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Wenn’s Arscherl brummt

Oder: Mehr Herz für Deutschland

Wer klug ist, sucht das Gespräch mit den sogenannten Alten einer Gesellschaft und hört zu, was sie zu sagen haben. Nicht nur aus Respekt vor einer ganzen Menge Leben, sondern weil es manchmal einen wertvollen Schatz zu bergen gibt, der in Übergangszeiten wie diesen Orientierung geben kann: Lebensweisheit.

Mein Opa hatte nie viel gesprochen, als er noch lebte. Dafür erzählten die kleinen Reisespruchtäfelchen in seiner Küche um so mehr. „Schöne Klöße und brave Mädchen gehen von selbst auf“, verriet das eine, ein anderes gab eher schwer Verdauliches zu bedenken: „Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart.“ Als Kind habe ich diese Sinnsprüche nie verstanden. Später dann verspotteten meine Lehrer in Schule und Universität sie als „Küchenweisheiten“ und ich begann mich für sie mitsamt meinem Opa zu schämen. Naives Geschwafel mit Gefühlsduselei untersetzt. Bis ich vor einiger Zeit mit meinen Eltern am selbigen Küchentisch über Stuttgart 21 sprach und wir gemeinsam über die Zeiten im Allgemeinen philosophierten – wie man das halt so macht in der niederrheinischen Provinz am Gartenzaun mit Kuhherdenausblick.
Wir sprachen über die Herausforderungen der Gegenwart, die Unübersichtlichkeit der Gesamtsituation, der gefühlten Ohnmacht gegenüber den Entwicklungen generell und dem Misstrauen gegenüber den Verantwortungsträgern in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Religion. Wie immer in solchen Diskussionen schauten mich meine Eltern dann mit großen Augen an und erwarteten von mir den erlösenden Sinnspruch. Denn in ihren Augen habe ich es ja bis in die Zentralen der Weisheit geschafft: Ich durfte auf einem Klostergymnasium mein Abitur ablegen, ein Studium absolvieren, ich bekam ein Stipendium, konnte politische Verantwortung übernehmen und herumreisen und mit „wichtigen Menschen“ sprechen. Kurz gesagt: Für sie gehöre ich zu den reichlich beschenkten Stützen dieser Gesellschaft (was aber Eltern im Gemeinhein immer über ihre Kinder denken). Doch auch dieses Mal konnte ich nur mit den Schultern zucken und damit die überall zu findende Ratlosigkeit zum Ausdruck bringen.
Und wieder herrschte betretenes Schweigen am Küchentisch. Ziemlich lange sogar. Bis mein Vater aufstand und aus einer Schublade das letzte der Weisheitstäfelchen meines bereits verstorbenen Opas herausholte. Es war ein Holztäfelchen aus Tirol, in das mit einem Lötstab ein Satz eingebrannt war, der uns als Kinder immer zum Lachen gebracht hatte: „Wenn’s Arscherl brummt, ists Herzerl gsund!“

„Weißt du, Sven, früher habe ich immer geglaubt, dieser Satz bezieht sich allein auf die Gesundheit unseres Körpers und die Ernährung. Heute ahne ich, dass seine tiefe Wahrheit auch auf lebendige Gemeinschaften zutrifft. Vielleicht ist es ein gutes Zeichen, dass sich gerade soviel Unmut zeigt. Ich selbst wäre ja nie demonstrieren gegangen, denn es gab ja immer jemanden, der es stellvertretend für mich getan hat. Wie meinen älteren Bruder zum Beispiel. Der war in der Partei, wusste immer, wo es langgeht und stritt leidenschaftlich für alles. Als die 68’er kamen, ging es für ihn ums Ganze. Eine kleine Meinungsverschiedenheit reichte, um ganze Weltbilder und Anschauungen aufs Schlachtfeld zu führen. Heute ist mein Bruder  – und mit ihm anscheinend auch die großen Weltbilder – verstorben: Und es gibt für mich niemanden mehr, der mir die Meinungsbildung abnimmt. Ganz zu schweigen davon, dass ich sie auch niemandem mehr anvertrauen würde. Manchmal glaube ich, dass es für Menschen wie mich Zeit ist, im gesellschaftlichen Sinne aus der Kinderrolle herauszuwachsen und mich „Vater Staat“ zu stellen. Und damit auch Menschen wie dir, die „das System“ ausfüllen. Stuttgart 21 ist doch nur ein sichtbares Zeichen dieses Aneignungsprozesses. Parteien sind für mich eher menschliche Not- denn faszinierende Gestaltungsgemeinschaften und der Bahnhof als Sackbahnhof ist ein seiner Symbolsprache sicht- und greifbarer Ausdruck einer Entwicklung, die feststeckt. Kannst du das nachvollziehen?“

Ich nickte nachdenklich. Diese Antwort war so überraschend, dass es mir die Sprache verschlug. Und doch hatte ich es geahnt. Während meiner letzten Reisen zu den Konfliktstellen der Republik waren es überwiegend die Kinder des viel beschworenen Bürgertums (das angesichts seiner Heterogenität kaum als gesellschaftlicher Akteur zu beschreiben ist), die aus akuter persönlicher Betroffenheit heraus das Heft in die eigene Hand genommen haben und durch die Aktion sich selbst und ihre Geschichte wiederentdeckt habe – und dabei merkten: Ich bin nicht allein.
Ihnen allen ging es nicht um ein viel zitiertes „Krawallhappening“. Vielmehr sind diese Aktionen Ausdruck einer erwachenden Lebendigkeit und der in bürgerlichen Kreisen so notwendigen Befreiung aus dem Bannstrahl der Überväter – und Übermütter.

Spätestens im Gespräch mit einem Verbandsvertreter über die Herausforderungen der aufbrechenden Konfliktjahre, hätte es mir deutlich wirden müssen. Am Absperrzaun stehend bekannte er leise flüsternd: „Wissen Sie, ich verstehe nicht, dass es Menschen gibt, die freiwillig ohne Geld nachts gegen uns arbeiten. Was sind das für Menschen?“ Dabei blickte er auf Menschen, die ihm wohl noch vor wenigen Jahren in Hotelkonferenzzimmern zugeklatscht hätten, heute aber auf der anderen Seite des Zauns stehen und „Stop!“ rufen. Das war sie – die stellvertretende Bankrotterklärung für viele von uns, die aktuell Verantwortung tragen und nicht mehr weiter wissen. Die sich im unüberwindbaren Gestrüpp selbstkonstruierter Systeme und Regeln und Normen verstrickt haben. Und dabei haben wir doch immer versucht, alles möglichst rational, funktional und effizient zu gestalten.

Das in dieser Selbstoffenbarung zum Ausdruck kommende kulturelle Unverständnis von Parallelgesellschaften, von „denen da drinnen“ und „denen da draußen“, mag in seiner Deutlichkeit beeindrucken, doch die Sprengkraft der Aussage entfaltet sich erst bei genauerem Hinsehen. Was „wir da drinnen“ anscheinend nicht mehr verstehen, ist, dass es Menschen gibt, die von einer Thematik emotional berührt worden sind und Leidenschaft zeigen, bzw. auf dem Weg sind, in ihrem Leben Leidenschaft und Liebe zu etwas wiederzuentdecken: ihr Herz. Diese Menschen brauchen aktuell keine Argumente mehr – davon sind sie jahrelang in einem nicht enden wollenden Schwall zugeschüttet worden.  Und sie wollen in erster Linie auch kein Geld. Sie haben in diesen Auseinandersetzung scheinbar nichts zu verlieren, und können doch das Kostbarste wiederfinden: sich selbst. Und sie übernehmen dafür eigenständig die Deutungshoheit.
Das ist genau das, was die Grundlage zum Beispiel des Inneren Führungsverständnisses der Bundeswehr darstellt: ein starker, sich selbst bewusster Mensch im Dienst für die Gemeinschaft – und damit auch für sich selbst. Aber dazu müssen aus Söhnen und Töchtern von Eltern endlich ganze Menschen werden, die sich selbst definieren und erkennen, was sie sind.

Gemäß dem klassischen Motto „Mens sana in corpore sano“ haben vor allem wir Bürgerlichen viel zu lange nur auf die Ausbildung von Körper und Geist gesetzt – und dabei das wichtigste vergessen: das Herz. Das Ergebnis: Eine entemotionalisierte, durchrationalisierte und ökonomisierte Funktionselite, die in dieser aktuellen bürgerlichen Emanzipationsphase hoffnungslos scheitert, ja scheitern muss. Denn nun rächt sich bitter, dass die vielzitierten „Werte“ in Politik, Wirtschaft, Religion, Wissenschaft und Kunst stets Lippenbekenntnisse waren, die niemals ins Herz gedrungen sind und dort zu Lebenserfahrungen werden konnten. Alle Geschichte, die wir als Kinder immer zu hören bekamen, sei es auf Küchentäfelchen, aus der Bibel, den Märchen und Diskursen der abendländischen Philosophen – sie blieben Geschichten, denn „wir sind ja schließlich nicht mehr im Kindergarten, sondern stehen im harten Wind der Realität.“ Und so hat schleichend bei den Bürgerlichen doch Marx mit seiner These recht behalten: „Das Sein beeinflusst das Bewusstsein.“ Denn wir haben dem äußeren Schatz stets den Vorzug gegeben vor dem inneren, anstatt auf die Talente-Metapher der Bibel zu vertrauen und den inneren Schatz aktiv nutzbar gemacht, damit er aufgeht und Frucht trägt. Nun ist Gott wirklich und endlich tot – denn die, die vorgaben, an ihn zu glauben, haben ihn verlassen. Und die Moderne ist endgültig entzaubert. Was für eine grandiose Niederlage.

Das Ergebnis: Unsere Köpfe sind voll; unsere Herzen sind leer und unsere Taten verzagt, blutleer und lieblos. Und deshalb vertrauen uns die Menschen nicht mehr – zu Recht. Denn sie sehen unglückliche Gestalten, die sich im eigenen Hirngespinst verstrickt haben und denen die Lektion der echten Herzensbildung fehlt. Und damit andere Menschen nicht auf dem Weg in eine noch nicht sichtbare Zukunft begleiten können, weil sie weder ihr eigenes Herz kennen, geschweige denn das der ihnen anvertrauten Menschen.

„Alles Wahre ist einfach“, stand auf einem weiteren Küchentäfelchen meines Opas, und daneben hing seine Küchenuhr: „Alles im Leben hat seine Zeit.“

Es scheinen die Jahre der Konflikte zu kommen, und sie sind notwendig, um die Verwandlung unserer Gemeinschaft kraftvoll vorantreiben zu können.  Es geht um das Ganze. Und wir haben die Wahl. Ob es unsere Zeit ist oder nicht.

Wie heißt es doch auf dem Küchentäfelchen meines Opas: „Wenns Arscherl brummt, ists Herzerl gsund!“

Und wissen Sie was? Ich liebe diese Täfelchen!

Abdruck eines Artikels aus  Civis mit Sonde 2 +3 2010