ist.

 

Was wäre, wenn der Leitstern nicht ein glänzender Leitstern am fernen Himmel ist, sondern staubgewordene Wirklichkeit? Wenn er leuchtend würde, weil ich ihn mit meinen Füßen putzen würde? Mit jedem Schritt?

 

Das hat schon jemand behauptet: Jesus Christus. Und all‘ seine Freunde im Geiste und Herzen: „ Ein neues Gebot gebe ich euch, daß ihr euch untereinander liebt, wie ich  euch geliebt habe.“ Und doch sind Legionen von Menschen, unsere Vorfahren, daran gescheitert. Und wir tun es immer noch. Und weil wir uns dann noch mehr hassen als sowieso schon, inszenieren wir die Sündenbocknummer. Anstatt wirklich etwas zu verändern.

 

Kennen Sie das Märchen „Die unendliche Geschichte?“ Hier gibt es einen Moment, in dem die Welt im Nichts versinkt und wieder neu aufgebaut werden kann. Entscheidend ist der Name für das Samenkorn. Worauf würden Sie denn Ihre Welt bauen, wenn Sie sie neu errichten dürften?

 

Ich kenne zwar nicht die Macht der Liebe. Ich erahne sie nur. Aber ich setze auf sie. Ich glaube ihr. Ohne Indikatoren und Beweisführungen. Es ist ein Risiko. Neu zu beginnen. Auf die Liebe zu setzen. Was haben wir denn schon zu verlieren? Ok: Uns selbst. Denn die Gefahr ist groß, dass die Baumeister bei den Arbeiten umkommen. Sehr groß sogar. Denn die Alten „Ichs“ werden sterben. Sollen sie sogar. Denn sie sind am Ende. Mit ihrer Weisheit. Wer will diesen „Ichs“ denn wirklich „Wir“ werden, wie Sacha Lobo in seiner Spoon-Kolumne anzweifelt?

 

Große Zeiten erfordern große Ideen. Und große Herzen.

Ich glaube an die Menschen. Und ich weiß um unsere aller Fehlbarkeit.

Aber ist das ein Grund, nicht endlich einmal das Große einzufordern? Ja, Papi, die Haftpflichtversicherung kann ja dann immer noch kommen. Aber vielleicht brauche ich sie dann gar nicht mehr.

 

Was wäre, wenn eine Gemeinschaft sagt: „Wir setzen auf die Liebe. Wir lieben uns selbst, unser Gegenüber und das, was wir geschaffen haben. Wir hören auf zu kämpfen und alles besser zu wissen und beginnen mit dem wirklich großen Werk: Der konsequenten Liebesarbeit.“ Was würde geschehen?

 

Das Fortschrittsforum wird die Arbeit der Enquete-Kommission noch ein Jahr lang begleiten. Ich will ein Jahr lang diesen Weg gehen und mit Menschen darüber sprechen, was Liebe in den unterschiedlichsten Lebensbereichen ganz konkret bedeuten könnte. Zum Beispiel Liebe und Geld. Geht das? Kann man Geld lieben? Und was würde das dann bedeuten?

 

Ich glaube, mein erster Weg führt zu einem Geldpapst. Denn der muss ja wissen.

Oder nicht?

 

Ab sofort heißt’s für mich: Liebe(r) ganz konkret!